Karwendler Westalpenfahrt 1937

Lange noch werde ich an jenen Klubabend zurückdenken, an dem unsere gemeinsame Auslandsbergfahrt endgültig beschlossen wurde. Ich durfte mit meinen Klubbrüdern einen Bergsommer verbringen und mit ihnen jenen Wunschtraum verwirklichen, der mich schon jahrelang im Banne hielt, den ich mir schon vor Jahren als mein Endziel gesetzt hatte: „Nordwände in den Berner Alpen“. Jene Wege sollten es sein, die Willi Welzenbach vor wenigen Jahren eröffnet und die ihm Krönung seiner alpinen Tätigkeit waren. Dieses große Ziel mit meinen Klubbrüdern in die Tat umzusetzen, erschien mir als eine doppelt schöne Aufgabe.

Dr. Karl Deutelmoser, Paul Aschenbrenner, Hans Frenademetz, Hermann Bischofer, Erich Falschlunger und ich waren die Glücklichen, welche an der durch Opferwilligkeit und Gemeinschaftssinn aller Klubbrüder geschaffenen Westalpenfahrt teilnehmen durften. Peinlichste Vorbereitung in der Ausrüstung und der Aufstellung eines genauen Fahrtenplanes beanspruchten viel Zeit, doch sie wurden zum schönen Vorerlebnis für die kommenden großen Tage.

Am 9. Juli um 7 Uhr abends verabschieden wir uns von den Klubbrüdern und fahren westwärts. Leider haben wir teilweise Regen, der uns die schöne Landschaft im eintönigen Grau zeigt. In uns allen aber herrscht sonniger Humor, der sich durch nichts verscheuchen lässt. Bei strömendem Regen erreichen wir von Interlaken durch das Lauterbrunnental Stechelberg, welches der Ausgangspunkt für sämtliche Fahrten werden soll.

Mit einem kräftigen Händedruck danken wir unsere beiden Kameraden, die uns mit ihren Wagen hieher gebracht haben.

11. Juli: Bei leichtem Regen steigen wir schwer bepackt bergwärts. Für das wegsame Gelände, ungefähr die Hälfte des Aufstieges, mieten wir ein Maultier, das einen gewaltigen Teil unseres Gepäcks, zirka 100 Kilo, auf den Rücken nimmt. Am Spätnachmittag stehen unsere Zelte in einer bunt gefärbten Wiese unweit der leeren notdürftigen Hütte der Oberhornalp. Dieses bescheidene aber reizende Plätzchen soll uns als Ausgangspunkt dienen für die Ersteigungen der Tschingelhörner, des Breithorns, Großhorns und Mittaghorns. Den Nordwänden der eisigen Umrahmung des Lauterbrunnentales soll also unser erster Angriff gelten.

Es folgen zwei graue, kalte Regentage. Eng zusammengerückt hocken wir im Zelt und vertreiben die lange Wartezeit mit Gesellschaftsspielen oder mit Vorlesungen aus alten Zeitungen durch unseren „Expeditionsarzt“ Doktor Deute, wie wir Deutelmoser nennen.

Ab und zu läßt uns das Krachen der Lawinen aufhorchen und wenn wir dann für Minuten einzelne Gipfel mit ihren haltlosen Flanken aus dem brauenden Gewoge wachsen sehen, dann stehen wir wie gebannt und schauen mit banger Freude die Ziele unserer Wünsche.

Als wir am 14. Juli um 4 Uhr früh aus den Zelten spähen, wölbt sich stahlblauer Himmel über uns. Das Wetter hat uns genarrt. Rasch wird gepackt und gerüstet und um 6 Uhr früh verlassen wir das Lager. Wir beschließen, die Nordwände des Großen und Kleinen Tschingelhorns anzupacken, die wir noch unerstiegen wissen. Während Pauli, Karl und Erich in die Nordwestwand des Großen Tschingelhorns einsteigen, versuchen Hermann und ich die Nordwand des Kleinen. Nach fünf Stunden hartem Ringen stehen wir auf dem sonnigen Gipfel mit dem beglückenden Gefühl, einen neuen Weg geschaffen zu haben. Auch die Freunde haben das Ziel auf neuem Wege erreicht. Vom ersten Erfolg, vom Erleben dieses schönen Bergtages beseelt, erreichen wir beim Scheiden des Tages das Lager.

Der nächste Tag ist mit strahlender Sonne angebrochen. Wir steigen zu Tal, um Proviant zu holen. Auch Post von den Klubbrüdern wartet auf uns. Am Abend geht ein schweres Gewitter nieder, welches den Auftakt für einige Schlechtwettertage wird. Vier Tage vergehen nach dem strahlenden Tag an den Tschingelhörnern. Sie bringen Regen und Schnee und zermürben unsere Tatenlust. Dann kommt aber wieder schönes Wetter.

Um 1 Uhr früh des 18. Juli verlassen wir das Lager und streben unseren Zielen zu. Karl und Hermann haben sich die zweite Begehung der Mittagshorn Nordwand als Werk des heutigen Tages gesetzt. Pauli und ich wollen die 1250 Meter hohe Nordwand des Großhorns versuchen, Erich, der heute in schlechter Verfassung ist, will allein das Mutthorn ersteigen.

Mit dem Verblassen der letzten Sternlein beginnen wir die Stufenleiter zum Gipfel des Großhorns. Es wird ein hartes Ringen um jeden Meter dieses eisgepanzerten Weges und um acht Uhr abends, nach 18stündiger Arbeit, stehen wir auf der gleißenden Gipfelwächte, in der wir uns für die kommende Nacht eingraben.

Gegen Mittag des nächsten Tages sitzen wir mit Erich vor den Zelten und beschauen freudestrahlend unseren großen Weg. Erst am Abend, knapp vor Einbruch eines krachenden Gewitters, kommen die Freunde vom Mittaghorn aus dem Lötschental zurück.

Wieder stellen Schlechtwettertage unser Warten für das nächste große Ziel auf eine harte Probe. Immer, wenn wir zu früher Stunde vor den Zelten stehen, ziehen regenschwangere Wolken umher, in den Wänden krachen die Lawinen. Tagsüber aber ist dann oft wieder strahlender Sonnenschein.

24. Juli: Fahles Mondlicht begleitet uns bald nach Mitternacht hinauf zum Breithorngletscher. Karl und Hermann wollen über die Lauperroute das Westliche Großhorn ersteigen. Pauli, Erich und ich streben dem Breithorn zu, dessen Nordwand 1300 Meter über den flachen Gletscherboden emporragt. Den Gedanken, Welzenbachs Weg zu wiederholen, haben der andauernde Föhn und die stark vereisten Felsen schon längst verdrängt. Dafür aber wollen wir den Weg Chervet-Richardet, welcher die untere Wandhälfte, fast 700 Meter, im weiten Bogen nach links umgeht, verbessern, indem wir über den mächtigen, aus der Wand hervortretenden Felspfeiler direkt emporsteigend die obere Wandhälfte und damit die in Gipfelfallinie durchziehende Granitrippe erreichen. Diese Rippe benützten auch die Erstersteiger nach der Abzweigung von der Schmadrijochroute am Oberen Breithorngletscher.

Großes Erleben bringt uns dieser Weg; besonders der obere Teil, wo uns ein schweres Gewitter überrascht, wird eine ernste Angelegenheit. Um 4 Uhr nachmittags stehen wir auf dem sturmumbrausten Gipfel des Breithorns.

Am nächsten Tag verlassen uns Hermann und Erich, ihr Urlaub ist zu Ende. Dafür kommt unser Freund Hans Frenademetz, der uns für die nächsten vierzehn Tage begleiten will. Auch wir müssen diesen so lieb gewordenen Winkel verlassen, andere Ziele verlangen die Verlegung unseres Standplatzes. Mit schweren Lasten steigen wir nach Stechelberg ab.

Als nächstes Betätigungsfeld soll uns das Dreigestirn „Eiger-Mönch-Jungfrau“ gelten. Drei Wege von Lauper haben wir uns zur Aufgabe gestellt. Wir errichten unser Zelt auf Biglenalp, am Fuße dieser erhabenen Bergriesen. Fas drei Tage benötigen wir zu unserer Übersiedlung.

28. Juli um 2 Uhr früh verlassen wir das Zelt. Pauli und Karl bestürmen die Lauperroute der 1200 Meter hohen Nordwand des Mönchs. Hansl muß sich für die erste Bergfahrt ein wenig mäßigen, daher schließen wir uns zusammen und besteigen denselben Gipfel über den Guggi-Grat. Anschließend wollten wir die Überschreitung zum Eiger machen und über den Westgrat zum Lager absteigen. Doch den Hansl hat die Bergkrankheit ein wenig erwischt und so ziehen wir vor: Über die Mönchsjöcher – Berglihütte – Fischerfirn – Zösenberg – Grindelwald – Kleinscheidegg unser Lager zu erreiche, wo wir um Mitternacht eintreffen. Die Freunde kommen am nächsten Tag über den Guggi-Gletscher zum Lager.

Am nächsten Tag durchsteige ich mit Hansl die Eiger-Südwestwand, wo uns ein unangenehmer Schneesturm überrascht, der wiederum der Auftakt für einige Schlechtwettertage ist. Drei Tage bannen uns Regen und Schnee in das Zelt und begraben all unsere hochfliegenden Pläne. Da beschließen wir, unser Lager abermals zu verlegen, um im Falle eines kommenden Schönwetters die letzten Tage unseres Berner Aufenthaltes mit einem würdigen Abschluß beenden zu können.

Der 3. August ist mit strahlender Sonne angebrochen. Mit schweren Lasten steigen wir das steile Weglein hinauf zur 2700 Meter hoch gelegenen Rottalhütte, die uns als Ausgangspunkt dienen soll für die letzten zwei großen Wege. Die Nordwand des Gletscherhorns, ein Weg von Welzenbach, bisher einmal wiederholt, wollen Karl und Hansl durchsteigen. Pauli und ich beabsichtigen, der Ebnefluh-Westwand einen neuen Weg in Gipfellot abzuringen. Über die Möglichkeit eines geraden Weges sind wir uns bald im Klaren.

Um 2 Uhr früh verlassen wir die Hütte und streben unseren Zielen entgegen. Es ist wohl das erste Mal während der ganzen vier Wochen, daß Wetter und Eisverhältnisse so sind, wie man sie wünscht: Hartgefrorener Neuschnee bis zum großen Schrund, dann Blankeis, von feinen, teilweise nur Zentimeter tiefen, hartgefrorenen Schneestreifen durchzogen, die gerade genügen, die 53 Grad geneigte Eiswand mit den Vorderzinken der Zwölfzacker stufenlos zu begehen. Jedoch ziehen wir Hakensicherung nach jeder beendeten Seillänge vor. Die gute Verfassung der Wand und vielleicht nicht zuletzt unsere eigene bringen es mit sich, daß wir statt am Abend, wie wir vermutet hatten, schon um halb 11 Uhr vormittags am Gipfel stehen. Wir beschließen, unseren Weg mit der Gletscherhorn-Überschreitung fortzusetzen, wo wir ja unsere Freunde treffen können. Ein plötzlich auftretender Schneesturm zwingt uns zu einem unangenehmen Freilager am Lauitor.

Am nächsten Morgen streben wir bei strahlender Sonne dem Jungfraujoch zu. Gemeinsam überschreiten wir die Jungfrau und erreichen abends wieder unser Hüttlein im Rottal.

Zwei Tage später, am 7. August, kommen wieder die Klubbrüder und bringen uns mit ihren schnellen Wagen in die Heimat zurück.

Wenn ich nun den Gesamteindruck unserer Westalpenfahrt in ganz kurzen Zügen schildern sollte, so muß ich sagen, daß es für mich neben den bergsteigerischen Erfolgen die schönsten Bergtage waren, die ich je erleben durfte. Eine Fülle von Erlebnissen beseelt mich, wenn ich an die Tage denke, die mir Kampf und Sieg gebracht, die mich Bergkameradschaft und klubbrüderlichen Opfersinn im höchsten Maße erleben ließen.

Wastl Mariner

Nordwand der Dent d’ Herens, 1938

Es war in den letzten Wochen vor Ausbruch des großen Krieges. Mit Wastl Mariner und Kuno Rainer war ich nach Zermatt gekommen. Unsere Ziele waren die großen Wege zu den Gipfeln der Bergriesen um Zermatt. Mit der Nordwand des Lyskammes hatten wir den Reigen unserer Fahrten eingeleitet. Schlechtwetter vereitelte unsere weiteren Pläne im Gebiete der Betempshütte und trieb uns ins Tal. Mit neuen Plänen verließen wir bei Besserung des Wetters Zermatt und stiegen durch das Zmuttal bergwärts der Schönbühelhütte entgegen.

Ein herrlicher Hochsommerabend breitet sich über die Landschaft, der Sonne rosiges Licht strömt in verschwenderischer Fülle über die Riesenflanken und Grate der Berge und verleiht ihnen trotz Größe und Ernst eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. Wir sitzen unweit der Hütte, uns gegenüber steht die Wand, für die wir ausgezogen sind: Die Nordwand der Dent d’ Herens. Eifrig studieren wir den Weg, den wir morgen gehen wollen, jenen Weg, den Welzenbach/Allwein 1926 eröffnet hatten. Damals und viele Jahre hindurch galt diese Bergfahrt als eine der größten der Alpen. Es waren bisher nur wenige Seilschaften diesen Spuren gefolgt. Seit Jahren stand diese herrliche Wand auch auf meinem Wunschzettel – und nun sollte es Erfüllung werden.

Um 1 Uhr früh verlassen wir die Hütte. Ein sternbesäter Himmel wölbt sich über uns, strahlendes Mondlicht liegt über den starren Bergkolossen und läßt unseren Weg deutlich erkennen. Weit im Osten geht ein Gewitter nieder, das Leuchten der Blitze wirft seinen Schein bis zu uns herüber und überhellt das Licht des Mondes. Sternschnuppen rasen in kurzen Zeitabständen aus allen Richtungen durch den Weltenraum. Und eine ergreifende Ruhe liegt über der erstarrten Hochgebirgswelt, die nur durch das Aufklirren unserer stahlbeschlagenen Schuhe unterbrochen wird. Schweigend schreiten wir in großen Abständen über die beinharte Firnfläche des Tiefenmattengletschers unserer Wand entgegen. Über einem steilen Lawinenkegel erreichen wir den Bergschrund, welcher sich über eine ausgeprägte Firnrippe gut überwinden läßt. Jetzt können wir unseren Weg in seiner ganzen Größe übersehen. 1300 Meter strebt die Wand über uns empor zum Gipfel. Ein von Firn durchsetzter riesiger Felssporn leitet hinauf zum Beginn des in mehreren Stufen abbrechenden Seracwalls, der die größten und stets veränderten Schwierigkeiten der Wand aufweist. Die über der Fingsterrasse ansetzende 400 Meter hohe, plattige Granitwand zeigt sich als geschlossene Firnflanke. Das zarte Streiflicht des Mondes liegt über diesem großen Weg und läßt ihn noch größer und erhabener erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Und wir trippeln als kaum sichtbare kleine Punkte den steilen Firn empor – längst im Bann der Großartigkeit unserer Umgebung. Gespenstisch huschen unsere Schatten über Fels und Firn. Höher oben teilen sich unsere Wege, und jeder sucht sein Heil nach seinem Geschmack.

Langsam verblaßt das Licht des Mondes und weicht dem eines jungen Tages. Wir sitzen auf einer kleinen Firnkuppe, entnehmen dem Rucksack Seil und Steigeisen, bereiten uns innerlich und äußerlich auf die Hautschwierigkeiten der Wand vor. Der aufgehenden Sonne erstes Feuer liegt über den großen Bergen, und bald sind auch wir vom rosigen Licht erfaßt. Die wohltuende Wärme dürfen wir nur kurz als glücklich preisen, denn schon geht ein ungemütliches Knirschen durch die einem mächtigen Trümmerhaufen gleichenden Eistürme über uns. Noch ehe wir in die die erste Eisbarriere durchziehende Rinne steigen wollen, neigt sich ein über uns bereits müde gewordener Turm und rast in Form einer Eislawine an uns vorbei. Der Sonne Kraft hat die eisigen Fesseln der Nacht gelöst – wir haben den Ernst der Lage erkannt. Mit gemischten Gefühlen treten wir diesen gefährlichen Gang an. Unmittelbar unter drohenden Seracs geht es vorbei, schräg links ansteigend über blankes Eis, aus dem abgeschlagene Felsbrocken hervorragen. Einige Seillängen hasten wir durch dieses Rinnensystem, von mehreren Stufen unterbrochen, hinauf, oftmals die notwendige Sicherung außer Acht lassend. Ein schmales Band läßt uns endlich und erstmals aus dieser Lawinengasse entkommen. In weiterer Folge überwinden wir senkrechte Eisstufen, zwingen uns durch Spalten und Risse und stehen dann plötzlich auf einer breiten Terrasse, am Fuße einer allseits senkrechten, von weit ausladender Wächte gekrönten, etwa 35 Meter hohen Eiswand. Ein Ausweichen nach links oder rechts wäre kaum oder nur unter höchster Gefahr möglich. So entscheiden wir uns für die Eiswand selbst. Eine etwa vier Meter von der eigentlichen Wand abgelöste, bedrohlich hinaushängende Kulisse scheint die einzige Möglichkeit zu bilden. Die Überwindung dieser fast senkrechten Eiskante forderte viel Zeit und Kraft. Vom schmalen Dach der Kulisse übersetzen wir auf höchst fraglichen Brücken die Kluft, die uns von der Fingsterrasse trennt. Um 9 Uhr vormittags haben wir die große Terrasse betreten und freuen uns, daß die Hauptschwierigkeiten des Weges überwunden sind. Voll Zuversicht, diese Fahrt in einigen wenigen Stunden beendet zu haben, greifen wir die Gipfelwand in der Fallinie an. Doch darin sollten wir uns getäuscht haben.

Oberhalb des Bergschrundes folgen zwei Seillängen prächtigster Arbeit im blanken Eis. Schlagartig aber treffen wir völlig veränderte und äußerst schlechte Verhältnisse an. Die Felsen sind von teilweise metertiefem, haltlosem, körnigem Schnee bedeckt und machen ein Ausweichen zum Grat unmöglich. Mit einem Schlag wird das Wetter schlecht, wir stecken in undurchsichtigem Nebel, und lustig wirbeln die Flocken um uns. Es folgt ein nicht endenwollender, gefahrvoller Gang. In der ständigen unangenehmen Erwartung, daß die ganze Flanke mit uns zur Tiefe braust, wühlen wir einen tiefen Graben durch die 60 Grad geneigte Flanke. Der jeweils Führende ist bald ausgepumpt, denn jeder Meter ist eine elende Rauferei. Es ist meist so, daß die Schneedecke in Brusthöhe steht, der angetretene Schnee rauschend wegfließt und man zitternd mit den Vorderzinken der Zwölfzacker auf glasiertem Fels steht. Dabei ist jede Sicherung so gut wie aussichtslos. Kameradschaftlich teilen wir die schwere Arbeit und erreichen nach sieben Stunden den sturmumbrausten Gipfel der Dent d’ Herens, 4400 Meter hoch.

Den Wunsch nach der wohlverdienten Gipfelrast bläst uns der kalte Weststurm weg, doch die Freude über das Bezwingen dieser Riesenmauer kennt keine Grenzen; in tollem Übermut hüpfen wir in langen Sätzen die Westnordwestflanke hinunter. Ein steiler Eishang zwischen gähnenden Gletscherbrüchen kostet noch eine lange und vorsichtige Arbeit, und als wir den Schrund erreichen, müssen wir feststellen, daß seine Überwindung der ganzen Länge nach unmöglich ist. Doch die Vierzigmerterseile bringen uns in luftiger Fahrt hinunter zum Tiefenmattengletscher. Regen und Schnee, Blitz und Donner begleiten uns hinaus durch den aufgeweichten Firn; wir empfinden es als den passenden Ausklang dieses erlebnisreichen Tages.

Paul Aschenbrenner

Die Nordwand der Triolet, 1948 (5. Begehung)

Das Mittagsbähnlein führt meinen Klubbruder und kampferprobten Seilgefährten Luis Vigl und mich nach Argentiere, dem Ausgangspunkt für Bergfahrten zur gleichnamigen Hütte. Nach einer halben Stunde Talwanderung erreichen wir die Zunge des mächtigen Argentieregletschers, der seine Eismassen bis in die Talsohle, auf 1200 Meter Höhe vorschiebt. In endlosen Serpentinen schrauben wir uns höher, wobei der zu unserer Linken steil abfallende Gletscherstrom immer wieder unsere Blicke fesselt. Die Luft ist zu schwül, um dem Wetter trauen zu können. Und als wir den oberen Gletscherboden betreten, sind bereits die Wandfluchten von einem Nebelschleier verhängt. Nach achtstündigem Marsch erreichen wir um 8 Uhr abends die Hütte und suchen bald unser Lager auf, denn nur kurze Rast ist uns vergönnt.

Sternklarer Himmel wölbt sich über die hehre Hochgebirgslandschaft, als wir um 2 Uhr früh den fast ebenen Gletscherboden einwärts schlendern, unserer Wand entgegen. Wie ein Bollwerk ragen die Nordwände der Triolet, Courtes, Droites und Verte gleich schwarzen Ungeheuern in den dunklen Nachthimmel. Totenstille herrscht im Umkreise. Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Wir hängen unseren Gedanken nach: Was werden wohl die nächsten Stunden bringen?

Beim ersten Morgengrauen stehen wir am Bergschrund. Blutrot geht die Sonne im Osten auf, leichte Wolkenschleier überziehen den Himmel, und ein lauer Wind strecht von den Graten. Sollte etwa wieder einer jener im Montblancgebiet so überraschend eintretenden Wetterstürze unser Vorhaben vereiteln?

Wir steigen in die Eiswand hoch. Nebel fällt über die Gipfel ein, und im Nu ist alles um uns grau. Wir beraten lange, der Auftrieb ist zu groß, um einfach verzichten zu können. Doch schließlich hat doch die Vernunft gesiegt: Bei zunehmendem Schneesturm gehen wir wieder zur Hütte zurück und haben wohlgetan, denn unaufhörlich tobt es den ganzen Tag um die Hütte.

Wieder stehen wir um 4 Uhr morgens am Einstieg der Triolet-Norwand. Zwanzig Zentimeter Neuschnee liegen auf dem Gletscher, die Wand selbst aber glänzt von blankem Eise. Unser Vorhaben scheint zu gelingen. Bewaffnet mit dem üblichen Rüstzeug eines Eisgehers gehen wir ans Werk.

Über einen mächtigen Lawinenkegel streben wir dem untersten Bergschrund zu, der heute leichter zu überklettern ist als tags zuvor, da die vielen Lawinen denselben fast überbrückt haben. Wir wechseln uns in der Führung ab, um ein Übermüden zu verhindern. Nach zwei weiteren Bergschründen stellt sich die Wand erst richtig steil auf. Über harte Firnstreifen gewinnen wir rasch an Höhe und halten uns auf einen Felskopf, direkt unter den riesigen Seracs des Mittelstückes, zu. Kein Wunder, wenn uns der Atem ausgeht: 70 bis 80 Meter hohe Stufen in einem Atem durchgehend, und dies in raschem Tempo, da man sich ja nicht gern unter diesen Eisbalkonen, die jeden Augenblick herunterstürzen können, bewegen will, ist eine schwere körperliche Anstrengung. Die nächste Seillänge ist gleich das richtige für Luis, den Eisspezialisten. Es gilt, die Parallelrippe zu gewinnen, die durch einen Eisschlauch, die Sturzbahn der oberhalb befindlichen Seracs, von unserer getrennt ist. Das Eis ist beinhart und erfordert anstrengendste Stufenarbeit. Auch diese 30 Meter versteht mein Freund zu meistern, und aufatmend vernehme ich das „Nachkommen“. Über schmale Firnstreifen kommen wir wieder rascher höher, wir verspüren nichts von Stein- und Eisschlag, dafür macht sich aber die Kälte umso empfindlicher bemerkbar. Vom Grate kommen kleine Neuschneelawinen wie silberne Schlangen auf uns zu und überschütten uns mit Pulverschnee. Mit zunehmender Steilheit werden die Firnstreifen immer schmäler und dünner und lassen das Blankeis zutage treten. Bis hierher mag die Wand eine Neigung von ungefähr 60 Grad haben, was ja an und für sich für eine Eiswand eine beachtliche Steilheit ist. Aber nun wird sie noch steiler und das Eis von Meter zu Meter härter und gefährlicher. Die Abstände der Seillängen werden geringer und die Standstufen häufiger, die Wadenmuskeln sind zum Zerreißen angespannt.

Nun haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder links der Seracs – zwischen diesen und den Felsen zieht eine schmale, unheimlich steile Rinne nach oben. Wir schätzen diese an der steilsten Stelle auf 70 Grad. Dies ist der Weg unserer Vorgänger Lachenal/Contamin. Oder aber als zweite Möglichkeit, rechts zwischen den Eisabbrüchen einen Weg durch zu finden. Uns scheint dieser Weg günstiger, das Problem ist nur, zu den Eistürmen hinüberzukommen, dann müsste es mit einigen Unterbrechungen gut durchgehen. Also – frisch gewagt ist halb gewonnen! Luis geht die Querung an. In Reichweite schlägt er immer eine gute Stufe, dazwischen trippelt er auf den vorderen beiden Zacken der Zwölfzacker. Einige Zwischenhaken sichern sein Tun. Wir glauben, mit einer Seillänge hinüberzukommen, doch wir haben uns darin getäuscht. An einen Eishaken gebunden läßt Luis mich nachkommen. Wir wissen, daß sich keiner von uns beiden einen Sturz erlauben dürfe, denn einen solchen würde das Seil, von dem wir anfänglich glaubten, daß es aus Nylon wäre, niemals aushalten. Ich löse Luis in der Führung ab. Das Standwechseln erheischt größte Vorsicht. Die Steilheit der Eiswand drückt den Körper so stark hinaus, daß nur mit Hilfe von Griffen das Gleichgewicht gehalten werden kann. Bei jedem Pickelhieb springen ganze Schollen ab, und nur millimetertief dringen die Vorderzacken der Steigeisen in das spröde Element. Zu allem kommt die enorme Ausgesetztheit, wie ich sie nur von Felswänden her kenne. Denn einige Meter unter uns bricht die Wand senkrecht ab und kommt erst wieder tief unten in unser Blickfeld. Nun wechselt auch die Beschaffenheit des Eises, das jetzt weich und morsch wird, und immer wieder stoßen wir mit dem Pickel in Hohlräume. Es folgt ein fast senkrechter, 20 Meter hoher Eiskamin, der sich mit Spreiztechnik und Verkeilen des Pickels gut überwinden läßt. Wir glauben, nun würde die Steilheit der Wand beträchtlich abnehmen und endlich ein ersehnter Rastplatz kommen. Doch es will kein Ende nehmen. Querungen und Schräganstiege wechseln ab, und noch immer baut sich die Gipfelwand mit einer durchschnittlichen Steilheit von 60 Grad über uns auf. Endlich kommen wir in die Sonne und können unsere steifen Glieder etwas erwärmen. Die Höhenluft macht sich bemerkbar, und wir werden müde. An einem Bergschrund oberhalb der Seraczone halten wir kurze Rast und holen aus unseren Rucksäcken erstmals seit dem Frühstück einige Bissen unseres Proviants. Von der Hütte werden uns nun Sensationslüsterne mit dem Fernrohr beobachten, und gerne hätten wir das verdutzte Gesicht unseres Wirtes gesehen, der uns vor Antritt unserer Bergfahrt mit dem Bemerken abgeraten hatte, daß wir doch niemals diese Wand hinaufkämen, da sich schon Bessere als wir es sind, daran versucht hätten.

Dreihundert Meter Wand mögen es noch bis zum Grat sein. Teils auf Rippen, teils auf Blankeis kommen wir, die nötige Vorsicht nie außer Acht lassend, nur langsam höher. Unser Tempo hat sich wesentlich verringert, und es ist 1 Uhr mittags, als wir auf den Grat hinaustreten. Jäh fällt er drüben ab. Wegen der Ungewissheit des Abstieges verzichten wir auf den Gipfel der Grand Triolet und geben uns mit der Kleinen Triolet zufrieden. Nebelfetzen kommen aus dem blauen Himmel dahergejagt und legen sich um Grate und Gipfel. Sie zwingen uns, unseren Abstieg ausfindig zu machen, und hätte sich der Nebel nicht wieder gelichtet und die Sicht nach unten freigegeben, wären wir auf italienisches Gebiet abgestiegen. Nun aber lassen wir uns etwas unterhalb des Ausstieges auf einem kleinen Sattel zur wohlverdienten Gipfelrast nieder.

Es läßt sich nicht in Worte fassen, welch grandiose Berglandschaft sich unseren Blicken erschließt. Wir werden für unseren gefahrvollen Weg reichlich belohnt. Die Triolet ist ein Gipfel mittlerer Höhe und gewährt infolge der zentralen Lage einen besonders guten Einblick in die Hochgebirgswelt des Montblanc. Zur Linken schaut gerade noch über Nebelfetzen die gleißende Kuppel des Monarchen mit der Brenvaflanke und dem gezackten Peutereygrat hervor, rechts davon der Mont Maudit, Dent du Geant und in greifbarer Nähe die schwarze Riesenwand der Grandes Jourasses, wohl die imposanteste Berggestalt der ganzen Gruppe. Wie eine feine Linie fällt vom Gipfel des Point Walker der berüchtigte Nordpfeiler lotrecht in 1200 Meter hoher Flucht zum zerklüfteten Geantgletscher ab. Unter uns, jenseits des Mer de Glace, eine Reihe von Zacken und Nadeln, die Aiguilles von Chamonix, uns von vorangegangenen Touren schon sehr vertraut. In scharfem Kontrast der dunkle Granit zu den weißen Gletschern und Schneefeldern. Es ist wohl meine schönste Gipfelstunde, die ich bisher erleben durfte.

Leider ist es uns nicht lange vergönnt, zu verweilen. Noch ein Blick zur Tiefe, über die Wand, der wir soeben entstiegen waren, dann nehmen wir Abschied von der prächtigen Schau. Über den steilen, zerklüfteten Trioletgletscher müssen wir mehr waten als gehen, die Sonne brennt unbarmherzig auf uns hernieder und hat den Schnee zu einem schlüpfrigen Brei verwandelt. Oft stehen wir bis an die Knöchel in kaltem Eiswasser. In tollen Sätzen springen wir über das apere Mer de Glace hinaus, um noch rechtzeitig die Zahnradbahn nach Chamonix zu erreichen, und um 7 Uhr abends treffen wir in Le Praz außerhalb von Chamonix in der Ecole Nationale, von unseren Freunden und Gastgebern auf das herzlichste beglückwünscht, wieder ein.

Wie wir dann aus den respektvollen Reden der Franzosen entnehmen, zählt die Triolet Nordwand, deren fünfte Begehung uns gelungen war, zu den schwersten und steilsten Eiswänden unserer Alpen. Wir sind nicht wenig stolz darauf.

Hermann Buhl

Nanga Parbat 1953

Seit den Sturmtagen des Jahres 1934, die der damaligen Expedition im Angesicht des nahen Gipfelsieges den bitteren Tod von 3 deutschen und 6 eingeborenen Bergsteigern brachten, und seit der Katastrophe von 1937 als die Eislawine des Rakiot Peak die gesamte zufällig in einem Lager zusammen gedrängte Mannschaft in einem Zuschlagen vernichtete, wurde der Nanga Parbat der „Deutsche Schicksalsberg in Asien“ genannt.

Es verlangte gute Nerven und das sichere Gefühl ausreichender Leistungsfähigkeit diesen Berg wieder anzugehen. Nerven und Zähigkeit für das Zustandekommen der erfolgreichen Expedition des Jahres 1953 brachte der Initiator dieser Kundfahrt, Dr. Herigkofler, München, auf der eine leistungsmäßig erprobte Mannschaft um sich versammelte.

1932, 1934 und 1937 waren bereits Mitglieder unseres Klubs beim Ansturm auf den Nanga Parbat beteiligt gewesen. 1937 hatte der Klub den Bergtod Pert Fankhausers am Nanga Parbat zu beklagen – dadurch riss die Erinnerung an diesen Berg in unserem Kreis nie ab. Es war also nur natürlich, dass wir mit Begeisterung hinter diesem Unternehmen standen. Wir fühlten eine Art Verpflichtung, die sich aus unserer Teilnahme an früheren Expeditionen ergab, wir wollten mithelfen zu vollenden was schon so viel Kraft und Opfer gefordert hatte, und wir hatten die Ehre, drei unserer Mitglieder bei dieser Kundfahrt des Jahres 1953 zu sehen, an der Peter Aschenbrenner schon vor der Abreise maßgeblichen Anteil hatte.
Vom ersten Augenblick an, als uns Peter Aschenbrenner erzählte, dass an ihn um sein Mitwirken herangetreten wurde, hat es bei uns allen gezündet. Mit jedem Hindernis, das sich den Vorbereitungen entgegenstellte, wuchs unsere Teilnahme vielfach, mit jedem Erfolg unsere Vorfreude. Kaum jemals vorher haben wir alle eine bergsteigerische Unternehmung sosehr zu unserer eigenen Sache gemacht. Mit der Teilnahme unserer Klubbrüder wurde die ganze Kundfahrt zu unserer Herzenssache. Nicht nur ihnen, der ganzen Expedition versuchten wir mit all unseren Kräften den Weg zu ebnen, für jeden waren wir bereit, eine Lanze zu brechen.

Dann kam der Sturm auf den Berg selbst, von dessen Schwierigkeiten und Härte wir daheim nichts verspürten, während er ausgekämpft wurde, bei dem aber unsere Herzen mit einer Wärme und Anteilnahme bei unseren Klubbrüdern waren wie wohl noch nie bei einer bergsteigerischen Unternehmung zuvor. Mit Sorge hörten wir von Rückschlägen infolge großer Schneefälle, mit Sorge verglichen wir das Vorwärtskommen im Ablauf der Wochen mit dem Ansturm früherer Jahre und hofften heiß, dass es doch endlich gelingen möge.

Und als am 3. Juli 1953 Hermann Buhl in einer einmalig dastehenden Willensleistung und körperlichen Höchstform, begünstigt von gutem Wetter, den Einsatz der ganzen Mannschaft durch seinen überragenden Alleingang zum Gipfel krönte, da war die Freude in ganz Österreich und Deutschland und besonders in unserem Klub riesengroß. Da war nicht nur der erste Achttausender durch deutsch sprechende Bergsteiger erstiegen da war eine Tat gesetzt, die ein Beispiel dafür gab was menschlicher Wille und menschliche Zielstrebigkeit vollbringen können, da war es eine stolze Genugtuung, dass im gleichen Jahr in dem die Briten ihren Mount Everest erreichten, Deutsche und Österreicher am Nanga Parbat siegreich waren. Für unseren Klub war es der stolzeste Bergerfolg überhaupt, die Erfüllung eines über 20 Jahre zurückreichenden bergsteigerischen Strebens und auch die Erfüllung der Verpflichtung die der Bergtod Pert Fankhauserers für uns bedeutet hatte.

In großer Freude und in großen Stolz über die Ersteigung des Nanga Parbat mischte sich nur ein leises Bedauern: dass es Kuno Rainer infolge einer durch seinen rastlosen Einsatz am Berg verursachten Krankheit nicht möglich war, mit Hermann Buhl weiter vorzustoßen, möglichst bis zum Gipfel – aber es wäre wohl unbescheiden, gleich zwei Männer unserer kleinen Runde als Gipfelsieger sehen zu wollen. Denn zu dem errungenen Erfolg kam noch die tiefe Freude, dass alle Teilnehmer der Kundfahrt und damit auch unsere Klubkameraden wohlbehalten wieder heimgekommen sind. Und diese Freude umfasste alle gleich, denn wir hatten wohl gewusst, dass beim Kampf um einen Achttausender Sicherheit und Wohlbefinden der Bergsteiger entgegen der sonstigen Regel unter Umständen auch einmal zurückgestellt werden können. Nur Hermann Buhl hatte für sein einsames und eisiges Biwak in über 8000 Meter Höhe später noch einen Tribut zu zahlen. Die Verschlechterung seiner Erfrierungen machte eine Zehenamputation notwendig.

Wir wünschen unseren Klubbrüdern, dass sie noch öfters Gelegenheit zu Einsatz und Bewährung bei großen bergsteigerischen Aufgabenfinden mögen, weil jede Leistung auch die größte, kein Abschluss sein soll, sondern ein neuer Anfang und ein Glied in der Kette der Entwicklung einer Idee.

Die Klubleitung: Erwin Schneider

Orginaltext aus dem Karwendler Jahresbericht 50 Jahre Alpiner Klub Karwendler von 1904 bis 1954

Board Peak 1957

….1957 ging abermals eine Expedition in den Karakorum mit dem Ziel den Board Peak zu ersteigen. Ihr gehörte außer den Salzburgern Markus Schmuck, Fritz Wintersteller und Kurt Diemberger unser Hermann Buhl an.

Auf den Erfahrungen vorhergegangener Expeditionen aufbauend wollte die Expedition bei der Ersteigung des Berges von vornherein auf Träger verzichten. Aus diesem Grunde wählten sie im Gegensatz zu uns den Weg über den Westsporn, der sich vom Godwin-Austen-Gletscher zur Schulter emporzieht und dort in den „Eiswall“ übergeht. Mitte Mai errichten sie am Fuße des Westsporns ihr Standlager. Der Weg über den Sporn bot dieser erstklassigen Mannschaft keine nennenswerten Schwierigkeiten. Nachdem die kurz unterhalb der „Schulter“ ihr Hochlager II errichtet hatten, stießen sie gleich darauf auf unseren Anstiegsweg. Die Seilsicherungen am „Eiswall“ waren noch teilweise gebrauchsfähig, außerdem tat die von uns dort zurückgelassene Ausrüstung und Verpflegung der sparsam ausgerüsteten Expedition wertvolle Dienste. Unseren Spuren folgend stießen sie bis zum Gipfelfirnfeld vor, darüber hinaus bis zur Gipfelscharte und erreichten am 29. Mai den Vorgipfel. Das Ziel greifbar nahe zwangen sie Schneesturm und Nebel zur Umkehr und zum Abstieg in das Standlager.

Am 7. Juni brachen sie bei schönem Wetter vom Standlager auf. Nach einer Nacht im Lager II (6400m) stiegen sie am 8. Juni bis zum Lager III das sie bereits bei Ihrem ersten Vorstoß in einer Höhe von etwa 7000m oberhalb des „Eiswalles“ errichtet hatten. Von diesem Lager aus griffen sie am 9. Juli den Gipfel an. Bei eisiger Kälte stiegen sie zur Gipfelscharte empor. Tiefer Neuschnee erschwerte das Vorwärtskommen. Schmuck und Wintersteller, die erste Seilschaft, Buhl und Diemberger, die zweite, kämpften sie sich über den Gipfelgrat empor. Es war schon Nachmittag als sich die erste Seilschaft dem Gipfel näherte, die zweite folgte etwas später. Am Abend dieses Tages wehte die österreichische Fahne vom Board Peak. Hermann Buhl sagte in seinem letzten Bericht über diesen Sieg: „Langsam senkt sich die Sonne zum Horizont; über den Gletscher liegen schon schwarze Schatten. In mehr als 8000 Meter Höhe gehen wir die letzten Meter zum Gipfel hinauf; abgekämpft, keuchend, mit letzter Kraft… Ganz zum Schluss werde ich frischer, und Punkt 19Uhr, am Pfingstsonntagabend, stehe ich neben Kurt auf dem Gipfel, mehr als 3000m über unserem Lager drunten am Godwin-Austin-Gletscher.“

Ernst Senn
Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht 1954 bis 1959

Pamir 1967

Kaum seßhaft geworden in Innsbruck und bei den Karwendlern, erhielt ich vom Klub die Möglichkeit, an der österr. Pamirfahrt 1967 teilzunehmen. Ein so spontaner Vertrauensbeweis meiner neuen Berggefährten war fast mehr als ich erwarten durfte – ein Traum, der ganz unerwartet in Erfüllung gehen sollte.

Vom Klub war noch mein langjähriger Freund und Westalpenpartner Rolf Walter mit von der Partie; weiters Bergsteiger von drei alpinen Vereinen Österreichs, zusammen 14 Mann.

Großes Treffen gab es in Wien. Bundespräsident Jonas wurden wir noch vorgestellt, er hatte freundlicherweise den Ehrenschutz des Unternehmens übernommen; dann ging es per Flugzeug ab nach Osch.

Zwischenlandung und 3 Tage Aufenthalt in Moskau gaben uns Gelegenheit, ein wenig Einblick in eine andere Weltanschauung zu erhalten. Großes vergangener Zeiten und russische Gegenwart beeindruckten uns. Ein Höhepunkt war eine Ballettvorführung im neuen Kreml-Kongreßhaus.

In Osch nahmen wir mit Freuden von der zivilisierten Welt Abschied. Mit Bus und Lastwagen fuhren wir auf immer schlechter werdenden Wegen 2 Tage lang in das Kirgisische Hochland hinein. Wir durchfuhren an einer Furt den Schmelzwasser führenden Kozyl Su; das Wasser reichte weit über die Achsen der Räder, und die aus den Fluten ragenden Wracks betrachteten wir mit gemischten Gefühlen. Nun führte die Straße steil hinan, wir überquerten den 4000 m hohen Taldykpaß im Alaigebirge, dann lag der Trans-Alai mit unserem Ziel, dem 7134 m hohen Pic Lenin, vor uns.

Unser Klubkamerad Erwin Schneider hatte bereits 1928 anläßlich einer 4monatigen Vermessungsexpedition zusammen mit Allwein und Wien diesen Berg erstbestiegen. Eine großartige Leistung, so großartig, daß sie in russischen Bergsteigerkreisen viele Jahre lang bezweifelt wurde.

18 km vor dem eigentlichen Bergfuß beziehen wir in 3700 m Höhe das Hauptlager. Unsere Mannschaft teilt sich in Gruppen und die ersten Akklimatisations- und Erkundungstouren beginnen.

Rolf, Adi, Hans und ich beschließen, den knapp 5000 m hohen linken Talwächter, von uns „Scharfe Schneide“ getauft, zu ersteigen. Am Nachmittag geht es los. 10 Minuten nach dem Lager stellt sich uns schon das erste Problem entgegen: der Azuktosch, ein reißender Gebirgsbach, ein bis zwei Meter tief, und wie wir später feststellen können, genau eine Seillänge breit. Das Wasser tost, und das dumpfe Poltern kommt von den großen Steinbrocken, die am Grunde mitrollen. Obenauf schwimmen noch Eisbrocken. Ohne Diskussion erkennen wir Rolf, wohl seiner Tätigkeit als Sportlehrer zufolge, als unseren zukünftigen Schwimmlehrer an. Wir spähen nach einer schwachen Stelle und gehen dabei am Ufer aufwärts. Als der Fluß einen Bogen macht und uns in eine ganz falsche Richtung drängt, wird es kritisch. Rolf packt das Seil aus und die Kleider ein. Welch grotesker Anblick, wie er da, splitternackt und angeseilt, sich auf die Schistöcke stützend, den Kampf mit der Naturgewalt aufnimmt! Mit Mühe erreicht er das andere Ufer. Wir seilen die Rucksäcke hinüber; Hans und ich folgen problemlos am gespannten Seil. Letzter ist Adi! Ein Stück geht alles gut. Wie in einer Wand sichern wir ihn. Doch plötzlich reißt es ihm die Haxen aus, und er muß sich zum Vollbad entschließen. Fast noch in derselben Sekunde wirft ihn die starke Strömung durch das gespannte Seil an unser Ufer. Ein paar blaue Flecken waren die Folge, sonst war die Vorstellung bestens gelungen! Mißlicher waren die Folgen für Rolf. Er nahm sich während des ganzen Manövers keine Zeit, etwas anzuziehen, erkältete sich und bekam eine leichte Lungenentzündung. Er wurde per Hubschrauber für 10 Tage in das nächste Krankenhaus gebracht und „übersprang“ somit die Akklimatisationsphase.

Wir machten uns inzwischen daran, die Hochlager aufzubauen und einzurichten. Ein Depot erstellten wir am eigentlichen Beginn unseres geplanten Anstieges; Lager I am Fuße der 1400 m hohen, ca. 40 Grad steilen Nordflanke, die zum Grylenkopaß führt. Hier entstand später Lager II, 5600 m hoch gelegen. Ein wunderschöner Platz, den 1928 auch Erwin Schneider, von Süden her kommend, als Ausgangspunkt für die Besteigung hatte.

Bis die benötigte Ausrüstung hier heroben war, hatten wir diese Strecke ein paar Mal zu bewältigen.

Vom Grylenkopaß aus erstiegen wir noch  den 6100 m hohen Pic Spartak.

Dann wurde gruppenweise für den Gipfelgang gepackt. Über den Ostgrat ging es bei herrlichem Wetter höher. Tief unten lag nun das 40 km breite Alaital, und die Gipfel der jenseitigen Alaikette trugen, wie einen Heiligenschein, Schönwetterwolken. Am späten Nachmittag stellten wir am Sattel, unter dem letzten Gipfelaufschwung, die Zelte auf. Wir waren fast 7000 m hoch, und die untergehende Sonne machte aus den glitzernden Firnflanken und den bereits im Schatten liegenden Tälern ein Märchenland. Wir waren unserem Ziel ganz nahe und krochen in die Schlafsäcke.

Nachts knatterten die Zeltwände im Sturm, und meine Gedanken kamen kaum zur Ruhe. So vieles hatte ich die letzten Tage und Wochen erlebt, und es war herrlich, im Halbschlaf dahinzuträumen.

Am nächsten Morgen nahmen wir die verbliebenen 200 Meter in Angriff. Der letzte Steilhang begann sich zurückzulegen, dahinter kamen noch neue Gipfel hervor. Doch bald standen wir an dem Punkt, wo es ringsum nur abwärts ging: am Gipfel des 7134 m hohen Pic Lenin, auf unserem Ziel. Heil Franz! Heil Adi!

Einen ganzen Tag und eine Nacht blieben wir dann noch in unserem luftigen Lager unter dem Gipfel. Als wir uns zum Abstieg anschickten, kam plötzlich auch noch Rolf daher. Man hatte ihn aus dem Krankenhaus entlassen, und er stellt gleich seine neu gewonnene Gesundheit unter Beweis: Ohne Akklimatisation stieg er in drei Tagen vom Hauptlager zum Gipfel und wieder zurück bis zum Grylenkopaß! Und da er bis zum Paß noch eine 5-kg-Dose besten bulgarischen Schinken mitgenommen hatte, begann es nun hier in der Bratpfanne auf Hochtouren zu brutzeln.

Helmut Wagner

Brief von Rolf Walter vom Hauptlager an seine Frau:

Die Nacht haben wir gut verbracht in unserem 2-Mann-Zelt, nur ungern verlassen wir es, um die letzten Vorbereitungen für unseren heutigen Gang zu treffen. In bequemer Höhe trete ich mir eine Fläche in den Schnee, um die Steigeisen anziehen zu können. Bücken ist mühsam in gut siebeneinhalbtausend Meter Höhe. Neben mir stöhnt Seppl, auch er vermisst die O-schwangere Atmosphäre unseres Zeltes.

Über einem inselreichen Wolkenmeer wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, uns wärmen bereits die ersten Sonnenstrahlen.

Lager IV steht auf der SO-Abdachung unseres Berges, von hier zieht ein breiter Hang hinauf zu einem Gratkopf, 8050 m, dahinter baut sich die Gipfelflanke auf. Dazwischen soll eine breite Schlucht liegen, die große Unbekannte unseres Aufstieges.

Eigentümliche Last ziert heute unseren Rucksack, jeder von uns hat zwei lange französische O-Flaschen eingepackt, aus ihnen erhoffen wir uns die Luft für die letzten 400 Meter.

Vorerst heißt es aber, den Gratkopf zu erreichen und dabei mit dem einheimischen O auszukommen.

Der Hang wechselt zwar oft die Neigung, Schwierigkeiten bietet er aber keine. Schwer ist es, im Windbruchharsch zu spuren, erleichtert betreten wir immer wieder blankgefegte Firneisflächen. Langsam sinken um uns die Bergspitzen tiefer, allein der Makalu im Osten bleibt schier unverändert in seiner Größe.

Zahlreich sind die Atempausen, die wir einlegen müssen, schwer ziehen die Riemen an unseren Schultern. Endlich gegen 9 Uhr, nach 3 Stunden, erreichen wir den Gratkopf.

Ab hier wollen wir uns den mitgebrachten O genehmigen, gespannt warten wir auf seine Wirkung, unsere Kräfte sind bereits schwer angeschlagen. Sorgfältig schrauben wir das Reduzierventil auf eine Flasche, schließen den Schlauch der Atemmaske an und setzen diese auf. Nun fließt das wertvolle Element von der kleinen Flasche in die „große“, Sepp ist nun zum Astronaut geworden, leider bleibt die Schwerkraft unvermindert.

Nach den ersten tiefen Atemzügen fühlen wir uns gleich gestärkt. Beim Blick um das nächste Wächteneck haben wir die Stärkung bitter notwendig.

Eine breite, in mehrere Rinnen zergliederte Schlucht trennt uns von der Gipfelwand. Wir überlegen nicht lange, Zeit ist Sauerstoff, schon tänzeln wir auf den vordersten Zacken unserer ausgezeichneten Steigeisen, in der Linken das Eisbeil, in der Rechten den Pickel, über dem Abgrund. Auf das Seil verzichten wir, sichern würde uns zu lange aufhalten. Dauernd wechseln wir in der Führung. Gutes Firneis baut die tollen Formen der Wächten auf, es verringert das Risiko und macht trotz der Steilheit ein rasches Weitergehen möglich.

Für einen kurzen Augenblick können wir den Everest sehen, blau wie ein Eislaufplatz schillert sein Südsattel herauf. Wir nehmen uns nicht viel Zeit zum Schauen, wir müssen unserer eigenen Lage Aufmerksamkeit schenken. Ein kurzer Abstieg bringt uns endgültig an die Gipfelkante, fast unvermindert bleibt die Steilheit, ungebrochen aber ist unser Auftrieb. Nebeneinander steigen wir höher, vier feine Einstiche bilden die Spur des Fußes. Noch befinden wir uns im rechten Wandteil, eine lange Linksquerung bringt uns in die Gipfelfallinie. Ein Felsblock lädt zur kurzen Rast ein. Wir essen ein bißchen und beobachten eine Dohle, die hier auf 8200 m ihr Spiel treibt Der nahe Gipfel über uns reißt uns wieder hoch.

Eine breite, mit Pulverschnee erfüllte Rinne zur Linken meiden wir, wir steigen lieber in den sie begrenzenden, gut gestuften Felsen höher, da sparen wir uns das Spuren. Das Gelände ist hier flacher, umso steiler hängt die Gipfelwand über uns. Der Gipfel wird von einer waagrechten Schneid gebildet, die von vielen Wächten gekrönt ist. Sepp bestimmt eine Wächte im linken Teil zum Gipfel, das heißt, noch ein Stück nach links queren. Die Felsen bleiben zurück, wir kleben in der Schlusswand. Gegenseitig stellen wir die O-Zufuhr von 3 auf 4 Liter, rasselnd dringt der wertvolle O in den Atembeutel. Jetzt heißt es, alle Kraft und Konzentration zusammenreißen, was sich da über unseren Köpfen aufbaut, schein kriminell. Vielleicht 30 m trennen uns noch von oben, aber die wollen erst erstiegen sein. Ein Blick hinunter. Tief unten sehen ich Lager IV und stecknadelgleich erkenne ich unsere tapferen Sherpas, die Nachschub bringen……die werden schauen!

Weiter geht es, aber wie. Das gute, verlässliche Eis geht in Schnee über, tiefer stoße ich den Pickel und das Eisbeil in den weichen Schnee. Mühsam ziehe ich mich daran höher, unsicher stapfen die Beine nach. Wenige Meter unter der Gipfelwächte bleibe ich hängen, unmöglich, hier hinaufzukommen, alles gibt nach. Sepp gelingt es, weiter rechts die Wächte zu durchschlagen, ich steige zu ihm zurück. Direkt über dem Wächtenkamm erreicht Sepp den höchsten Punkt der Wächte, mit schlechtem Gefühl folge ich. Es ist ½ 1 Uhr. Wir setzen uns, ein Bein baumelt links, eines rechts über dem Abgrund. Nebelschwaden umspielen uns, plötzlich sind sie da. Schnell mache ich noch ein paar Aufnahmen vom Everest, der Gipfel des Lhotse I ist bereits im Nebel verschwunden, nur schemenhaft tauchen wild zerklüftete Teile des Verbindungsgrates auf.

Wir binden unsere Wimpel auf den Pickel, den Wimpel vom Land Tirol, meinen stolzen Klubwimpel, den Wimpel der AV-Jugend und den des Gastlandes.

Unsere gefährliche Lage, die schnelle Verschlechterung des Wetters, die Sorge um den Abstieg, lassen keine große Gipfelfreude aufkommen, doch unvergeßlich sind mir die Bilder, die sich zeigen. Schlicht und ehrlich der Handschlag mit Sepp. Gern wollte ich ein Steinchen vom Gipfel für meine tapfere Frau mitnehmen, doch weit und breit nur Eis und Schnee.

Rasch wechseln wir die leere O-Flasche gegen die volle, der Rucksack wird um einiges leichter. Es kostet mich einige Überwindung, die ersten Schritte in die Wand, die inzwischen vollständig im Nebel verschwunden ist, abzusteigen, doch rasch kehrt die alte Sicherheit wieder.

Pausenlos steigen wir ab, nur schwer können wir uns orientieren. Wenn es nur nicht zu schneien anfängt, doch von diesem Übel bleiben wir heute verschont. Wir müssen nun den Weg des Aufstieges im Abstieg überwinden, was bleibt uns anderes übrig, als ohne Zaudern die steilsten Stellen hinunterzusteigen. Mit Freude erkennen wir, daß wir soeben das letzt schwierige Gratstück abgestiegen sind. Da fällt mir ein, im Rucksack habe ich noch ein paar getrocknete Aprikosen, sie schmecken uns herrlich.

Was nun? Vor uns liegt eine kilometerbreite Flanke, und darin irgendwo unser Zelt. Die Sicht reicht kaum fünf Meter. Wir beginnen auf gut Glück, weiter abzusteigen. Anfangs geht es sogar ganz gut, auf einmal 2 Meter vor mir ein bodenloser Abbruch, also links, wieder ein Abbruch, dann rechts Abbruch, wieder links, doch rechts, es geht, weiter . . . .

Wir haben uns verirrt. Sepp hat die glorreiche Idee: Immer nach rechts queren, dann müssen wir zum Grat kommen, an dem wir uns orientieren können.

Wir queren und queren, lösen einander in der Spurarbeit ab. Der Höhenmesser sagt, daß wir bald die Höhe unseres Zeltes erreicht haben müssen. Wir rufen. Von den Kameraden keine Antwort. Sepp ruft: „ein Zelt!“ Leider ist es nur ein Stein. Der Nebel lichtet sich ein bißchen, tatsächlich erspähen wir unser Zelt. Fast waagrecht queren wir hinüber. Hier empfängt uns Walter, wir befreien ihn von einer großen Sorge. Heißer Tee möbelt uns wieder auf. Rührend ist Walters Sorge. Wir beschließen, neu gestärkt, noch nach Lager III abzusteigen.

Erfrischt und neu gestärkt schaffen wir den Abstieg in einer knappen Stunde. Ein freudiger Schrei läßt Freund Siggi und Rüdiger aus ihrer Schneehöhle fahren. Männer werden zu Kindern. Mich erfüllt große Dankbarkeit meinen Kameraden gegenüber, jeder einzelne hat sein Bestes gegeben, um uns den Weg zum Gipfel zu ermöglichen. Nur wer selbst schon um einen hohen Berg gerungen hat, weiß, was es heißt, gut in Form zu sein und doch zu Gunsten eines anderen zurückzustecken.

Langsam begreife ich das Glück des Tages, es wird zur Freude des Lebens.

Rolf Walter

Pik Kommunismus, Pamir 1976

Der Pik Kommunismus ist nach den Geografen der höchste Punkt der Sowjetunion und der vierthöchste Berg im Pamir. Nach den neuesten Berechnungen der Vermesser ist er 7.488 m hoch. Als wir uns zu einer Fahrt dorthin entschlossen, war er bei uns ziemlich unbekannt. Von der österreichisch-sowjetischen Gesellschaft erhielten wir lediglich einige Skizzen und eine Ersteigungsgeschichte.

Rolf, Senta, meine Frau und ich trafen uns in Schwechat mit einer 17 Mann starken Gruppe des Österreichischen Alpenklubs mit Leo Graf als Leiter. Die Anreise über Moskau und Osch war gut organisiert und problemlos. Nur das letzte Stück ins Leninlager im Lkw auf schlechter Straße war sehr holprig und staubig. Aber nach der Warmwasserbrause dort fühlten sich alle wieder wohl.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit Wanderungen, einer Besteigung des Pik Petrowski, dem Ausfassen des Proviants und der ärztlichen Untersuchung. Unsere Frauen sind besser akklimatisiert als alle Männer. Rolf beweist diese Feststellung der Mediziner und legt sich mit leichter Lungenentzündung in ein Bett der Arztbaracke.

Wir werden inzwischen in das Fortambeklager geflogen. Eine Stunde dauert der eindrucksvolle Hubschrauberflug, die Berge werden steiler und interessanter. Auch hier haben die Russen auf einer kleinen Wiese bereits Zelte aufgebaut, das Lagerleben ist jetzt aber viel gemütlicher als im Leninlager.

Der Aufstieg beginnt mit einer fast 2000 m hohen Flanke aus Schutt, Schnee und Eis mit einigen Kletterstellen. Zur Sicherung sind stellenweise fixe, aber alte Seile angebracht, vor allem für Wissenschaftler, die am Plateau in über 6.000 m arbeiten. Die ersten Anstiege zu Lager I und Lager II sind anstrengende Gepäckstransporte. Wir sind nicht sehr zuversichtlich, den Gipfel zu erreichen. Auch Marcus Schmuck ist mit einer Bergsteigergruppe hier, wir sind aber aus mehreren Gründen froh, nichts mit ihm zu unternehmen.

Rolf und Senta sind inzwischen auch gekommen, gemeinsam gehen wir zu Lager II und erreichen über das etwa 12 km lange Plateau das dritte Lager. Hier befindet sich auch unsere vom Hubschrauber abgeworfene Tonne mit Konserven. Hier und am Weiterweg zu Lager IV treffen wir mit der Gruppe des ÖAK zusammen, 10 Teilnehmer haben den Gipfel erreicht. Die Nacht im Lager IV in ca. 6.700 m ist schlimm, starker Sturm und Schnee im Zelt lassen uns nicht schlafen. Der nächste Tag bringt Rolf und Senta den Gipfel, wir müssen aber schon nach einer Stunde umdrehen, da ich die Zehen trotz dauernder Bewegung nicht mehr spüre, auch Renate ist nicht in bester Verfassung. Wir entschließen uns, ganz ins Basislager abzusteigen und einen neuen Versuch zu starten.

Nach zwei notwendigen Rasttagen legen wir mit leichtem Gepäck am Nachmittag die Strecke bis zu Lager II zurück. Schlechtes Wetter am nächsten Tag – wir bleiben im Zelt. Gegen Abend hört der Schneefall auf, wir wissen, dass wir das Plateau allein spuren müssen. Müde erreichen wir nach 8 Stunden unser am Lager III stehen gelassenes Zelt. Von den Fruchtsäften ist aber alles weg – „vielleicht“ – haben es tschechische Bergsteiger ausgetrunken. Wir haben Funkverbindung mit Rolf, der sich mit den anderen Kameraden am Pik Korschenewskaja befindet und diesen mit nur einem Zwischenlager erreicht.

Von unsere Lager III bis zum Lager V auf 6.950 m ist wieder alles zu spuren, aber wir sind jetzt gut an die Höhe gewöhnt und spüren, dass wir es schaffen werden. Hier am höchsten Lager treffen wir auf ungefähr 10 andere Gipfelanwärter, Japaner, Russen und Polen. Sie waren eine Woche vor uns aufgebrochen, aber durch das schlechte Wetter und durch mangelnde Höhenanpassung noch nicht weiter.

Gegen 9 Uhr verlassen wir am 8. August unser Zelt und erreichen über die Nordwestflanke den Gipfelgrat. Ein Schluck Kaffee aus der Thermosflasche – wir wollen nicht rasten und gehen über den Grat gleich zum Gipfel. Es ist Mittag, es ist warm und windstill, es ist einfach unbeschreiblich. Alle Zweifel und Mühen sind vergessen, alle Fragen über den Zweck des Bergsteigens sind für uns beantwortet. Im weiten Panorama erkennen wir den Pik Lenin und Teile des Fedschenkogletschers und tief unten die Wiese des Basislagers. Nach einer Stunde machen wir uns auf den Rückweg. Bis zum Lager V ist Konzentration notwendig, wir bauen das Zelt gleich ab, bekommen von den nicht am Gipfelgang beteiligten Japanern einen Schluck heiße Milch und erreichen am Abend wieder das Plateau und die bisher weniger geliebten Konserven. Lange wird gekocht, gegessen und getrunken.

Das Plateau schaffen wir diesmal in 3 Stunden, manchmal in einer Schispur gehend. Unser schweres Zelt von Lager I will auch noch mitgenommen werden, vorsichtig benützen wir zum letzten Mal die Seilversicherungen. Im Schotter ist jetzt schon ein Steig ausgetreten und endlich sind wir im Lager. Das Abendessen auf den Holzbänken, das frische Obst – ein Bad und die notwendigen Waschungen im warmen See – alles vertraut und doch wider neu erlebt. Da aber nirgends mehr Papier aufzutreiben ist, sind wir froh, wieder ins Leninlager zu kommen und unsere Erlebnisse auszutauschen.

Karl Mosbacher

Dhaulagiri Expedition 1986 mit dem DAV

3. Mai 1986 – Dhaulagiri Hochlager III – rund 7.000 m:

Unser Zelt steht in einer steilen Flanke und ist mit Seilen an Felsen verankert. Klaus, Peter und ich haben eine stürmische Nacht verbracht.Mit uns sind noch vier deutsche Bergsteiger im zweiten Zelt. Peter und Klaus klagen über Übelkeit und Darmprobleme, besonders Peter hat es arg erwischt. Er hatte sich schon gestern mit größter Überwindung ins Lager III heraufgeschunden.
Die letzten Wochen sind wir den Weg ins Lager III schon öfters gegangen, da wir drei meistens vorne dabei waren, um Lasten in die Hochlager zu tragen und die Lager einzurichten.
In der Früh will heute keine richtige Stimmung aufkommen. Durch die schlechte Verfassung der beiden ist unser Auftrieb auf ein Minimum gesunken, wo doch sonst in unserem Zelt immer gute Stimmung vorherrschte.
Als wir gegen 1/2 10 Uhr Stimmen hören, wissen wir, daß Günther, Sepp, Heinz, Müller und ein Sherpa von oben zurückkommen. Sie sind schwer gezeichnet von den Anstrengungen in der dünnen Luft und wir nehmen sie mit heißer Suppe und Tee in unserem Zelt in Empfang. Sie waren vor zwei Tagen vom Lager III aufgebrochen – das Wetter war gut – und in 3 1/2 Stunden erreichten sie Lager IV, deponierten dort das Zelt und gingen gleich weiter Richtung Gipfel. Am späten Nachmittag, in Gipfelnähe, überraschte sie ein wildes Gewitter. Günther und Sepp erreichten sehr spät den Gipfel. Beim Abstieg übernachteten sie zu fünft im kleinen Sturmzelt.
Für mich ist es jetzt das Schwierigste, zu entscheiden, ob ich mit Peter und Klaus absteigen oder doch noch einen Versuch ins Lager IV wagen soll. Bei Peter und Klaus steht fest, daß sie in ihrer Verfassung auf jeden Fall mit der Gipfelmannschaft absteigen werden.
Ich bin lange unschlüssig, bis sich Lutz und Willi, zwei deutsche Freunde, bereit erklären, mit mir aufzusteigen.
Der Weg von Lager III führt gleich über unserem Zelt durch eine steile, mit Felsen durchsetzte Eisflanke, zu einer zirka 80 – 100 m hohen, fast senkrechten Felswand, die mit alten Fixseilen versehen ist. Mit Steigeisen klettere ich den Steilaufschwung und ich muß meine ganze Konzentration aufbringen, um nicht versehentlich einen der stark beschädigten Seilreste zu verwenden. Trotz meiner mir langsam scheinenden Bewegungen erreiche ich nach zirka 1 1/2 Stunden diesen Felsaufschwung. Von hier zieht ein steiler Firngrat hinauf zum vorgesehenen Lager IV. Der Abstand zwischen mir und meinen 2 Freunden wird immer größer, und ich mache mir schon Gedanken, ob sie vor Einbruch der Dunkelheit Lager IV noch erreichen können.
Der Blick von hier oben ist überwältigend: Im Osten die Anapurna und die umliegenden Siebentausener, und im Norden kann man schon das Hochland von Tibet sehen. Als es am späten Nachmittag zu schneien beginnt, erreiche ich das Zelt von Lager IV. Es ist nicht aufgestellt, sondern nur zusammengelegt und mit einer Steinplatte beschwert. Reste von früheren Expeditionen sind hier noch zu finden, und ich beginne gleich eine einigermaßen ebene Fläche freizupickeln. Das Aufstellen des Zeltes allein macht mir große Schwierigkeiten, der Wind peitscht mir den Schnee ins Gesicht und ich habe Mühe, das Zelt zu halten. Nach einiger Zeit gelingt es mir, das Zelt zu fixieren, und ich beginne gleich damit, Schnee zu schmelzen. Willi und Lutz kommen total erschöpft bei Einbruch der Dunkelheit und sind froh, daß das Lager fertig ist. So gut es geht, richte ich es im Zelt gemütlich ein.
Inzwischen wird das Wetter immer schlechter und der Wind nimmt orkanartige Stärke an, sodaß Lutz nochmals vor das Zelt muß, um die Verankerungen zu kontrollieren. An Schlaf ist nicht zu denken. Wir stemmen uns alle drei gegen die Windseite und sind jeden Moment darauf gefaßt, daß das Zelt dem Sturm nicht standhält. Von uns dreien denkt keiner mehr an einen weiteren Aufstieg Richtung Gipfel, vielmehr machen wir uns Gedanken, wie wir bei diesem Sturm den Rückweg schaffen werden.
Als gegen Mitternacht der Wind fast plötzlich nachläßt, traue ich meinen Augen kaum, als ich am Himmel Sterne sehe und der Blick ins Kali-Gandaki frei ist. Ich mache mir schon ein bißchen Hoffnung, vielleicht doch noch weiter in Richtung Gipfel steigen zu können. Als das Wetter immer besser zu werden verspricht, beginnen wir mit den Vorbereitungen für den Aufstieg. Es ist noch dunkel, als ich vor dem Zelt die Steigeisen anlege, um gleich darauf mit der lange Querung in die Nordflanke, nahe den Felsen, zu beginnen. Steil zieht von hier eine rund 500 m hohe Flanke bis zum Beginn einer Felszone unterhalb des Gipfelgrates. In der Nähe einer Felsrippe spure ich in dem nicht enden wollenden Hang bis zum Rand der Felsen. Willi und Lutz sind weit unter mir und ich weiß, daß ich heute die ganze Spurarbeit alleine machen muß. Heute fühle ich mich recht gut und ich kann es kaum glauben, daß ich noch vor einer Woche mit einer argen Darminfektion im Basislager einige Kilo abgemagert habe und der Arzt mir von einem Aufstieg abgeraten hat.
Das Gehen im kombinierten Gelände macht mich fast ein bißchen übermütig und so bin ich gegen Mittag bei den Gratfelsen. Ein Blick nach Osten läßt die Schneekuppe des Ostgipfels erkennen und ich weiß, daß ich die 8.000er-Grenze erreicht habe. Bei einem großen Block warte ich auf meine zwei Freunde und kann es nicht erwarten, gleich den langen Gipfelgrat weiterzusteigen.
Willi und Lutz wollen nicht mehr weiter, für sie ist der Gipfelgrat das Ende ihrer Leistungsgrenze und sie machen sich große Sorgen wegen des Wetters, da von Nordosten schon ein Grau-Blauer Himmel zu sehen ist und der Wind die ersten Schneekristalle ins Gesicht bläst. Nach einer kurzen Aussprache entschließe ich mich, alleine den Anstieg fortzusetzen.
Lange gehe ich immer an der Nordseite des Grates, präge mir eine Eisrippe, die vom Grat in die Nordflanke herunterzieht, genau ein, um bei einem Rückzug bei schlechter Sicht keine Probleme zu haben. Immer wieder Felsrinnen querend, mache ich unter einem Turm kurz halt, und ich traue meinen Augen nicht, als ich weit hinter mir Willi und Lutz nun doch nachkommen sehe. Zuerst spüre ich Freude, nicht mehr allein zu sein, aber das aufkommende Schlechtwetter läßt kein längeres Warten zu. Vor mir sehe ich schon die Felsen der „Birnenroute“ und ich weiß, daß der Gipfel nicht mehr weit sein kann, bin ich doch schon fast 3 Stunden auf dem Gipfelgrat unterwegs. Das Wetter ist inzwischen ganz schlecht geworden, nur durch Wolkenlöcher kann ich vor mir eine Schneekuppe ausnehmen. Vorsichtig taste ich im dichten Schneetreiben zum HÖCHSTEN PUNKT !!
Inzwischen sind Willi und Lutz nachgekommen. Sie bleiben einige Schritt unter mir stehen, machen noch gleich eine Gipfelaufnahme. Wir umarmen uns, überglücklich, so etwas erleben zu dürfen und machen uns gleich zum Abstieg bereit.
Der aufkommende Sturm läßt uns kaum unsere Aufstiegsspuren erkennen, jeder geht sein Tempo, bis wir zum Beginn der Eisrippe kommen. Von dort geht der Abstieg weiter über die Gratfelsen zur Nordflanke. Ich steige in der Nähe der Felsen abwärts und erreiche die lange Querung hinaus zum Nordost-Grat zu unserem Lager, das ich noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen kann. Müde und abgespannt warte ich noch auf meine beiden Freunde, die bei vollkommener Dunkelheit das Zelt erreichen.
Willi hat sich beim Abstieg die Hände und Zehen erfroren und ist in schlechter Verfassung. Lutz verabreicht ihm einige Tabletten. Ich koche noch mit der letzten Gaskartusche ein wenig Flüssigkeit. Das Wetter ist inzwischen ganz schlecht geworden und der Sturm reißt wieder an unserem Zelt.
Am nächsten Tag ist das Wetter immer noch sehr schlecht. Willi will nicht mehr aus dem Zelt und nur durch gutes Zureden können wir ihn überreden, mit uns Lager IV zu verlassen. Jeder geht in seinem Rhythmus und so passieren wir Lager III und treffen weiter in Lager II ein. Dort befinden sich jedoch keine Zelte mehr, und so legen wir noch mit letzten Kräften den Weg ins Lager I zurück.
Peter, Klaus und einige Träger empfangen uns herzlich. Bei der ausgezeichneten Küche von Klaus lassen wir uns im Zelt verwöhnen und können es kaum glauben, daß wir nun alle Strapazen überstanden haben.
Der Weg ins Basislager ist uns sehr gut bekannt und bereitet uns keine Schwierigkeiten mehr. Auch dort empfangen uns die Expeditionsteilnehmer und Sherpas mit großer Freude und zusammen feiern wir den Erfolg, der ja nicht nur von uns, sondern von der Zusammenarbeit der ganzen Mannschaft abhängig war.
Mein alter Wunschtraum, einmal auf einen Achttausender zu stehen, war in Erfüllung gegangen.

Walter Larcher

 

Anden-Bergfahrt 1987

Am 11. Juni 1987 erreichen wir kurz nach Mittag das Hochlager unter dem Alpamayo.
Wir sind 9 Klubkameraden: Hansjörg Köchler, Peter Konzert, Klaus Brentel, Klaus Prinz, Harald Zwirner, Hans Würtenberger, Schorsch Ruetz, Wolfi Egger und ich, der Raymund Ruf. Nach einem gemütlichen Frühstück und einem geruhsam begonnen Vormittag im Tallager kam plötzlich Hektik auf; weil wir erst Nachmittag aufbrechen wollten, begann jeder gemütlich herumzukramen; sämtliche Ausrüstung wurde kontrolliert und hergerichtet, aber immer wieder durcheinandergebracht, bis endlich die 9 riesige Rucksäcke bereitstanden. Und dann gabs plötzlich kein Halten mehr, der Aufbruch brach aus wie unter Karwendlern üblich. Über die steile Moräne aufwärts blieben wir beisammen und hielten am Übergang zum Gletscher noch eine gemeinsame Rast. Doch dann ging jeder sein Tempo – weit voran Brentel und die anderen Haller, dann gestaffelt nach Kondition bis zu mir, dem als Ältesten die Rolle des Schlußmannes schließlich auch zusteht. Die Verhältnisse im Eis waren bestens, selbst in den steilsten Passagen brauchten wir keine Steigeisen, im Firn konnte man leicht Stufen treten. Für mich war es eher ein Kampf mit meinem über 20 kg schweren Rucksack, aber ich konnte mir ja Zeit lassen. Um etwa 13 Uhr erreichten wir dann das etwa 5.400 m hohe Joch und gleich darunter, auf einem ebenen Gletscherplatz, richteten wir das Hochlager ein. Direkt gegenüber steht nun der Alpamayo – eine wundervolle weiße Pyramide aus Riffeleis, das Hauptziel unserer Reise. Es ist wirklich ein wunderschöner Berg, fast 6.000 m hoch, einer der schönsten Berge, die ich bisher gesehen habe. Steil und abweisend scheinen seine Flanken, in der Draufsicht beängstigend steil. Wir sehen aber auch durch eine der Rinnen die zarten Spuren unserer Vorgänger und wir werden ganz begierig, diesen traumhaft schönen Berg über seine steile Eisflanke zu besteigen.
Unser Lagerplatz ist ein großer ebener Platz am Gletscher, der zum Alpamayo hin steil abfällt. Wir sind nicht allein, zwei kleine Zelte waren schon hier von Leuten, die heute am Gipfel waren und nach uns kommt noch eine Gruppe Deutscher, die ebenfalls morgen den Gipfel besteigen wollen. Wir haben aber alle leicht Platz, es geht sehr ruhig zu und der ganze Lagerplatz ist überraschend sauber; jeder hat anscheinend sein Häufchen ordentlich vergraben, seinen Müll wieder mitgenommen (oder in tiefen Spalten unsichtbar deponiert) und das Depot für die Entnahme von Schnee zum Schmelzen ist peinlich sauber. Wir sind sehr zufrieden, richten uns ein so gut es geht und haben viel Zeit zum Schauen. Unser Lagerplatz ist nach Westen zu frei und weit schweift der Blick über das zerklüftete Bergland. Als die Sonne den Horizont berührt, erglüht unsere Umgebung plötzlich in zartem Rosa, das immer intensiver wird. Die umstehenden Eisriesen, der Gletscher, alles leuchtet wie von innen heraus in phantastischen Pastellfarben, die bis ins tiefe Rot übergehen. Wir kommen uns vor, als seien wir in eine Märchenwelt verzaubert worden, in einen unwirklichen Traum. Jeder wird still und andächtig, tief prägt sich dieses großartige Schauspiel ein.
Wir hatten zwei Zelte aufgestellt, die 4 Haller nahmen Peter zu sich ins 4-Mann-Zelt, und Hansjörg, Schorsch, Wolfi und ich schliefen in unserem 3-Mann-Zelt. Die Nacht verbrachten wir eigentlich recht angenehm, obwohl es sehr kalt wurde (geschätzte 15 Grad unter Null). Ich selbst hatte überhaupt einen Schlaf wie ein Murmeltier und schlief tief und fest durch bis zum Wecken.
Um 4 Uhr früh ist Tagwache; es ist noch dunkel und bitterkalt. Das Ankleiden im engen Zelt ist mühsam, doch schon hört man das Brummen des Kochers, den Hansjörg bedient. Das Müsli schmeckt trotzdem nicht, jeder würgt daran herum, nur um den Magen voll zu kriegen. Nicht nur die Kälte, auch die Spannung vor dem kommenden Abenteuer schlägt uns auf den Magen. Vor dem Zelt ist die Kälte richtig beißend, aber der Vollmond taucht alles in sein mildes, silbernes Licht, und die Steilwand unseres Berges leuchtet geheimnisvoll und verlockend und mit einem Schlag ist alle Nervosität vorbei und wir bereiten uns ruhig und gelassen auf den kommenden Tag vor.
Prinz Klaus hatte leider eine schlechte Nacht; er hatte mit der Höhe große Probleme, hat kaum geschlafen und nun ist ihm bei schrecklichen Kopfschmerzen furchtbar schlecht. Es hilft nichts, er muß so schnell als möglich absteigen. Würtenberger Hans begleitet ihn und bringt ihn sicher über das Joch und über den steilsten Teil des jenseitigen Gletschers so weit hinunter, bis Klaus dann langsam alleine absteigen kann. Harald wartet auf Hans, der nachkommen will.
Wir anderen stolpern inzwischen im unsicheren Licht des Vollmondes, in dem alles so unendlich romantisch aussieht, auf den flachen Gletscher hinunter und streben der Eiswand zu. Es geht bald wieder bergauf, wird steiler und als wir die Randkluft erreichen, wird es gerade hell. Die Randkluft bietet keine großen Schwierigkeiten, Wolfi und Peter als erste Seilschaft finden gleich eine solide Brücke und steigen in die steile Rinne der Riffeleiswand ein. Als zweite Seilschaft kommen Brentel und ich dran, hinter uns gehen Hansjörg und Schorsch.
Die Verhältnisse sind großartig: fester, gefrorener Firn, in dem die Steigeisen und die Eisgeräte nur so beißen. Von unseren Vorgängern von gestern haben wir feste Stufen und Tritte, und an den Standplätzen finden wir jeweils zwei festgeschlagene Firnanker oder Eisschrauben, sodaß wir auch für das Einrichten der Standplätze keine Zeit verlieren. Schnell kommen wir höher; es ist gar nicht so steil, wie es von gegenüber ausgesehen hat, ich schätze so um die 55 – 60 Grad. Nur die Kälte beißt sich überall durch, mich friert in den Fingern und den Zehen ganz jämmerlich.
Der Anstieg wickelt sich in einer dieser tiefen Riffeleis-Rinnen ab, die wie eine steile Bobbahn in die Höhe schießt. Zu beiden Seiten wird die Rinne von phantastischen Eisgebilden begrenzt, die aussehen wie Märchenfiguren. Bald sehen wir auch Hansi und Harald unten am Gletscher nachkommen, die in tollem Tempo aufschließen. Manchmal kommt blankes Eis durch den Firn, aber es ist griffig und mit etwas Vorsicht geht es in wunderbarem Steigen aufwärts. Schade, daß uns die Sonne hier in der kalten Westwand nicht erreicht; erst weit oben beleuchtet sie die Eisgebilde zu beiden Seiten der Rinne und läßt sie bizarr aufleuchten. Die Rinne wird weiter oben immer steiler, aber die Verhältnisse bleiben gleich gut. Gewaltige Schaumrollen hängen nun direkt über uns, Eisgebilde, wie sie nur unter der steilen Tropensonne entstehen können. Es ist wahrlich eine phantastische Welt, durch die wir da aufsteigen.
Um etwa 10 Uhr erreichen wir das Ende des langen Eisschlauches und stehen übergangslos am Gipfel, eigentlich einem langen flachen Gratrücken, der nun in der hellen Sonne liegt und der nur mehr von einem riesigen Eispilz überragt wird. Nichts begrenzt mehr die Sicht, weit dehnt sich die wilde Gipfelwelt der Cordillera Blanca und im Osten sieht man weit in die dunkle Ebene des Amazonas, über der einzelne Schäfchenwolken schweben, tiefer als wir stehen. Es ist großartig, wir sind alle restlos glücklich. Brentel und Würtenberger besteigen auch noch den großen Eispilz, während wir anderen einfach sitzen und staunen.
Die Deutschen, die etwas seitwärts von uns kampiert hatten, wollten ursprünglich auch heute auf den Alpamayo, doch waren wir ihnen zuvor gekommen und so sehen wir sie nun als winzige Punkte über den Gletscher auf den gegenüberliegenden Quitaraju zustreben. Sie kommen aber nicht sehr weit und machen lieber einen Rasttag.
Nach einer guten Stunde wird uns trotz der Sonne kalt und wir beginnen in zwei Gruppen mit dem Abstieg, der in flotter Abseilfahrt von Standplatz zu Standplatz an den vorhandenen Firnankern vor sich geht. So sind wir bald wieder an der Randkluft und latschen durch das Gletscherbecken zurück zu unseren Zelten. Die Tropensonne heizt nun mächtig ein, wir schleichen uns durch die Hitze und sind um 14 Uhr wieder im Lager. Jetzt sind wir ordentlich müde und die Spannung läßt auch nach. Hansjörg stellt sich für die Wasserzubereitung zur Verfügung und er kocht und kocht, bis alle genug zu trinken haben.
Und dann kommt wieder einer jener Sonnenuntergänge, die man nie mehr vergessen wird; wieder wird alles in unwirkliche Pastellfarben getaucht, vom zartesten Rosa bis zum richtigen Abendrot und zum langsamen Verglühen des Tageslichtes in den Eisflanken. Als es bei uns schon dämmerig ist, strahlen die Firne ober uns noch wie von innen heraus beleuchtet. Jeder von uns steht und schaut und staunt über dieses Farbenwunder und wird still vor der Großartigkeit dieses Naturschauspieles. Als dann die ersten Sterne aufblitzen, schlüpfen wir rasch in die warmen Schlafsäcke, denn gleich wird es bitterkalt.
Es war ein großartiger Tag, einer der Höhepunkte meines Bergsteigerlebens und ich kann lange nicht einschlafen, so läuft alles im Kopf nochmals ab. Aber auch der Schlaf wird nicht so tief und traumlos, das Erlebnis läßt mich so schnell nicht los.
Am nächsten Morgen, bereits um 4 Uhr, rumoren Brentel, Konzert und Würtenberger schon wieder, sie brechen zum Quitaraju (knapp über 6.000 m) auf und wollen, daß wir anderen auch mitgehen. Aber wir sind entweder noch zu müde oder zu faul, und auch noch voll der Erlebnisse vom gestrigen Tag und wir kriechen einfach nicht aus unseren Schlafsäcken. Die Drei gehen somit alleine los.
Wir übrigen warten auf die Sonne und können gemütlich frühstücken. Inzwischen sehen wir unseren drei Freunde bereits aus der Eisflanke auf den Gipfelgrat aussteigen und um 830 Uhr sehen wir sie als drei winzige Punkte am Gipfel. Wir brechen inzwischen langsam unser Hochlager ab und steigen über die Scharte und den steilen Gletscher ins Basislager ab. Dabei merke ich erst, wie müde ich noch von gestern bin.
Im Basislager erwartet uns Prinz Klaus schon und bereitet ein üppiges Empfangsessen mit einem großartigen Kartoffelsterz. Er hatte sich bald wieder erholt und sich inzwischen gut ausgerastet.
Am späten Nachmittag treffen unsere drei Unermüdlichen vom Quitaraju auch ein, es wird ein gemütlicher, fröhlicher Abend. Leid tut uns allen nur, daß Prinz Klaus nicht mit am Alpamayo war. Und als wir alle das so ausdrücken, sagt Brentel ganz ruhig und gelassen: „Weißt was, gehen wir zwei halt morgen vom Basislager aus.“ Brentel meint das tatsächlich im Ernst, er scheint überhaupt nicht müde zu werden. Prinz Klaus war natürlich gleich dabei und so richten sie ihr Zeug für eine lange Tour noch am Abend her und liegen bald in ihren Schlafsäcken, während wir andern noch lange um das Lagerfeuer sitzen.
Am nächsten Tag brechen die beiden Kläuse wirklich schon um 4 Uhr früh auf, während wir alle noch lange und tief schlafen. Für uns wird es ein gemütlicher, ausgiebiger Rasttag mit waschen und pritscheln am Bach, trinken, faulenzen und viel fotografieren. Der Teekessel dampft den ganzen Tag. Als wir zu beraten beginnen, wie wir denn heute ohne Prinz Klaus zu unserem Mittagessen kommen sollen, sahen wir beide bereits oben über das Eis von der Scharte herabkommen und um 14 Uhr waren beide wieder im Basislager und Prinz konnte seine Pflicht als Chefkoch gleich erfüllen und sein Festessen selbst zubereiten. Sie waren unglaublich schnell vorangekommen, das Wetter und die Verhältnisse waren gleich gut wie bei uns und um 10 Uhr waren sie beide nach einem Aufstieg von fast 2.000 m bis in eine Höhe von fast 6.000 m am Gipfel! Eine großartige Leistung! Am meisten aber freute es uns alle, daß auch Prinz Klaus, und somit alle Teilnehmer, das Hauptziel unserer kleinen Expedition erreicht haben.

Abschließend möchte ich sagen, daß diese Fahrt auch heute, nach Jahren, immer noch in meiner Erinnerung lebendig ist. Immer noch sehe ich die leuchtenden Berge vor mir und empfinde das grenzenlose Glück, vom Gipfel in die unendliche Weite dieser herrlichen Welt sehen zu können. Und ganz besonders empfinde ich immer noch die Kameradschaft und tiefe Verbundenheit mit wahren Freunden. Mit solchen Kameraden kann gar nichts passieren, in einer solchen Gemeinschaft wird jedes Erlebnis besonders schön.