Piz Palü (3900m)

Auf der Anreise zu unserem gemeinsamen Klubschitourenwochenende legten wir letzten Freitag am Berninapass einen kleinen Boxenstopp ein. Zuerst fuhren wir gemütlich mit der Seilbahn auf die Diavolezza. Berits von dort bot sich ein perfekter Ausblick auf unser Tourenziel den Piz Palü. Nach einer kleinen Abfahrt zum Vadret Pers Gletscher hinunter marschierten wir zuerst auf die Scharte vor dem Ostgipfel und anschließend auf Grund der bescheidenen Schneeauflage zu Fuß auf den Ostgipfel und weiter zum Hauptgipfel. Erstaunlicherweise waren wir an diesem Tag zu dieser Tageszeit fast die Einzigen am Gipfel. Das Panorama über die Berninagruppe war schlicht und einfach genial. Nach einer kurzen Pause gingen wir wieder retour zu unseren Schiern und fuhren in einer landschaftlich kaum zu überbietenden Abfahrt bis nach Morteratsch zur Bahnstation. Lediglich einmal war eine kleine Bergeaktion für Roberts Schi notwendig wo just im falschen Moment die Bindung aufging und der Schi bis knapp vor die folgende Spalte seine Fahrt alleine fortsetzte.
Als letztes genossen wir dann noch die Bahnfahrt retour zum Ausgangspunkt.

Andi Schinner

Tourendatum: 1.4.2011

Wilder Freiger (3418m)

Wie am Vorabend spontan besprochen wollte mich Andi also am Samstag um 6:30 abholen, um den Wilden Freiger über die Sulzenauhütte und den Wilden Freiger Ferner anzugehen. Ein herrlicher Tag bricht an, Bilderbuchwetter, und durch eine außerplanmäßige „Verspätung“ von Andi hatte ich plötzlich sogar 3 zusätzliche Minuten gewonnen, genug Zeit, um mich mit heißem Tee anzuschütten. Beim Weggehen um 7:15 wähnte ich mich im Vorteil als ich zu Andi sagte: „Der jüngere trägt das Seil“. Kurz nach der Sulzenauhütte, wo wir 5 Tschechen, welche offensichtlich im Winterraum der Hütte nächtigten, überholten, hatte ich dann die Ehre, die Spurarbeit über den Freiger-Ferner zu übernehmen. Was gibt es schöneres als durch bis zu 50cm tiefen Pulver die erste Fellspur zu legen? Natürlich- die erste Abfahrtsspur wieder hinunterzulegen. Dies war uns nach 4,5 Stunden Aufstieg und einer kurzen windstillen Rast mit traumhafter Fernsicht am Gipfel auch vergönnt. Ein absoluter Höhepunkt der bisherigen Tourensaison.

Pizzo Scalino – südl. Berninagruppe

Der Kurzurlaub im Engadin hat schon bestens begonnen – Fell vergessen und eine Nacht durchgekozt. Bei meinem Genesungstag ließen wir es ruhig angehen und fuhren mit der Berninabahn nobel nach Poschiavo – und oberhalb steht er, der formschöne Pizzo Scalino. Nicht der höchste Berg der Umgebung (Bernina, Palü et al. werfen große Schatten) – aber ein unbekannter.
Zurück in Pontresina mussten wir uns im Bergführerbüro so einiges anhören: Frage: „Wie schaut denn der Gletscher am Pizzo Scalino aus – wir haben nämlich nichts mit…“ Antwort: „Pizzo wer?“ „Scalino – oberhalb von Poschiavo.“ „Ha! Da gehen wir nicht hin – der steht ja in einem anderen Tal!“ Hilfsbereit wie die Schweizer sind, wird telefoniert und wir erhalten die Auskunft: „Volles Programm und für den Grat Pickel und Steigeisen“. „Ähh noch eine Frage – können wir uns ein Paar Felle ausleihen?“ „Oh mei, was habt ihr Österreicher denn im Hirn? Fahren wir mal in die Schweiz, so ein wenig zum Bergsteigen, hä? Ihr seid ja ärger als unsere Kunden, denen müssen wir auch immer sagen, dass man im Winter Handschuhe braucht und eine Sonnenbrille am Gletscher.“ Die Felle haben wir schließlich bekommen, und auf den Hinweis, sollten wir sie erst nach Geschäftsschluss zurückbringen, bräuchten wir nur anzurufen – man weiß ja nie ob man nicht biwackieren muss, konnten wir getrost entgegnen, dass wir sicher nicht biwackieren werden, weil wir ja auch keinen Biwacksack dabei haben…  In der Unterkunft brachten wir schließlich das WLAN zum laufen und staunten nicht schlecht über die vielen Fotos im besten Tourenplanungsprogramm (Google Earth), auf denen regelrechte Karawanen auf unseren Gipfel ziehen. Zumindest wussten wir, dass wir getrost ohne das viele Zeugs die 1900 Höhenmeter marschieren konnten.
Von den Spuren her sahen wir, dass am Sonntag wohl so gegen 15 Schitouristen am Berg waren – nicht wenige von der italienischen Seite (von dort ist es merklich kürzer). Glücklicherweise geht am Montag aber kein Mensch mehr auf Tour und das weite Gelände ließ noch genug Platz für eigene Linien. Der Grat hat wohl alle Schitouristen am Vortag abgeschreckt und so konnten wir nach kurzer Kletterei und Stapferei einen herrlichen Rundblick vom einsamen Gipfel genießen. Im N die Berninagruppe mit Piz Roseg, Bernina, Zupo, Palü… im NO die Ortlergruppe nach O Adamello und Presanella, nach S die Bergamasker Alpen, nach W das Bergell mit dem mächtigen Monte Disgrazia und in weiter Ferne Monte Rosa und Berner Oberland.
Die Abfahrt wurde zum Pulvertraum – zumindest die oberen 1000 Höhenmeter – darunter dann bester Larcher-Pulver und schließlich die letzten Schwünge im Halbgefrorenen. Als rustikalen Abschluss gab es noch eine Lettenschlacht, denn schließlich ist das Auto in der Parkplatzwiese versumpft. In grob einer Stunde wurde mithilfe des Strauchschnittes aus Nachbars Garten die Karre zentimeterweise aus dem Dreck manövriert. Auto und Besatzung sahen schließlich aus wie die Gewinner des lokalen Ackersauderbys und somit konnten wir mit breitem Grinser im lokalen Nahversorger für Kaloriennachschub sorgen.

Rainer Prinz und Michael Winkler

Tourendatum: 21.03.2011

Monte Mulaz + Cima Bureloni (3130m)

Zur Abwechslung fuhren wir letzten Samstag in die Pala Dolomiten. Bei nahezu wolkenlosem Wetter gingen wir zuerst bei pistenartigen Verhältnissen auf den Mulaz. Vom Gipfel bot sich ein idealer Ausblick in die gesamten Dolomiten. Da aber der Tag nach einer derart langen Autofahrt vollständig ausgenützt werden will entschloss ich mich nach einer kurzen Abfahrt bis unterhalb der Mulazhütte noch auf die Cima Bureloni aufzusteigen. Faszinierend wie man immer wieder zwischen bzw. neben den Felswänden emporsteigt. Vom Gipfel sah dann der Mulaz richtig klein aus.  Die Abfahrt erfolgte dann durch die steile Rinne direkt neben dem Gipfel.

Andi Schinner

Auf der Suche nach einer einsamen Tour sind wir letzten Mittwoch ins Pfitschertal nach Stein gefahren wo das Auto zeitig in der Früh geparkt wurde. Danach ging es zunächst auf perfekt windgepressten Pulver bis zum Pfitscher Joch wo bereits die Sonne auf uns wartete und von dort Richtung Norden weiter bis zum Stampflkees. Nach einer kurzen Fotopause gingen wir weiter bis auf die Scharte nördlich der Oberschrammacherscharte und anschließend zu Fuß in gemütlicher Stampferei im mit Felsplatten hinterlegten Pulver über den Südgrat bis zum Gipfel. Oben bot sich bei wolkenlosem Wetter ein perfektes Panorama in die umliegende Bergwelt. Selbst der angekündigte Föhn blieb aus womit wir sogar eine angenehme Gipfelrast einlegen konnten. Da wir bereits wohlweislich die Schi bis zum Gipfel mitgenommen haben fuhren wir danach direkt über die Südwand bei durchwegs guten Verhältnissen bis zum Stampflkees ab. Nach dem Stampfelkees ging es dann über die Schneescharte hinunter zur Grieplalpe und von dort weiter zum Ausgangspunkt nach Stein hinunter. Danach folgte traditionell noch das Auffüllen der Speicher bei einer Pizza im Terminus.

Andi Schinner , Toni Hörhager

Gründung 9. Juni 1904

Der alpine Klub Karwendler wurde am 9. Juni 1904 durch Johann Dassati, Franz Hassl, Ernst Mayer, Hans Lenz, Franz Schinner, Ludwig Winkler und Matthäus Winkler gegründet. Bei der ersten Generalversammlung im Gasthof Goldener Löwe in Hötting waren 14 Mitglieder versammelt. Bei der Gründungsbergfahrt am 31. Juli 1910 wurde auf der Kaskarspitze im Karwendel ein Gipfelbuch hinterlegt. Dorthin führt auch heute noch der Weg anlässlich der jährlichen Gendenktour zum Ende des Bergjahres. In einem getrennten Schrein ist ein Buch mit den Bildern, den Geburts- und Sterbedaten jedes einzelnen verstorbenen Klubbruders verwahrt.

Weit, weit im Westen, hinter den fernen Ötztaler Bergen, ging golden die Sonne unter. Lange noch lag heller Schein auf den Gipfeln, die gewaltigen Firndome in Purpur hüllend, während sich vom herbstlich gefärbten Valsertale die Schatten immer weiter heraufschoben, um endlich auch uns mit kalten Armen zu umfangen. Da zogen wir still und ruhig weiter, unserem heutigen Ziele, der Geraerhütte zu. Nacht war es geworden, als sich kreischend die Türe der Hütte öffnete, uns müden Bergwanderern Schutz und Obdach gewährend. Gar bald verkündete heller Lichtschein aus den Fenstern der Talbewohner, daß wieder einmal ein paar geplagte Menschenkinder dem öden Berufsleben entflohen waren, um einen Tag in den Bergen zu verleben.

Die Nach war schwül und lauer Wind strich leise um die Hütte. Unsere aufgeregten Nerven ließen uns nur schlecht schlafen. Ein kurzer Schlummer, dann aus wirren Träumen jähes Erwachen! Mit offenen Augen lag ich nun da und sah durch das Fenster den jungen Tag erscheinen. Gleichmäßiges, fahles Grau bedeckte den Himmel, leise wehte der Morgenwind und die Riesenwand schaute schwarz und dräuend auf uns armselige Menschlein nieder. Da zog ein düsterer Mollklang traurig durch meine Seele; ahnte sie das harte Ringen, das unser wartete…?

Schon als kleiner Junge war ich einmal hineingekommen zur Geraerhütte und hatte staunenden Auges die gigantische Nordwand des Schrammachers geschaut. Später war ich wiedergekommen, um sie auf ihre Gangbarkeit zu prüfen, doch geschlagen von den fürchterlichen Steinlawinen trollte ich mich beschämt wieder zum Tale hinaus. In unerhört glatter Plattenflucht bäumte sie sich aus den geborstenen Eismassen des Alpeinerferners auf. Doch nicht in erhabener Ruhe liegt diese schwarze, dämonische Wand, nein, denn fast ununterbrochen dringt das Donnern und Krachen der Steinlawinen an das erschreckt aufhorchende Ohr. Ja, selbst in der Nach treibt dort der Steinschlag sein unheimliches Spiel und gar mancher Bergsteiger, der im Hochsommer auf der Geraerhütte weilte, wird sich dessen erinnern. Aber wenn die gelben Blätter von den Bäumen fallen und der Herbststurm mit kaltem Hauche die gefährlichen Geschosse fest an ihre Unterlage kittet, dann ist es Zeit, an die Ausführung solcher Fahrten zu schreiten.

Vor 26 Jahren, am 25. September 1895, durchstieg der kühne Drasch, an Mut und Können weit seiner Zeit voraus, diese Wandflucht. Auch er hatte erkannt, daß diese Tur nur im Herbste durchzuführen sei und dem Vorurteile der gesamten damaligen Zillertaler Führerschaft trotzend, führte er sein Vorhaben, begleitet vom Führeraspiranten Joh. Lechner, siegreich aus. Die zunehmende Schwierigkeit des vereisten und plattigen Gesteins zwang ihn schließlich, den direkten Durchstieg aufzugeben und die Wand gegen den Westgrat hin zu durchsteigen. Tief und erhaben waren seine Eindrücke auf dieser seiner schwersten Fahrt. Wir jungen Bergsteiger, die wir noch mitten im Sturme und Drange stehen, schütteln die Bedenken über mögliche Gefahren leichter ab, als ein gereifter, älterer Mann. Wir alle suchen eben in den Bergen das Erlebnis, das geheimnisvolle, undefinierbare Etwas, das uns hinaufzieht zu den sturmgepeitschten Gipfeln. Und zufrieden und glücklich kehren wir dann wieder heim in die Niederungen, froh, etwas geleistet zu haben, wenn es auch niemandem zu Nutze ist.

Als es heller Tag war, standen wir, mein Freund Baumgartner und ich, droben auf dem Eise des Alpeinerferners und legten das Seil an. Dann querten wir so rasch als möglich den Ferner, um zu unserem Einstieg zu gelangen. Überall zeigten sich im Eise die Einschlaglöcher des sommerlichen Steinschlages, mit den eingeschmolzenen Felstrümmern. Besorgt flogen unsere Blicke die Wand hinauf – aber es blieb still. Der Neuschnee, der im oberen Wandteile lag, war gefroren und bannte das lose Gesindel. Um 8 Uhr morgens wechselten wir am Rande des Eises die Genagelten mit den Kletterschuhen, um rascher vorwärts zu kommen. Ein kleiner Sprung über die Randkluft und wir legten Hand an die Wand, die uns erst nach langem, harten Kampfe den Sieg gönnen sollte.

Ein Quergang war der Beginn. Über Gneisplatten, die an ihrer Oberfläche ganz zermürbt waren, strebten wir einem Pfeiler zu. Rascher kamen wir nun auf diesem empor. Wir gingen gleichzeitig, denn würde durch die Tageswärme Steinschlag eintreten, so sollte er uns nicht mehr im unteren Wandteile überraschen. Rastlos kletterten wir aufwärts und nur selten unterbrach ein hastiger Ruf unsere Tätigkeit, wenn sich das Seil irgendwo verhängt hatte. Nach zwei Stunden waren wir 400 Meter durchgeklettert und wir ließen uns nun auf dem Kopfe eines zweiten, kleineren Pfeilers zu kurzer Rast nieder. Es war dies eine der wenigen, vorspringenden Wandstellen, die von der Sonne getroffen werden und gar wohlig wärmten uns ihre Strahlen. Mit unseren Beobachtern, die drunten auf dem Moränenrücken saßen, verständigten wir uns durch Rufe und sie wunderten sich nicht wenig über unser rasches Vordringen. Einige rotgefärbte, ganz morsche Leinenstreifen, die wir fanden, bewiesen uns, daß wir den Spuren Dr. Drasch’s folgten. Von den Steindauben, die er errichtet hatte, war nichts mehr zu sehen; die waren wohl schon lange auf den Gletscher hinuntergefegt worden. Von unserem Pfeilerkopfe ging Dr. Drasch nach rechts zum Westgrate, während wir direkt zum Gipfel wollten und uns nach links wandten. Vorerst mussten wir die mit Eis und Schnee gefüllte Steilrinne, durch die wir heraufgekommen waren, nach links queren, um zum Beginne eines Neuschneestreifens zu gelangen, der sich fast horizontal durch die Wand nach Osten zog. Wir hatten darunter ein Band vermutet, das uns zu einem kleinen, in der Gipfelfalllinie gelegenen Eisfelde führen sollte und erlebten nun die erste Enttäuschung, denn es waren nur etwas weniger steile Platten, auf denen sich der Schnee gehalten hatte. Ihre Überwindung war schwer und mahnte uns zu äußerster Vorsicht. Mit dem kurzen Eisbeile schlug ich die gefrorene Schneedecke durch und lautlos versank der in die Bresche gestellt Fuß im weichen Pulverschnee. Die halberstarrten Finger mussten sich mit kleinen, vereisten Leisten begnügen, die aus den Platten herausragten. Natürliche Sicherungsgelegenheit gab es an diesem unheimlichen Plattenpanzer nicht; da trieb ich denn mit klingenden Schlägen den ersten Sicherungshaken in eine Ritze. Kaum ertönte das scharfe Knacken des Karabiners, der Seil und Hakenring verbindet, als schon Freund Baumgartner erschien, dem es auf seinem Stande – in Kletterschuhen im Schnee – zu unbehaglich wurde. An dem Haken gesichert, wechselten wir nun die Beschuhung.

Dr. Fritz Drasch schreibt über die Bänder folgendes: „Das Fehlen guter Griffe und außerdem der große Mangel geeigneter Vorsprünge zur Seilversicherung, machen diese Tur mit Rücksicht auf die häufigen Traversen auf schmalen, abschüssigen Bändern, Gesimsen und Eishängen zu einer gefährlichen. Ich nenne eine Passage insbesonders dann gefährlich, wenn ein Fehltritt, ein Fallen, durch das Seil des Gefährten nicht paralysiert werden kann. Ein Gleiten würde fast überall für einen mit dem Seile verbundenen Gefährten höchst mißlich sein. An manchen Stellen müsste aber das Fallen eines Gefährten unbedingt auch den Sturz des anderen zur Folge haben.“ (ÖAV Z. 1986).

Wir wollten nun keineswegs den jähen Sturz in die Tiefe antreten, wenn etwa einer auf den schneebedeckten Platten ausgleiten sollte – ebenso wenig dachten wir an Umkehr – griffen daher lieber zu künstlicher Sicherung. Das Band, auf dem wir nun weiter vordrangen, wurde durch eine Rippe gesperrt; hinter dieser, bei dem kleinen Eisfelde, mußte sich entscheiden, ob wir auf unserer geplanten Route weiterkommen würden oder nicht. Einige Seillängen, dann lag dieselbe hinter mir. Ein staunender und zugleich unwilliger Ausruf meinerseits brachte Freund Kuno schleunigst nach und mit Kummer sahen wir die glatten Zentralgneisplatten, fugenlos aneinandergereiht, zum Gipfel aufragen. Es hätte der Steilheit wohl gar nicht bedurft, um ein Durchkommen unmöglich zu machen, denn sie waren auch noch mit einem mehrere Zentimeter starken Eispanzer überzogen. An ein Emporkommen in der Geraden war nicht zu denken. Schwärzliche Streifen zeigten sich an der Oberfläche des vor uns liegenden Eisfeldes, vom herabrinnenden Schmelzwasser herrührend, das auch den Neuschnee teilweise weggeschwemmt hatte. Östlich dieses Eisfeldes strebt ein gratähnlicher Pfeiler empor; den weiteren Verlauf konnten wir zwar von unserem Stande aus nicht sehen, aber auch unsere Niedergeschlagenheit war im Augenblicke dahin. Dort drüben war eine Möglichkeit, weiterzukommen – also hinüber! Dies war aber leichter beschlossen als ausgeführt. Vorerst kletterte ich am westlichen Rande des Eises so hoch als möglich hinauf; dann machte sich Freund Kuno, der Steigeisenbewehrte, von oben her gesichert, ans Stufenschlagen. Vorsichtig räumte er die etwa 20 Zentimeter starke Neuschneeschichte ab, bis er endlich im Eise den Tritt sicherstellen konnte. Eine Stunde dauerte es, bis sich Baumgartner durchgearbeitet hatte, dann durfte ich nachkommen. Wir saßen nun drüben auf schmalem Bande und ließen unsere Blicke umherschweifen. Während der Kletterei nahm der Fels unsere Aufmerksamkeit derart in Anspruch, daß wir nicht Zeit hatten, uns umzusehen, jetzt war es aber anders. Überwältigend war der Anblick und doch kam uns die Großartigkeit des Geschauten kaum zum Bewußtsein. Ein Gefühl des Verlassenseins legte sich schwer auf unser Gemüt. Kalt und schwarz war der Fels, der uns umgab, und die eingebetteten Eisfelder erhöhten noch das abweisende, unfreundliche Aussehen dieser Wand. Ungleich düsterer war der Eindruck gegenüber dem, den der Bergsteiger empfindet, wenn er in hellem, sonnendurchwärmten Fels der Kalkalpen einem Gipfel zustrebt. Seltsam war der Gegensatz zwischen der schwarzen Riesenwand, in der wir uns befanden, und den sanften Formen der Tuxer Vorberge, auf deren grasigen Hängen heller Sonnenschein lag. Weiter im Norden ragten die weißen Riffe der Kalkalpen zum Himmel; im Karwendel und Wetterstein grüßten wir liebe, alte Bekannte.

Ein eigenartiges Knirschen machte uns wieder auf unsere nächste Umgebung aufmerksam. Immer stärker wurde es, da ging plötzlich ein klaffender Riß durch die Stufenreihe und starr vor Staunen sahen wir den unteren Teil des Eishanges donnernd die Wand hinabstürzen. Aufgeregt sahen wir hinab zu den noch immer gierig geöffneten Schlünden des Gletschers, die soeben die Eislawine aufgenommen hatten. Dann lag alles wieder so ruhig da wie zuvor, nur in uns stürmte und wogte es weiter – unsere Phantasie arbeitete fieberhaft. – Sicher war durch die geschlagenen Stufen der innere Zusammenhang des Eises gestört worden; der tiefere Hang hatte keinen Halt mehr auf der Plattenunterlage und kam ins Gleiten. Wir hatten wohl zu viel gewagt, als wir den Eishang angriffen, doch das Glück stand ja bei uns und – wer hätte noch nie einen Fehler in den Bergen gemacht?

Etwas verstört machten wir uns auf den Weiterweg. Der Pfeiler, der nunmehr emporführte, war ein gar trotziger Geselle und nur ungern ließ er sich von nimmersatten Menschlein bezwingen. Doch gewaltig zog es uns empor, der Sonne entgegen, die den Fels über ihm heller aufleuchten ließ. Bald empfing sie auch uns, die wir so lange im kalten Wandschatten kletterten, mit ihren wärmenden Strahlen.

Wenige Dutzend Meter kamen wir in immer schwerer werdender Kletterei empor. Eis und Schnee überzog wieder das Gestein, erst in kleineren Flecken nur, dann aber in zusammenhängendem Felde. Der Pfeiler, auf den wir unsere Hoffnung stützten, wurde immer flacher und verlor sich einige Meter höher ganz im Eis. Bitterer Zwang war nun die Fahrt geworden; entweder über den dünnen Firn zum lockenden Gipfel, oder zurück durch die lange, lange Wand! Acht Stunden waren wir bisher unterwegs – nur noch 150 bis 200 Meter trennten uns vom Gipfel, und da sollten wir zurück? Aber den Gang über das Eisfeld anzutreten, dem widersprach wieder der kühle Verstand. Und doch siegte das Bergverlangen in uns! Wag’s und gewinn’s – wer begriffe wohl die Seele des Bergsteigers in solchen Lagen?

Drei Haken trieb ich in das morsche Gestein – wir wollten alle Vorsicht, die uns zu Gebote stand, anwenden. Das Rufen unserer Beobachter, das dumpf und warnend unser Ohr traf, verstummte erschreckt, als sich Freund Kuno anschickte, den Eishang anzupacken. Energisch beginnt er die Stufen zu schlagen. Zehn Meter geht es gut, dann aber klagt er über das schlechte Eis. Große Schollen brechen aus, wenn er nur ein wenig stärker schlägt. Vorsichtig und langsam meißelt er nun die Stufen. Das Eis ist so steil, daß er sich auch Griffe für die rechte Hand herausarbeiten muß. – – – –

Langsam, unendlich langsam geht es vorwärts. Das Eisfeld ist etwa 120 Meter hoch und 60 Meter breit; seine Neigung dürfte wohl gegen 50 Grad gehen. Zirka 20 Meter unterhalb wird die Wand überhängend. Die Eisstücke, die Kuno losschlug, tanzten den Hang hinab und flogen dann in weitem Bogen durch die Luft, hell aufleuchtend im Sonnenlichte. Doch auch dieses Schauspiel kann ich nicht lange mitansehen. Stumpfsinnig untersuche ich den Haken und Seile, müde und schläfrig werden mir die Sinne, jetzt, wo sie wach und angespannt bleiben sollten. Paul Güßfeld schreibt von einer ähnlichen Lage, in der er sich bei einer Tur über die Berninascharte (im Jahre 1878) befand, folgendes: „In dieser schwindelnden Höhe – denn das ist sie im buchstäblichen Sinne des Wortes – machte ich von neuem die Wahrnehmung, daß es absolute Schwindelfreiheit überhaupt nicht gibt und daß das, was wir so nennen, nur ein höherer Grad von Widerstandskraft gegen sinnverwirrende Einflüsse ist. Sie machen sich geltend, sobald die vier Hauptbedingungen: offene Abgründe, unsicherer Stand, erzwungene Untätigkeit und langes Verweilen, gleichzeitig vorhanden sind; sie äußern sich nicht im Taumel oder in dem Wunsche, um jeden Preis, also auch um den des Sturzes, aus der unerträglichen Lage befreit zu werden, aber man fühlt ihre Wirkung, wie wenn ein elektrischer Strom durch das Gehirn zöge.“

Ein Zuruf Kunos lässt mich auffahren aus meinem dumpfen Brüten – das Eis ist so dünn geworden, daß er bei jedem Hiebe die Gneisplatte durchspürt, ja manchmal sogar bloßlegt. Wir ermuntern uns gegenseitig zur Vorsicht, dann klingen wieder hell die Pickelschläge aus der Wand, von seinem Vordringen Kunde gebend. Länger und länger wurde der Schatten Kunos auf dem Eise, da huschte plötzlich ein düsterer Schatten durch die Wand! Erschreckt sahen wir, wie eben die Sonne hinten am Horizont verschwand. Keiner hatte auf sie geachtet, so kam uns die hereinbrechende Nacht überraschend. Es war halb 7 Uhr abends.

Fieberhaft schlägt nun Kuno die Stufen, aber immer noch trennt ihn ein Eisstreifen von den jenseitigen Felsen. Längst schon hatte ich das 40 Meter lange Reserveseil angeknüpft und in weitem Bogen lagen nun bald 70 Meter auf dem Eise. „Nur noch wenige Meter“ rufe ich hinüber, sehen kann ich ihn nicht mehr, denn es ist Nacht geworden. „Ich bin drüben“ kam es zurück und das Klirren eines Hakens wurde hörbar. Bald war die Sicherung geschaffen – ich riß die meine heraus und lief mit starr gefrorenen Füßen die Stufenreihe hinüber. Angekommen, klammerte ich mich zitternd und frierend an den Eisenring, aber wir hatten nicht Zeit, uns auszuruhen. Mit erstarrten Fingern seilte ich mich los und zog das 40-Meter-Seil gedoppelt durch den Ring. Wir waren etwas zu hoch gekommen und standen am Rande einer gewaltigen Platte. Nach ungefähr 15 Meter Abseilen erreichte ich ein Band, auf dem wir vereint stehen konnten. Kuno kam nach und während er das Seil abzog, machte ich die elektrische Lampe gebrauchsfertig. Gespenstig leuchteten die weißüberzuckerten Felsen auf, als der Lichtkegel über sie hinstrich. Die Freunde, tief, tief unten gaben durch Rufe zu erkennen, daß sie unser Lichtlein sahen.

Schwer war das Ringen um den Ausstieg, doppelt schwer durch die Nacht und Kälte. Nur immer wenige Meter beleuchteten Fels sahen wir vor uns. Sorgfältig mußten die Griffe vom Schnee gereinigt werden. Wilder Trotz, vereint mit Zuversicht, hatte sich unser bemächtigt. Durch mussten wir auf alle Fälle und unser Können wuchs mit den Schwierigkeiten, die sich uns in den Weg stellten. Je näher wir dem Gipfelgrate kamen, desto brüchiger wurde der Fels. Jeder dritte Griff brach aus, unwillig warf ich die tückischen Stücke in die Luft – Aufschlag hörten wir keinen – lautlos versanken sie im Dunkel der Nacht. Da endlich taucht die Grathöhe auf, die Wand wird weniger steil und nach wenigen Minuten drückten wir uns aufatmend und ernst die Hand. Dieser stumme Händedruck dort oben, nach dem Gefährlichsten, was wir je bestanden, war uns mehr wert, als tausend Freundschaftsbeteuerungen drunten im Tale. Dann legten wir das Seil ab, das uns durch die ganze Wand verbunden hatte, zum gemeinsamen Siege.

Gerne ließen wir uns jetzt zur wohlverdienten Rast nieder. Fahler Mondschein lag auf den Firnen der Zillertalkette – Mösele und Hochfeiler, die beiden Schönen und Gewaltigen, sie lagen uns ja gerade gegenüber. Stolz ragten sie hinein in den sternenbesäten Himmel. All die vielen Hochgipfel, die uns umgaben, nach aufwärts wiesen sie wie gewaltige Riesenfinger – – empor! Doch kein dauernder Aufenthalt sind diese ragenden Höhen für den Menschen im Tale, wußten wir doch liebe Freunde drunten im gastlichen Hüttlein.

Endlos lang schien uns der Abstieg über den Nordostgrat. Als wir drunten standen in der Alpeinerscharte und still das Seil aufrollten, ging es gegen Mitternacht. Dann liefen wir den Steig hinab zur Geraerhütte.
Dort, wo wir am frühen Morgen den Gletscher betreten hatten, blieben wir stehen. Wir waren wieder am Fuße der ungeheuren Wand, die uns so ungern durchgelassen hatte. Ruhiges Mondlicht lag im oberen Wandteile und beleuchtete die Stufenreihe, die schräg aufwärts durch das letzte Bollwerk führte. Fröstelnd zuckte ich zusammen – war es der Gedanke an ein Ausgleiten da oben, 800 Meter über dem Gletscher, oder war es der kühle Nachtwind? . . . ich weiß es nicht.

Die Nervenanspannung, die auf uns lastete, wich nur langsam. Kein Stein konnte mehr treffen und kein stürzendes Eisfeld uns in die Tiefe reißen; wir waren Sieger geblieben, weil wir viel gewagt – und Glück gehabt hatten, unbändiges Glück. Der Bergsteiger begibt sich ja auch in Gefahr, wenn er den Berg von der leichtesten Seite besteigt; immer aber hat er die leise Hoffnung, sie zu überwinden und dadurch neue Lebenswerte zu gewinnen. Je größer nun der Kampf mit den Berggewalten, umso tiefer auch die Befriedigung nach gelungener Fahrt!

Wenige Stunden noch barg uns das kleine Hüttlein, dann zogen wir in stiller Nacht, wie wir gekommen waren, wieder das Tal hinaus.

Friedl Pfeifer

Am 10. September, kaum ein Monat nach der Erstbezwingung, befanden wir uns auf der Prinz Umberto-Hütte: Zwei Freunde, Dr. Much Widschwendtner und Toni Haberl, die uns die Tur so weit als möglich erleichtern wollten, mein Bruder Paul und ich. An diesem Tag herschte noch schlechtes Wetter, das Einsteigen in die Nordwand war unmöglich. Der Morgen des 11. September versprach gutes Wetter. Er brach in zauberischer Schönheit an. Am Paternkofel leuchteten schon die ersten Sonnenstrahlen. Schwer bewaffnet für das Kommende stiegen wir unter den noch düsteren Nordflanken der Drei Zinnen dahin. Die ungeheuere Wucht und der senkrechte, oft überhängende Abfall unseres Zieles, wirkte überwältigend.
Rechts der großen, gelben und überhängenden Felszone war ein Sockel, über diesen klettern wir noch ohne Seil zum eigentlichen Einstieg. Um 8 Uhr früh stand mein zwanzigjähriger Bruder und ich, behangen mit zwanzig Karabinern, 18 Haken, zwei Seilen mit je 32 Meter und 30 Meter Reepschnur bereit. Und nun begannen die ersten Schwierigkeiten.
Paul packt an, es war eine Freude ihm zuzusehen; er meisterte die Sache glänzend. Nach etlichen Metern schnappt schon der erste Karabiner im den Haken. Ein äußerst schwieriger Quergang führt in die vollkommen glatt auftretende Wand hinaus. Hat der erste das Seil ausgegangen, dann läuft es durchschnittlich durch 10 bis 14 Karabiner. Damit keiner zu kurz komme, tauschen wir jede Seillänge im Vortritt. Übrigens hat gerade bei solch schwieriger Felsfahrt der zweite noch bedeutend mehr Anstrengungen auf sich zu nehmen, als der erste.
Die ersten 300 Meter sind im allgemeinen vollkommen senkrecht; noch dazu hängt die Wand oft so über, dass der kleinste Zug von oben den zweiten aus der Wand reist und ihn in der Luft baumeln lässt. Als wir hundert Meter hinter uns gebracht hatten, war es schon 2 Uhr nachmittag; wo die Zeit hingekommen ist, das weis der Himmel. Die folgenden hundert Meter waren etwas leichter, was man so unter „leicht“ in dieser Wand versteht. Es traten einige Risse und bessergriffige Stellen auf, dafür sind meines Erachtens diese hundert Meter die gefährlichsten, da zu der ungeheuren Steilheit noch starke Brüchigkeit kommt.
Um 7.30 Uhr abends erreichen wir einen der besten Standplätze des ganzen, etwa 300 Meter hohen, schwersten Teiles der Wand. Wir erwählten ihn sofort als Beiwachplatz; bis hierher kamen die Italiener in zwei Tagen. Ein Gefühl aus Freude und Stolz beseelte uns und wir fanden noch Zeit, das letzte Licht des sterbenden Tages mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Ganz aufrichtig gesagt, war es eine meiner schönsten Beiwachten, allerdings nicht gerade die bequemste. Unsere beiden besorgten Freunde kamen nochmals zum Einstieg, um uns herzlich gute Nacht zu wünschen und das hat uns ungemein gefreut. Wir fühlten uns wie geborgen. Die Nacht verlief sehr gut, wir schliefen sogar sechs bis sieben Stunden. Paul, der ganz ausgiebig geschnarcht hat, war unglaublich begeistert von seinem ersten Biwak. Der Morgen war kühl, Dolomitenzauber hatten wir nicht zu erwarten, Nebel leckte von den Tälern herauf, der Himmel war grau. In solchem Fall heißt es: heraus aus den schweren Stellen, sonst geht’s schief. Die nun folgenden zwei Seillängen, 60 bis 70 Meter sind das Schwerste des ganzen Aufstieges; sie kosteten uns trotz schnellen Gehens fünf Stunden. Um diese Zeit fing es schon leicht zu regnen an. Nach einer weiteren Seillänge hatten wir die grimmigsten Stellen hinter uns; es war 1.30 Uhr geworden. Ein Gefühl der Erleichterung zieht ein, wenn man so ungefähr 30 bis 40 Meter ohne Haken hinausturnen kann. Freilich dauerte es nicht lange, dann geht’s wieder Seillänge um Seillänge über senkrechten Fels empor. Riß, Ueberhang und wieder Riß usw. Unsere Finger waren schon ausgelaugt vor Nässe und Kälte. Die Wand will schier kein Ende nehmen. Im Galgenhumor singen und pfeifen wir: „Nur immer lustig empor zum befreienden Licht“, wie es so oft heißt. Uns war das Gegenteil beschert; wir kamen ins Dunkel. Der Ausstieg zum Gipfel war zudem noch sehr brüchig. Der erste löste unheimlichen Steinschlag aus, dem ich, der ich gerade zweiter war, mit knapper Not entgehen konnte; beide Seile waren durchgeschlagen. Aber gleich nach diesem Ereignis standen wir auf dem Gipfel der großen Zinne. Wir haben uns in übermenschlicher Freude die Hände gedrückt und spürten es kaum, wie der eiskalte Wind durch die durchnäßten Kleider bis auf die Knochen brannte. Der Berg war erstiegen. Nicht der ärgste Sturm konnte uns den Sieg noch streitig machen.
Bis 11 Uhr nachts suchten wir vergeblich nach dem richtigen Abstieg. Alt Kriegssteige haben uns genarrt und so wurden wir zur zweiten beiwacht gezwungen. Diese Nacht war lang, aber auch schier unerträgliche Stunden gehen zu Ende. Leichtes Dunkel liegt noch in den Tälern. Bald siegt das Licht, der neue Tag bricht an und bald stehen wir wieder unten im Kar; die beiden Freunde drücken uns mit innigem Glückwunsch die Hand.
Vor der Hütte trat uns mit aufrichtiger Freude im Gesicht der eine Dimai, der Erstersteiger, entgegen, der eigens von Cortina heraufgekommen war, um uns zu beglückwünschen. Es freute uns; das war sportliches Denken.
48 Stunden stakten wir in den Felsen der Großen Zinne, 22 davon entfielen auf die reine Kletterzeit. Es war meine schwierigste Bergtur.

Peter Aschenbrenner
Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht von 1932 und 1933

Hütteneinweihung am Stripsenjoch 23. Juni 1935

Peter Aschenbrenners Hütteneinweihung wollten wir mit ihm in frohen Stunden erleben. So sollte auch der Plan zu einer motorisierten Ausfahrt des ganzen Klubs einmal Wirklichkeit werden. Eine schöne Kolonne mit fast 25 Leuten war beisammen, doch als es wirklich zur Abfahrt kam, sind es halt weniger geworden. Schade, doppelt schade für die, die nicht mitgefahren sind. Am Samstag  war Treffpunkt Holzhammergarage. Pünktlich waren wir da, der Matzi, Hans, die beiden Toni und ich. Der Toni läßt sich noch kurz den Wagen, den er ja noch nie gefahren war, erklären und schon fahren wir durch die Stadt hinaus, dem Kaiser entgegen. Unser Toni hatte die Flausen des Fiat 501 auch bald heraußen und so drückte er mächtig auf den Benzinhebel und flott und lustig fuhren wir das Unterland entlang. Schwaz, Wörgl, Ellmau lagen schon hinter uns, als wir auf einmal unseren Pfiff hörten. Zuerst glaubten wir, es pfeift jemand aus den Stauden heraus, doch dann war es der Pischl Rudl, der mit seinem Chrysler hinter uns her war. Benno mit gezückter Leica, aufrecht im Wagen stehend, knipste uns. Dahinter im Reisekoffer entdecken wir Pipex und den Kasper. Daß die 80 Pferde des Rudl uns vorfahren wollten war ja begreiflich und so ging es St. Johann und Kirchdorf entgegen. In Griesenau knöpfte man uns noch 2,50 Schilling Mautgebühr ab und dann ging es weiter. Von dort weg wurde die Fahrt immer reizvoller. Mitten durch Wiesen schlängelt sich der schmale Almweg, gerade recht zum Langsamfahren und so recht zum Schauen und Freuen. Dieses Stück Erde ist so schön, daß man nicht viel erzählen, aber viel erleben kann. Die sanften Hügel mit ihrem feinen Grün und den schönen Blumen leiten den Blick über Tannenwälder hinauf zu den Nordabstürzen des Wilden Kaisers. Ein Fleck Heimat, das jeder einmal sehen soll. Mit Spannung erwarten wir die Hindernisse eines Almweges und schon geht es los. Der erste Gatter, den unsere Vorfahrer natürlich wieder zugemacht haben, aber dahinter ein vermurter Bach und kein anderer Weg als eben mitten durch. Rudl tritt, bewußt seiner Pferdestärke, auf den Hebel und schon schaukelt der Wagen durch den Bach. Das Wasser kommt bis zu den Achsen heran, wild spritzt es über den Kühler, ein Bild als ob wir im Kaukasus fahren würden. Jetzt wir mit unserem kleinen Fiat. Etwas stutzig sitzt der Hans neben unserem glatzerten Toni. Matzi springt aus dem Wagen, ob aus Angst oder sonst warum weiß keiner, nur will er uns fotografieren. Er knipst und grinst bei unserer Bachdurchquerung, ein kleiner Umweg, und er sitzt wieder im Wagen. Nun geht es weiter, jeder wartet eigentlich – wie wird sich das noch weiter entwickeln. Nicht lange dauert es, so stehen vor uns auch die anderen. Alle sind aus dem Wagen heraußen und jeder lacht uns entgegen. Wieder ein Murgang, Steinblöcke und Holz versperren den Weiterweg. Da beginnt unsere Arbeitsschlacht. Aber 8 Händepaare machen auch für den Rudl seinen Kasten bald den Weg frei. Benno als Bauleiter schafft nur an und knipst uns. Allein die 80 Rösser hätten es nicht geschafft, unser Ho – ruck und unser Antauchen bringt den Wagen sprungartig über die Hindernisse hinweg. Beinahe wären wir in den Bach geflogen und beinahe hätte ein Felsblock dem Rudl nicht nur seinen neuen Lack auf dem alten Wagen, sondern auch noch das Trittbrett abgeschleift. Wie werden wir die Griesneralm erreichen, wenn es so weiter geht. Aber glücklich sind wir dort doch noch gelandet. Wohl kamen noch einige schmale und heikle Stellen, auch die letzte Steigung war genommen und so standen wir inmitten des Almbodens, mitten in einer Kuh- und Schweineherde, die recht saudumm unsere Vehikel beschnupperten. Oben grüßten die Kaiserwände mit ihren bekannten Namen herunter und nur 1 Stunde ober uns lag das Stripsenjoch.

Gestärkt zogen wir das nette Steiglein hinauf, wo uns oben Pauli und Peter empfingen. Für mich, der ich noch nie im Kaiser war, nahm das Schauen und Staunen kein Ende; links Wände, Gipfel, schneidige Grate und rechts das sanft abfallende Alpenvorland, westwärts in der Abendsonne die Gipfel der auslaufenden Karwendelkette, unter uns das schöne Kaisertal, ostwärts die Loferer Steinberge im letzten Glühen der Abendsonne. Ein Platz, wie ich ihn nicht oft in den Bergen gesehen habe. Peter stellte uns seine liebe Gattin vor und zeigte uns die Hütte; fein und sauber hat er es da oben. Aber wir stürmten wieder hinaus, hinauf zum Jochkreuz, und da war so richtig Feierabend. Mag ein Gipfelerlebnis nach einer schönen Bergfahrt erhebend und mächtig sein, ebenso schön war es vielleicht auf der Bank, neben dem Kreuz im letzten Abendschein beisammen zu sitzen und mitzuempfinden, wie jeder sich freute, frei zu sein in unseren Bergen – und sich freut, weil auch der andere so viel Freude miterlebt. Nicht lange hat es gedauert, dann kamen der Kuno und der Karele und die beiden Seiwalds vom Kaisertal herauf.

Endlich wollte der Magen auch etwas haben und wir hockten uns, nach einigem Hin und Her an einem runden Tisch zusammen und begannen, die Erzeugnisse von Peters Küchenchefin durchzukosten. Gut kann sie kochen und teuer ist sie auch nicht. Natürlich hatte der eine oder andere noch manche Erkundungsfahrt in der Hütte vor, aber fast alle endeten in der Küche und jeder gab vor, nur zu schauen, was es zum Abendessen gibt. Langsam dunkelte es und so entwickelte sich ein netter Hüttenabend. Janko war mit einigen Kufsteinern auch schon da und mit dem „Willkommen liebe Freunde“ leiteten wir unseren Abend ein. Erzählungen, Lieder, spitzfindige Pflanzereien und mancher Ulk, nicht zuletzt der gemäßigte Genuß von Wein und Bier ließ die Abendstunden leider nur zu schnell verstreichen. Peters Gattin wurde besonders begrüßt und mit Wein begossen und zu bald war es schon l2 Uhr geworden. Die Benzingase waren merkwürdiger Weise in uns gedrungen und so hatte zum Beispiel der Pischl Rudl zwischen Pipex und mir manch saftige Prise als Kostprobe bekommen. Es scheint ihm dadurch schlecht geworden zu sein, denn bleich wie eine Wand fanden wir ihn im Freien mit verstauchtem Fuß und ausgeleertem Magen. Er gab natürlich nicht zu, was eigentlich los war – aber wir ahnten es. Um halb 1 Uhr kamen die Motorradler daher, die 3 Hansln, Konzert, Hansl der Schmalspurige und Wanitschek, sowie der wenigbelockte Bischofer Hermann. Schon damals hatten wir festgestellt, wie gut das Matratzenlagen ist, und so legten wir uns bald nieder, um wenigstens nicht gar zu kurz dieses Lager genießen zu können.

Am frühen Morgen ging der Betrieb schon los. Der Erzbischofer weckte den Toni: „Du, wir haben verschlafen, steh auf.“ Wie eine Rakete war der Toni aus den Decken heraußen, stand ihm doch eine langersehnte Bergfahrt bevor, die Fleischbank Ostwand. Etwas später krochen auch wir heraus. Am meisten hatte jedoch der Kaspar Mühe, den langhaxerten Benno zu wecken. Der war eine halbe Stunde nach dem Aufstehen auch noch nicht wach. Die Morgensonne stach ihn so fest in seine müden Augen, daß er ganz traumverloren seinen Kaffee schlürfte; ich meine, so richtig aufgewacht ist er erst, als die Kletterei losging. Jeder strebte so nacheinander seinem gesteckten Ziele zu. Matzi, Lenz und Janko wollten dem Peter endlich einmal zu einer anständigen Kletterfahrt verhelfen und schickten sich an, ihn über den Führerweg auf das Totenkirchl hinaufzuziehen. Pipex und Pauli strebten dem Predigtstuhl zu, die beiden Seiwalds und der Konzert Hansl einer der Kaminreihen des Predigtstuhles, Kuno, Karl, Fritz Toni und ich gingen dem Steiglein zum Einstieg in die Ostwand des Totenkirchls nach, nur der Pischl Rudi blieb zurück. Schlafen, schlafen und erholen war seine Lösung.

Ich hatte so ein merkwürdiges Gefühl. Kaiserkletterei war für mich schon lange eine Sehnsucht, aber auch eine Angst. Der Wille war ja da, aber langt mein Können, langt meine Kraft? Mit manchem Gedanken beschäftigt langten wir am Einstieg an. Zwei Kufsteiner waren schon über denselben hinaus. Noch einmal studierten wir unsere Wegbschreibung und dann stieg der Toni über die Randkluft in die Felsen ein. Ganz nett steil und kleingriffig ging es an. Aus einem Riß hinaus nach links, und das wollte mir schon nicht recht gelingen, doch der Kuno brummte hinter mir: „Geh schon einmal weiter“. Ich merkte, daß ich halt doch ganz ohne Übung das erste Mal im heurigen Jahr im Fels war. Es folgte Seillänge um Seillänge. Der Toni schob seine 95 Kilo mit Kraft und Eleganz höher, querte nach links über eine Rippe und wieder hinauf und wieder nach links. Nur hie und da schreckte uns ein Steinschlag von oben. Unserem Ziel, ein schwarzes Loch im oberen Teil der Wand, strebten wir zu. Einmal waren wir wohl eine Seillänge zu hoch gekommen, doch in wunderschöner, luftiger, aber durchwegs fester Kletterei langten wir unter einem Dach beim schwarzen Loch an. Dort hielten wir einmal Rast, Brot und Zucker ersetzten etwas unsere aufgebrauchten Kräfte, und weiter ging es nach rechts in einen schiefen Spalt hinauf zu einem schiefen Kamin. War die Fahrt schon lange luftig, so sollte jetzt die schönste Stelle kommen – und richtig, der Kamin teilt einen großen Überhang, und diesem Kamin entlang schiebt man sich schief nach aufwärts. Ein eingeklemmter Block zwingt den Kletterer hinaus und nun ist man so recht luftig etwa 400 Meter über dem Kar. Nur kurz gleitet der Blick hinab, dann ist auch diese Stelle überwunden. Mit Bewunderung schaue ich dem nachkommenden Kuno zu, wie er so ruhig und sicher eine Seillänge nach der anderen meistert. Oft mag dabei wohl auch Neid gewesen sein, aber es ist halt so. Tschaler liest: Im nördlichen Teil der Schlucht empor, hinauf zur Scharte am Grat. Von oben hören wir schon die anderen, die dem Gipfel zustreben. Nun noch die letzte Seillänge. Langsam, aber gleichmäßig läuft das Seil durch meine Hände. Da muß es wahrscheinlich ganz nett hergehen. Auch der Kuno meint, diese Seillänge dauert eigentlich zu lange. Aber auf einmal hör ich den Toni: „Nachkommen, ich bin auf der Scharte, das war das bärigste Stück.“ Ein netter Riß führt nach aufwärts, fein kleingriffig und steil. Langsam schiebe ich mich hoch, glaube einmal verkehrt im Riß zu stecken, aber es geht doch. Oben höre ich den Toni; „riesige Berge, steile Felsenwand“ singen, und mit den Gedanken, der ist schon draußen, der hat ja leicht singen, ich muß da noch schieben und aufpassen und so komme ich langsam höher und zu ihm hinauf. Die anderen zwei folgen bald nach, und so streben wir dem Gipfel zu, wo uns die anderen schon erwarten.

Es ist wohl schon eine lange Zeit her, daß so viele Karwendler sich zum Gipfelsieg die Hand reichten. Nicht lange dauerte es, und da kommt der Altmeister der Kletterzunft, Nieberl mit Frau, herauf. So sitzen wir am Gipfel, lassen uns die nächsten Berge erklären und freuen uns miteinander und füreinander. Die beiden Hansln können wir von der Westwand nimmer erwarten und so steigen wir nach schöner Rast wieder ab. Hintereinander geht es mit viel Rutscherei die Kaminreihe hinunter zum Führerweg. Bald hatten wir uns verlaufen. Der Much Wildschwendtner wies uns wieder den richtigen Weg. Gerade schnell sind wir nicht in die Tiefe gekommen, doch mit so vielen Leuten dauert es eben länger. Aber lustig war es doch, so manchem zuschauen zu können, wie er die schlutzigen Rinnen abwärts gleitet. Mit Staunen stellen wir nur immer wieder fest, wie unser Matzi diesen Weg gemeistert haben muß, für ihn doch eine nette Leistung. Er hat auch damit selber die größte Freude gehabt. In der Hütte kamen wir so hintereinander wieder zusammen. Alle hatten ihr Vorhaben erreicht, aus jedem leuchtete das stolze Glück, wieder eine richtige Bergfahrt erlebt zu haben. Nur der Hans war mit seiner Tagesarbeit nicht recht zufrieden. Den Westwandeinstieg hatte er wohl gefunden, aber er konnte es nicht glauben, daß er es sei und so suchte er 5 Stunden lang die Wand ab und ist dann schließlich durch die Piaz-Wand emporgeklettert. Er hatte sich schon in den halben Erfolg hineingefunden, nur als der Peter meinte: „dös darfst aber niemand sagen, denn da lacht dich ja jede Kuh aus, daß du den Westwandeinstieg nicht gefunden hast“, da stieg in ihm ein nicht ganz kleiner Groll auf. Durch eine zünftige Knödelsuppe beruhigte Peter aber wieder den Hitzkopf.

Da war es auch schon Zeit geworden, an die Heimfahrt zu denken. Abschied nehmen von dort ist einem eigentlich gar nicht leicht gekommen, denn jeder hätte wohl gerne noch einen Tag dort oben verbracht, doch wir mußten heimwärts. Peter, Paul und seine Frau begleiteten uns vor die Hütte hinaus, der Kuno knipste das junge Ehepaar, das so traulich beieinander stand, ein dreifaches Bergheil, und abwärts ging es, unseren Wagen zu. Noch oft suchte der Blick die Wände ab, oft schauten wir zu den Gipfeln zurück, die uns heute Kampf und Sieg gegeben hatten, und in jedem war so der Wunsch lebendig geworden, daher muß ich wieder kommen.

Die Fahrt durch das Tal hinaus ging glatt vor sich, auch die Bachüberquerung bedeutete für unsere Wagen kein besonderes Hindernis. Oberhalb Griesenau ist ein Staubecken mit ganz sauberem grün leuchtendem Wasser. Die vier mit dem Chrysler blieben noch dort, warfen die verschwitzten Kleider von sich und sprangen splitternackt in das grüne Naß. Wir waren nicht so reinlichkeitsbedürftig und fuhren weiter. Langsam schoben sich die langen Schatten über die weiche Landschaft der Schieferberge um Kitzbühel, bald grüßten uns die Südabstürze des Wilden Kaisers und draußen im Inntal kamen die Berge des Karwendels immer näher. Die Gegend verdient so richtig den Namen: lieblich. Die weiten Täler mit den rundlichen Gipfeln, die grünen, blumenübersäten Wiesen und die netten Unterländer Bauernhöfe sind ein Bild, das jeden freut und Erbauung bringt. In Matzen halten wir noch einmal, ein letzter Imbiß und ein Bierlein bringen den Magen zu seiner Zufriedenheit und dann ging es heimzu.

Diese beiden Tage waren so recht das Erleben, das wir in den Bergen miteinander suchen. Diese stille Zufriedenheit und das schöne einsame Glück ist die Quelle, wo unsere Kameradschaft immer wieder neu gestärkt wird, wo unsere Sehnsucht zu neuen Taten, zum gemeinsamen Erleben lebendig wird. Möge es wieder einmal gelingen, eine solche gemeinsame Fahrt zu unternehmen und dann sollen auch die mittun können, die diesmal nicht dabei waren.

Am 1. September 1935 zogen Hermann Treichl und ich bei Laternenschein über Moränen und Eis dem Einstieg zu; die Gedanken weit voraus, in der Wand. Wie wird es uns gehen? Zugleich aber dachten wir an die Bergsteiger, Heinrich Lettenbichler und Max Huber, die am 4.Juli 1932 auf diesem Anstieg einer Eislawine zum Opfer fielen.

Um den Hängegletscher, den Königswandferner, zu umgehen, benützen wir den üblichen Anstieg zum Mitschergrat und betraten den Ferner erst oberhalb des zerklüfteten Teiles. In der Fallinie des Gipfels einzusteigen war ganz unmöglich; denn mächtige Eisüberhänge wölbten sich über die Randkluft. Etwas recht der Fallinie erkannten wir die schwächste Stelle, die aber ebenfalls nur mit harter Arbeit zu überwinden sein dürfte. Ausgerüstet mit Eis- und Mauerhaken, stiegen wir um ½8 Uhr morgens in die Wand ein. Freund Hermann, erklärte sich gleich bereit den Kampf zu beginnen.

  Ununterbrochen rasten Windfahnen die Wand herab und bedeckten uns und alles um uns mit feinem Pulverschnee. Mein Gefährte hatte es nicht leicht, bei diesem Sturm an der steilen Eiswand emporzukommen. Ich konnte ihn bei seiner schweren Arbeit kaum beobachten, denn bald war mein Gesicht mit einer Eiskruste überzogen. Nur am Seil, das sehr langsam durch meine Hände lief, war zu verspüren, daß der erste ordentlich zu schaffen hatte. Vorsichtig, um ja nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hackte er Griffe und Tritte aus. Ein plötzlich mit unerwarteter Kraft daherfegender Windstoß warf Hermann aus seinem unsicheren Stand und schleuderte ihn kopfüber in den Pulverschnee hinab. Zum Glück war nichts passiert. Hermann stand gleichwieder auf den Füßen; er schüttelt sich den Schnee von seinen Kleidern und spielte nachher auf seiner Mundharmonika den „Auftriebsmarsch“. Noch einmal, mit noch größerer Vorsicht, packte er den steilen Eishang an. Ich hatte schon ganz kalte Füße, als ich endlich das ersehnte Wort „ Nachkommen!“vernahm. Die Stimmbänder mußten gewaltig angestrengt werden, wollte man sich bei diesem Sturm verständlich machen. Kaum daß ich die Worte „schlechter Stand“ vernehmen konnte. Langsam stieg ich nach. Wir verwandelten unsere zerlegbaren Pickel in Eisbeile, denn die Eiswand wurde zunehmend steiler. Dann bemühten wir uns allmählich nach links in die Fallinie des Gipfels zu gelangen. Doch dabei stellten sich uns große Schwierigkeiten in den Weg. Die vereisten Felsen waren mit einer Pulverschneeschicht bedeckt. Bei schlechter Sicherungsmöglichkeit mußten wir jeden Griff und Tritt freilegen, was diese Querung äußerst schwierig gestaltete. Eishaken war hier überhaupt keiner anzubringen und auch die Felshaken fanden hier nur schlechten Halt. Mein Gefährte stieg nach, wir wechselten wieder n der Führung und er arbeitete sich an einer Felsrippe hoch. Nur in den erstenVormittagsstunden schien die Sonne in die Wand hinein; aber dies genügte um so manchen Fels und Eisbrocken von ihr zu lösen. Langsam ging es aufwärts. Ich beobachtete gespannt jede Bewegung meines Kameraden, der ruhig und sicher eine weitere Seillänge erkämpfte. Dann fiel mir die Aufgabe zu, einen heiklen Quergang anzulegen. Kurz wurde überlegt, wie dieser am besten gelingen könnte. Ich stieg einige Meter ab und versuchte den Quergang von dort anzupacken. Schneebedeckte Platten, über die hinweg zu kommen nicht möglich war, verwehrten mir nach einigen Metern das Weiterkommen. Mit Benützung kleiner Griffe schob ich mich wieder höher. Jetzt schien es aber endgültig Schluß zu sein. Ich trieb noch rasch einen Haken ein.
Und was nun? – Zurück?
Soll unser fester Glaube an die Bezwingung der Wand an dieser Stelle sein Ende finden? Nein – es muß gelingen! Der Haken sitzt ja gut. DA wagte ich einen großen Spreizschritt nach links. Der Fuß fand nur geringen Halt und ich wühlte, nach Griffen suchend, mit den Händen im Schnee herum. An einem festgefrorenen Felsblock verkrallt, ohne die geringste Sicherheit, überwand ich diese schwere Stelle. Um eine brüchige Kante mußte ich noch herum, dann konnte der Gefährte, durch einen guten Standhaken gesichert, nachfolgen. Eine Seillänge noch und wir hatten den schwersten Teil der Königsspitze Nordwand hinter uns. Endlich konnten wir uns Zeit nehmen, um unseren Hunger mit Zucker, Brot und Äpfeln zu stillen. Wie waren wir aber erstaunt, als ich die Uhr zog und wir die Feststellung machen mußten, daß es bereits 2Uhr nachmittags war. Nahezu 12 Stunden waren wir also schon unterwegs. Um ½3 Uhr früh hatten wir die Schaubachhütte verlassen.

  Weiter weiter! drängte eine Stimme in uns sonst steht uns noch eine Beiwacht in völlig durch-näßten Kleidern bevor. Uns graute schon beim Gedanken an so etwas. Das Eis hatte nun an manchen Stellen seine harte Beschaffenheit geändert. So gelangten wir teilweise rascher höher. Der Vorangehende stieg stapfend, bald stufenschlagend eine Seillänge empor, schlug dann einen Eishaken, sodaß der zweite flott nachgehen konnte. Hermann konnte seine Begeisterung über die Eishaken nicht oftgenug bekunden; für ihn waren dieselben nämlich etwas Neues. Es folgte wieder Blankeis, Stufe reihte sich an Stufe. Die Hand, die den Pickel umfaßt hielt, begann zu schmerzen. Vorwärts! Weiter! Das Eis war hier besonders gut, die Haken saßen immer bis zum Ring im Eis und boten so die bestmöglichste Sicherung. Wie aber sahen sie nachher aus, verdreht und verbogen nach allen Richtungen. Ein Versuch, die so verunstalteten Haken auf dem Eis wieder geradezuklopfen, endete kläglich.

  Über uns hing die riesige Gipfelwächte herab. Drohend, wie ein Wächter, schien sie uns den Aufstieg zum Gipfel zu verwehren. Wir sagten uns, darüber hinwegzukommen ist unmöglich, sie muß nach links umgangen werden. Um 7 Uhr abends standen wir knapp unter der Wächte. Es begann bereits zu dunkeln. Hermann, der vor Kälte und Nässe kein Gefühlmehr in den Füßen hatte, überließ mir die weitere Führung. Um möglichst rasch vorwärts zu kommen, schlug ich die Stufen so weit als möglich voneinander entfernt. Ich schlug Kerbe um Kerbe, bald mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand. Der Arm, die Finger schmerzten, schlaff hing der Pickel im Gelenk. Ich mußte einen Haken schlagen und kurze Zeit rasten. Hermann stieg nach. Um uns herrschte bereits völlige Dunkelheit. Es war ein unsicheres Tasten nach Tritten; drei, vier Hiebe und mit einigen Zacken fand der eisenbewehrte Fuß Halt. Man konnte die Stufen mehr ahnen als fühlen. Weit kann es ja bis zum erlösenden Grat nicht mehr sein, vielleicht 40 Meter noch, sagte ich. Mit dieser Schätzung hatte ich mich jedoch gewaltig geirrt. Denn es war nur eine Eisrippe, die ich in der Dunkelheit für den Grat gehalten hatte. Eintönig fast stumpfsinnig wurde die ewige Stufenarbeit. Einmal wird er wohl kommen müssen, der Grat, bemerkte ich in tröstendem Selbstgespräch. Aus den 40 Metern wurden 150 Meter. Endlich hob sich der ersehnte Grat vom sternenbesäten Himmel ab. Bald standen wir auf seiner Schneide und schüttelten uns die Hände.

Den Gipfel zu so später Stunde – es war bereits 9 Uhr abends – noch zu betreten, ersparten wir uns. Wir waren heillos froh, endlich aus dieser Wand herausgekommen zu sein und freuten uns schon auf einen heißen Tee. Darum eilten wir den Grat abwärts. Bald stießen wir auf einen alten Kriegsunterstand, in dessen Holzgrube wir allerdings nur in zusammengekauerter Haltung Platz fanden. Alsbald surrte der Kocher und wir ließen uns den Tee und die aufgewärmten Schnitzel bei Kerzenschein gut schmecken.

Als das letzte Kerzenstümpflein verlöscht war, tappten wir in der Dunkelheit, immer noch mit den Zehnzackern an den Füßen, über harten Firn und plattigen Fels abwärts. Jetzt erst erkannten wir den Vorteil, dass wir die Königsspitze einige Tage früher über den Normalweg bereits besucht hatten. Um ½3 Uhr früh, also genau 24 Stunden seit unserem Aufbruch langten wir wieder bei der Schaubachhütte ein.

Nach langem, wohltuendem Schlaf rollten wir uns wieder aus den Decken heraus und traten, mit einem Fernglas bewaffnet, vor die Hütte. Noch einmal verfolgten wir unseren Weg von gestern und unsere Gedanken kreisten zurück in die Vergangenheit, als Hans Ertl und Hans Brehm am 5. September 1930nach elfstündigem harten Kampf die Wand erobert hatten.

Noch müde und abgekämpft stiegen wir nach Sulden ab; doch Freude lag im Herzen über unseren Sieg und über unser Glück.

Paul Ashenbrenner

Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht von 1934 und 1935