Anden-Bergfahrt 1987

Am 11. Juni 1987 erreichen wir kurz nach Mittag das Hochlager unter dem Alpamayo.
Wir sind 9 Klubkameraden: Hansjörg Köchler, Peter Konzert, Klaus Brentel, Klaus Prinz, Harald Zwirner, Hans Würtenberger, Schorsch Ruetz, Wolfi Egger und ich, der Raymund Ruf. Nach einem gemütlichen Frühstück und einem geruhsam begonnen Vormittag im Tallager kam plötzlich Hektik auf; weil wir erst Nachmittag aufbrechen wollten, begann jeder gemütlich herumzukramen; sämtliche Ausrüstung wurde kontrolliert und hergerichtet, aber immer wieder durcheinandergebracht, bis endlich die 9 riesige Rucksäcke bereitstanden. Und dann gabs plötzlich kein Halten mehr, der Aufbruch brach aus wie unter Karwendlern üblich. Über die steile Moräne aufwärts blieben wir beisammen und hielten am Übergang zum Gletscher noch eine gemeinsame Rast. Doch dann ging jeder sein Tempo – weit voran Brentel und die anderen Haller, dann gestaffelt nach Kondition bis zu mir, dem als Ältesten die Rolle des Schlußmannes schließlich auch zusteht. Die Verhältnisse im Eis waren bestens, selbst in den steilsten Passagen brauchten wir keine Steigeisen, im Firn konnte man leicht Stufen treten. Für mich war es eher ein Kampf mit meinem über 20 kg schweren Rucksack, aber ich konnte mir ja Zeit lassen. Um etwa 13 Uhr erreichten wir dann das etwa 5.400 m hohe Joch und gleich darunter, auf einem ebenen Gletscherplatz, richteten wir das Hochlager ein. Direkt gegenüber steht nun der Alpamayo – eine wundervolle weiße Pyramide aus Riffeleis, das Hauptziel unserer Reise. Es ist wirklich ein wunderschöner Berg, fast 6.000 m hoch, einer der schönsten Berge, die ich bisher gesehen habe. Steil und abweisend scheinen seine Flanken, in der Draufsicht beängstigend steil. Wir sehen aber auch durch eine der Rinnen die zarten Spuren unserer Vorgänger und wir werden ganz begierig, diesen traumhaft schönen Berg über seine steile Eisflanke zu besteigen.
Unser Lagerplatz ist ein großer ebener Platz am Gletscher, der zum Alpamayo hin steil abfällt. Wir sind nicht allein, zwei kleine Zelte waren schon hier von Leuten, die heute am Gipfel waren und nach uns kommt noch eine Gruppe Deutscher, die ebenfalls morgen den Gipfel besteigen wollen. Wir haben aber alle leicht Platz, es geht sehr ruhig zu und der ganze Lagerplatz ist überraschend sauber; jeder hat anscheinend sein Häufchen ordentlich vergraben, seinen Müll wieder mitgenommen (oder in tiefen Spalten unsichtbar deponiert) und das Depot für die Entnahme von Schnee zum Schmelzen ist peinlich sauber. Wir sind sehr zufrieden, richten uns ein so gut es geht und haben viel Zeit zum Schauen. Unser Lagerplatz ist nach Westen zu frei und weit schweift der Blick über das zerklüftete Bergland. Als die Sonne den Horizont berührt, erglüht unsere Umgebung plötzlich in zartem Rosa, das immer intensiver wird. Die umstehenden Eisriesen, der Gletscher, alles leuchtet wie von innen heraus in phantastischen Pastellfarben, die bis ins tiefe Rot übergehen. Wir kommen uns vor, als seien wir in eine Märchenwelt verzaubert worden, in einen unwirklichen Traum. Jeder wird still und andächtig, tief prägt sich dieses großartige Schauspiel ein.
Wir hatten zwei Zelte aufgestellt, die 4 Haller nahmen Peter zu sich ins 4-Mann-Zelt, und Hansjörg, Schorsch, Wolfi und ich schliefen in unserem 3-Mann-Zelt. Die Nacht verbrachten wir eigentlich recht angenehm, obwohl es sehr kalt wurde (geschätzte 15 Grad unter Null). Ich selbst hatte überhaupt einen Schlaf wie ein Murmeltier und schlief tief und fest durch bis zum Wecken.
Um 4 Uhr früh ist Tagwache; es ist noch dunkel und bitterkalt. Das Ankleiden im engen Zelt ist mühsam, doch schon hört man das Brummen des Kochers, den Hansjörg bedient. Das Müsli schmeckt trotzdem nicht, jeder würgt daran herum, nur um den Magen voll zu kriegen. Nicht nur die Kälte, auch die Spannung vor dem kommenden Abenteuer schlägt uns auf den Magen. Vor dem Zelt ist die Kälte richtig beißend, aber der Vollmond taucht alles in sein mildes, silbernes Licht, und die Steilwand unseres Berges leuchtet geheimnisvoll und verlockend und mit einem Schlag ist alle Nervosität vorbei und wir bereiten uns ruhig und gelassen auf den kommenden Tag vor.
Prinz Klaus hatte leider eine schlechte Nacht; er hatte mit der Höhe große Probleme, hat kaum geschlafen und nun ist ihm bei schrecklichen Kopfschmerzen furchtbar schlecht. Es hilft nichts, er muß so schnell als möglich absteigen. Würtenberger Hans begleitet ihn und bringt ihn sicher über das Joch und über den steilsten Teil des jenseitigen Gletschers so weit hinunter, bis Klaus dann langsam alleine absteigen kann. Harald wartet auf Hans, der nachkommen will.
Wir anderen stolpern inzwischen im unsicheren Licht des Vollmondes, in dem alles so unendlich romantisch aussieht, auf den flachen Gletscher hinunter und streben der Eiswand zu. Es geht bald wieder bergauf, wird steiler und als wir die Randkluft erreichen, wird es gerade hell. Die Randkluft bietet keine großen Schwierigkeiten, Wolfi und Peter als erste Seilschaft finden gleich eine solide Brücke und steigen in die steile Rinne der Riffeleiswand ein. Als zweite Seilschaft kommen Brentel und ich dran, hinter uns gehen Hansjörg und Schorsch.
Die Verhältnisse sind großartig: fester, gefrorener Firn, in dem die Steigeisen und die Eisgeräte nur so beißen. Von unseren Vorgängern von gestern haben wir feste Stufen und Tritte, und an den Standplätzen finden wir jeweils zwei festgeschlagene Firnanker oder Eisschrauben, sodaß wir auch für das Einrichten der Standplätze keine Zeit verlieren. Schnell kommen wir höher; es ist gar nicht so steil, wie es von gegenüber ausgesehen hat, ich schätze so um die 55 – 60 Grad. Nur die Kälte beißt sich überall durch, mich friert in den Fingern und den Zehen ganz jämmerlich.
Der Anstieg wickelt sich in einer dieser tiefen Riffeleis-Rinnen ab, die wie eine steile Bobbahn in die Höhe schießt. Zu beiden Seiten wird die Rinne von phantastischen Eisgebilden begrenzt, die aussehen wie Märchenfiguren. Bald sehen wir auch Hansi und Harald unten am Gletscher nachkommen, die in tollem Tempo aufschließen. Manchmal kommt blankes Eis durch den Firn, aber es ist griffig und mit etwas Vorsicht geht es in wunderbarem Steigen aufwärts. Schade, daß uns die Sonne hier in der kalten Westwand nicht erreicht; erst weit oben beleuchtet sie die Eisgebilde zu beiden Seiten der Rinne und läßt sie bizarr aufleuchten. Die Rinne wird weiter oben immer steiler, aber die Verhältnisse bleiben gleich gut. Gewaltige Schaumrollen hängen nun direkt über uns, Eisgebilde, wie sie nur unter der steilen Tropensonne entstehen können. Es ist wahrlich eine phantastische Welt, durch die wir da aufsteigen.
Um etwa 10 Uhr erreichen wir das Ende des langen Eisschlauches und stehen übergangslos am Gipfel, eigentlich einem langen flachen Gratrücken, der nun in der hellen Sonne liegt und der nur mehr von einem riesigen Eispilz überragt wird. Nichts begrenzt mehr die Sicht, weit dehnt sich die wilde Gipfelwelt der Cordillera Blanca und im Osten sieht man weit in die dunkle Ebene des Amazonas, über der einzelne Schäfchenwolken schweben, tiefer als wir stehen. Es ist großartig, wir sind alle restlos glücklich. Brentel und Würtenberger besteigen auch noch den großen Eispilz, während wir anderen einfach sitzen und staunen.
Die Deutschen, die etwas seitwärts von uns kampiert hatten, wollten ursprünglich auch heute auf den Alpamayo, doch waren wir ihnen zuvor gekommen und so sehen wir sie nun als winzige Punkte über den Gletscher auf den gegenüberliegenden Quitaraju zustreben. Sie kommen aber nicht sehr weit und machen lieber einen Rasttag.
Nach einer guten Stunde wird uns trotz der Sonne kalt und wir beginnen in zwei Gruppen mit dem Abstieg, der in flotter Abseilfahrt von Standplatz zu Standplatz an den vorhandenen Firnankern vor sich geht. So sind wir bald wieder an der Randkluft und latschen durch das Gletscherbecken zurück zu unseren Zelten. Die Tropensonne heizt nun mächtig ein, wir schleichen uns durch die Hitze und sind um 14 Uhr wieder im Lager. Jetzt sind wir ordentlich müde und die Spannung läßt auch nach. Hansjörg stellt sich für die Wasserzubereitung zur Verfügung und er kocht und kocht, bis alle genug zu trinken haben.
Und dann kommt wieder einer jener Sonnenuntergänge, die man nie mehr vergessen wird; wieder wird alles in unwirkliche Pastellfarben getaucht, vom zartesten Rosa bis zum richtigen Abendrot und zum langsamen Verglühen des Tageslichtes in den Eisflanken. Als es bei uns schon dämmerig ist, strahlen die Firne ober uns noch wie von innen heraus beleuchtet. Jeder von uns steht und schaut und staunt über dieses Farbenwunder und wird still vor der Großartigkeit dieses Naturschauspieles. Als dann die ersten Sterne aufblitzen, schlüpfen wir rasch in die warmen Schlafsäcke, denn gleich wird es bitterkalt.
Es war ein großartiger Tag, einer der Höhepunkte meines Bergsteigerlebens und ich kann lange nicht einschlafen, so läuft alles im Kopf nochmals ab. Aber auch der Schlaf wird nicht so tief und traumlos, das Erlebnis läßt mich so schnell nicht los.
Am nächsten Morgen, bereits um 4 Uhr, rumoren Brentel, Konzert und Würtenberger schon wieder, sie brechen zum Quitaraju (knapp über 6.000 m) auf und wollen, daß wir anderen auch mitgehen. Aber wir sind entweder noch zu müde oder zu faul, und auch noch voll der Erlebnisse vom gestrigen Tag und wir kriechen einfach nicht aus unseren Schlafsäcken. Die Drei gehen somit alleine los.
Wir übrigen warten auf die Sonne und können gemütlich frühstücken. Inzwischen sehen wir unseren drei Freunde bereits aus der Eisflanke auf den Gipfelgrat aussteigen und um 830 Uhr sehen wir sie als drei winzige Punkte am Gipfel. Wir brechen inzwischen langsam unser Hochlager ab und steigen über die Scharte und den steilen Gletscher ins Basislager ab. Dabei merke ich erst, wie müde ich noch von gestern bin.
Im Basislager erwartet uns Prinz Klaus schon und bereitet ein üppiges Empfangsessen mit einem großartigen Kartoffelsterz. Er hatte sich bald wieder erholt und sich inzwischen gut ausgerastet.
Am späten Nachmittag treffen unsere drei Unermüdlichen vom Quitaraju auch ein, es wird ein gemütlicher, fröhlicher Abend. Leid tut uns allen nur, daß Prinz Klaus nicht mit am Alpamayo war. Und als wir alle das so ausdrücken, sagt Brentel ganz ruhig und gelassen: „Weißt was, gehen wir zwei halt morgen vom Basislager aus.“ Brentel meint das tatsächlich im Ernst, er scheint überhaupt nicht müde zu werden. Prinz Klaus war natürlich gleich dabei und so richten sie ihr Zeug für eine lange Tour noch am Abend her und liegen bald in ihren Schlafsäcken, während wir andern noch lange um das Lagerfeuer sitzen.
Am nächsten Tag brechen die beiden Kläuse wirklich schon um 4 Uhr früh auf, während wir alle noch lange und tief schlafen. Für uns wird es ein gemütlicher, ausgiebiger Rasttag mit waschen und pritscheln am Bach, trinken, faulenzen und viel fotografieren. Der Teekessel dampft den ganzen Tag. Als wir zu beraten beginnen, wie wir denn heute ohne Prinz Klaus zu unserem Mittagessen kommen sollen, sahen wir beide bereits oben über das Eis von der Scharte herabkommen und um 14 Uhr waren beide wieder im Basislager und Prinz konnte seine Pflicht als Chefkoch gleich erfüllen und sein Festessen selbst zubereiten. Sie waren unglaublich schnell vorangekommen, das Wetter und die Verhältnisse waren gleich gut wie bei uns und um 10 Uhr waren sie beide nach einem Aufstieg von fast 2.000 m bis in eine Höhe von fast 6.000 m am Gipfel! Eine großartige Leistung! Am meisten aber freute es uns alle, daß auch Prinz Klaus, und somit alle Teilnehmer, das Hauptziel unserer kleinen Expedition erreicht haben.

Abschließend möchte ich sagen, daß diese Fahrt auch heute, nach Jahren, immer noch in meiner Erinnerung lebendig ist. Immer noch sehe ich die leuchtenden Berge vor mir und empfinde das grenzenlose Glück, vom Gipfel in die unendliche Weite dieser herrlichen Welt sehen zu können. Und ganz besonders empfinde ich immer noch die Kameradschaft und tiefe Verbundenheit mit wahren Freunden. Mit solchen Kameraden kann gar nichts passieren, in einer solchen Gemeinschaft wird jedes Erlebnis besonders schön.

Idee
Ich weis nicht mehr, an welchem Kletterfelsen der fränkischen Schweiz es war, als mir Kurt Albert von seinen letzten Filmarbeiten an der Westlichen Zinne erzählte. Damals studierte ich in Erlangen und hatte die hehre Bergwelt gegen überhängende Mugel eingetauscht. Kurts abenteuerliche Erzählungen weckten jedoch sofort alte dolomitische Erinnerungen und neue Gelüste. Auf die Frage, ob denn nun die klassische Diretissima, -die Hasse-Brandler- an der grossen Zinne schon eine Rotpunktbegehung habe, gab es auch anschließend im Gasthaus noch kein gescheite Antwort. In den einschlägigen Heftln war bis dato noch nichts zu lesen. War eine der berühmtesten Kletterrouten tatsächlich von den Freikletterern vergessen worden? Oder war es bisher noch jedem als unmöglich erschienen? – „Der Gedanke allein muss abgleiten“, sagte ein berühmt gewordener Ausspruch aus dem vorigem Jahrhundert.

Da sich die studentischen Verpflichtungen Anfang September in Grenzen hielten, die Jahreszeit für  Nordwand, kleine Griffe, oder gar Biwaks schon beträchtlich fortgeschritten war, beschlossen wir nicht lange zu recherchieren, sondern gleich am nächsten Wochenende mit genügend Ausrüstung loszufahren.

Vor der Prüfung beschäftigt sich der Student mit Literatur:

/1/ Pause W. ; Im extremen Fels: „……..Der Ernst eines Dietrich Hasse und das souveräne Können seiner drei Freunde haben nun – man wagt es festzustellen – endgültige Maßstäbe gesetzt….“

/2/ Goedeke R.; Sextener Dolomiten: „……VI-(kurze Stellen); V+ und V sowie A1 und A0 im unteren Wandteil, A2 (auf 130m) in der grossen Verschneidung und V+, V und IV……..Dieser Bewertung sind etwa 140 Fortbewegungshilfen zugrundegelegt……Zu recht eine der berühmtesten Routen der Dolomiten und der gesamten Alpen…

/3/ Langes G.; Nordöstliche Dolomiten: „…. die Verschneidung ist ausschließlich mit Haken zu bewältigen. Nachdem man das erste Dach erreicht hat und durch einen Riss zum zweiten Dach gelangt, folgen andere Dachüberhänge, die man an den Haken überwindet. Schließlich quert man durch einen überhängenden Riss gegen links zu einem Vorsprung…… usw.“

Wie so oft, wenn der Prüfungstermin überraschend nahe ist, und schnell noch die Literatur studiert wird, zweifelt der Student an der ausreichenden Vorbereitung. – Und absolviert in diesem Fall noch ein deftiges Kraftausdauertraining zur Beruhigung.

Anlauf und Strudel
Bevor wir über den Brenner fuhren, gab es einen Zwischenstopp bei meinen Eltern in Kolsass. Was wir dort machten, heißt heute, glaube ich, Carbo-Loading. Jedenfalls war das Blech Apfelstrudel zu zweit kein besonderes Problem. Mein Vater präsentierte aus seinem Keller weitere unentbehrliche Ausrüstungsgegenstände,  die zu seiner Beruhigung im Auto verladen wurden. Am Abend, nach weiterem Carbo-Loading auf der Auronzo-Hütte und nach einigem Rotwein, beschlossen wir in voller Motivation: Aufbruch morgen um 6:00. So berichtet es Kurt später in einem Bergsteiger-Artikel. Ferner berichtet er, ich hätte am nächsten Morgen um 6:00 noch geschlafen. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Bestätigen kann ich jedoch, dass mich um 6:00 keiner geweckt hat; dies hat dann um 9:00 die lärmende Touristenkarawane erledigt. Wie auch immer, der erste Tag sollte der Erkundung und der Vorbereitung gewidmet werden.

Die Strategie:
Wir erwarteten Seillängen im 9. Grad und beschlossen folgende Strategie: Am ersten Tag, wie gesagt, Auskundschaftung der Schlüssellängen und, wo nötig Verbesserung der Standplätze. Am 2. und eventuell 3. Tag wollten wir die Schlüssellängen einüben, sodass sie bei der Durchsteigung nicht an die Kraftreserven gehen. Nach einem Ruhetag sollte dann die Rotpunktbegehung der gesamten Route probiert werden. Die Zwischensicherungen sollten nicht verändert werden – und damit auch nicht der Charakter der Tour. Und noch eins wollten wir nicht: biwakieren. Im Schatten und in der Nacht war es bereits saukalt.

„Einklettern“:
Der Karawane folgend erreichten wir den Paternsattel. Der Blick von hier in die Nordwand ist immer wieder beeindruckend – wie sie ohne Vorbau und Vorwarnung 500m kerzengerade aus dem Schotter pfeift. Der Eintritt in ihren Schatten war ebenfalls beeindruckend – willkommen in der Tiefkühltruhe. Dementsprechend knackig war unser Stil in den ersten Seillängen. Mein Freund verglich unsere Geschmeidigkeit mit der einer gefrorenen Forelle. Doch heute ging es noch um wenig. Der untere Wandteil löste sich recht gut mit konstanter Schwierigkeit im teilweise oberen 7. Grad. Wie geplant legten wir heute noch keinen Wert auf eine durchgängig freie Begehung der Seillängen. Vielmehr wurden gute und kraftsparende Varianten gesucht sowie gute und schlechte Griffe, Tritte und Haken mit Chalk markiert. Durch das Einhängen der vielen Haken und die ständig eingeflochtenen Linksquergänge entstand oft eine grausige Seilreibung zum Schluss der Seillängen. Da die meist kniffligen und splittrigen Wandpassagen gleich nach dem Stand losgingen, wurden fast alle Stände verbessert, was ziemlich Zeit kostete. In der großen Verschneidung ab etwa Wandmitte veränderte sich der Charakter der Kletterei dann in Richtung überhängende Riss- und Dachkletterei. Siehe /3/ Langes G. Doch auch in der großen Verschneidung mit mehreren Dächern und ordentlich überhängenden Rissen war kein 9er aufgetaucht. Wir beendeten unsere Arbeit am ersten Tag im obersten Teil der Verschneidung unter einem stark überhängenden Bauch mit Riss. Diese Seillänge schaute ordentlich schwer, aber durchaus machbar aus. Darüber schien sich das Gelände zurückzulegen. Es war schon spät, wir waren hungrig und durstig und es war höchste Zeit für den vorbereiteten Rückzug. Wir hatten in den oberen, stark überhängenden und in den unteren, querenden Seillängen, Seile fixiert, die ein relativ problemloses Abseilen ermöglichten. Der erste Abseiler war fast schon außerirdisch. So ähnlich stelle ich mir den Ausstieg eines Astronauten aus dem Raumschiff ins Weltall vor. Unter dir gibts bis zum Schotter unterm Einstieg nur mehr 300m Luft. Nach 40m Abfahrt zieht man sich 15m waagrecht zur Wand. Auch im unteren, vermeintlich senkrechten Wandteil zieht es einen regelmäßig von der Wand weg. Stockdunkel war es am Wandfuß und wir freuten uns aufs Abendessen.

Umplanen:
Schon beim 2. Bier waren wir uns einig, dass wir unsere Strategie abkürzen können. Wir beschlossen auf weitere Einübungen zu verzichten und gleich morgen einen ordentlichen freien Versuch zu machen. Die Einzelpassagen waren leichter als befürchtet. Dafür waren die Schwierigkeiten durchgehend und steigerten sich allmählich. Das Ganze wird ein Problem der Ausdauer. „Diese letzte überhängende Seillänge wird schon gehen – sonst müssen wir halt mehrmals probieren.“ Dass davor bereits 11 Seillängen zu klettern sind, und dass wir heute einen anstrengenden Tag hatten, wurde vorerst etwas verdrängt. In der Abenddiskussion landeten wir nach kurzer Zeit immer wieder beim selben Thema: „Wie geht diese Stelle?, dort ists besonders brüchig, wie schwer ist jene Passage? ……“ Es war erstaunlich: Wir hatten uns von allen relevanten Seillängen fast alle Passagen gemerkt. Hoffentlich konnte ich mit so einem geladenen Hirn einschlafen. – Das Bier hatte es besorgt!

Durchstieg:
Am nächsten Tag gehts los – nicht zu früh, wie wir gelernt hatten, denn vor 10:00 ist es für splittrige kleine Leisten noch zu kalt! Die Anspannung wird mit Späßen vertrieben und bald stehen wir unter der ersten schweren Länge. Es ist der 10. September und kalt wie in einem Kühlschrank. Ein Dachl und eine längere, steile, kleingriffige Wandpassage im oberen 7. Grad bilden den Auftakt. Mit tauben Fingern und Zehen ziehe ich mich drüber. Es geht gut – die Züge sind noch alle bekannt. Wenn man am zweiten Tag in der selben Wand klettert, fühlt man sich schon richtig heimisch! Langsam wird es auch wärmer und die Bewegungen flüssiger. Wir kommen flott weiter und die Kletterei macht großen Spaß, auch wenn man sich sehr konzentrieren muss, um sich nicht in eine Sackgasse zu versteigen. Große Aufmerksamkeit verlangt auch das nicht immer zuverlässige Gestein. Die Längen in der unteren Wandhälfte pumpen einem die Unterarme und die Wadeln auf, zusätzlich macht sich der gestrige Tag bemerkbar.

 Unter den Überhängen der großen Verschneidung machen wir kurze Pause. Als Getränk für den aufgekommenen Durst würde ich heute, als nunmeriger Radlfahrer etwas anderes auswählen. Nach einem halben Schluck picksüssem Succo di Limone verabschieden wir die in Toblach gekaufte Tüte ärgerlich und setzen sie der Erdanziehungskraft aus.

Die nächsten fünf Seillängen sind eher dem Unter- und Oberarm gewidmet. Die 8- Länge zum gestrigen Umkehrpunkt habe ich noch gut in Erinnerung: Vom Stand über ein Dach, darüber im Riss ist ein guter, gewachsener kindskopfgroßer Zapfen, an dem kann man gut schütteln, bevor man ihn voll durchzieht um im ziemlich überhändenden Gelände weiterzusteigen. Ich schüttle am Zapfen und ziehe durch – und kurz bevor ich den nächsten Griff nehmen kann beginnt es zu knirschen und ich kippe nach hinten weg. Als der Ruck im Seil mich anhält fällt mir der Zapfen aus der Hand und verschwindet lautlos in der Perspektive. Ich hänge zwei Meter außerhalb von Kurt und er schaut mich grinsend an, der Hund. Zum Glück haben die Gurken da oben gehalten! Also noch einmal… Da wo früher Zapfen, jetzt abschüssige Mulde, nicht mehr zum Schütteln, sondern gleich zum durchziehen. Schnaufend erreiche ich den Stand, wo wir gestern umgekehrt sind. Die nächste, noch unbekannte Länge trifft es den Kurt. Diese Länge gibt noch einmal ordentlich Gas. Sie hängt auf 30m ungefähr 6m über und stellt sicher die Schlüssellänge dar. Kurt kämpft und siegt souverän und keuchend. Der von Kurt aufgezogene Rucksack rauscht nach hinten und zeigt mir gemein die Senkrechte. Oben, im Riss, wo mir Kurt mit seinen Metzgerhänden einen Faustklemmer ansagt, verschwindet mein Arm bis zur Schulter im Riss. Ich muss alles geben und komme weichgesotten und mit Krämpfen am Stand an. Eine Länge im oberen 7. Grad, die sehr weh tut, gibts noch; danach kommt nur mehr Genuss.

Oben angekommen freuen wir uns wie die Kinder und wir können es noch lange kaum glauben, dass wir die ersten sein durften, die diese wunderbare Route frei durchstiegen haben.

Im Zinnenrausch erkundeten wir am übernächsten Tag noch die Superdiretissima – es waren uns ja ein paar Tage übrig geblieben. Fazit: Auch die geht frei! Allerdings müssen etliche Zwischensicherungen ausgetauscht werden; die alten Sticht-Bohrhaken hielten teilweise nicht einmal das Körpergewicht.

Ausblick:

Wie es mit den „endgültigen Maßstäben“ nach W. Pause, siehe /1/, ausschaut, zeigt die weitere Geschichte: Von unserer Begeisterung angesteckt kamen bald einige unserer Freunde und die erste On-Sight-Begehung fiel schon im folgenden Jahr 1988. 2002 beging Alex Huber die Route Free-Solo!

Velebit 1988

Schon vor Jahren habe ich von einem Klettergebiet in Jugoslawien gehört, das in der Nähe der Adriaküste gelegen sein soll. Da wir seit Jahren unseren Familienurlaub immer etwas südlich von Rijeka verbringen, war es schon lange mein Wunsch, dieses Gebiet einmal kennen zu lernen. Vom Heeressportverein Absam wurde heuer eine Fahrt dorthin ausgeschrieben und da Egger Wolfi und ich Mitglieder des Vereines sind, schließen wir uns der Gruppe an.
Am Dienstag, dem 24. Mai, fahren wir um 18 Uhr mit einem Bus vom Lager Walchen los. Ein großer Teil der Verpflegung, Kochzelt, Tische, Bänke und Ausrüstung wurden verladen. Über Brenner und Verona geht’s nach Triest zur jugoslawischen Grenze, weiter nach Rijeka und die endlose Küstenstraße entlang nach Starigrad-Paklenica, wo wir am Vormittag um 9 Uhr eintreffen. Nachdem wir unser Zelt aufgestellt haben, fahren Egger Wolfi und ich gleich in die Paklenicaschlucht. Unsere Begleiter sind Wolfgang Kapferer und Peter Kühr, beide Bekannte von Wolfi. Da wir nun zwei Namensvettern haben, heißt Egger Wolfi ab jetzt wegen seiner enormen Kräfte „Tarzan“.
Der einzige deutschsprachige Kletterführer von Froidl gleicht einem Märchenbuch und so haben wir in den ersten Tagen Orientierungsprobleme. Am Nuglo Kuk sehen wir eine markante Verschneidung, die wollen wir zum Eingehen versuchen. Über extrem rauhe Muschelkalkplatten, Verschneidungen und Risse geht es mehrere Seillängen aufwärts. Die im Führer angegebene Schwierigkeit III – IV ist leicht untertrieben (ca. VI-). Am Abend gibt es dann am Zeltplatz die Einstandsfeier. 60 Liter Rot- und Weißwein werden eingekauft, kein Tropfen bleibt übrig.
Am nächsten Tag wollen wir am Anica Kuk die 300 m hohe Velebitführe versuchen. Ich steige mit Wolfgang voraus, Tarzan und Peter folgen uns. In schöner, teilweise schwerer Kletterei kommen wir rasch vorwärts. Die Schlüsselstelle bildet ein heikler Quergang mit anschließendem, kräfteraubendem Überhang. Wolfgang, der nur selten klettert, saftelt sich total aus und kann sich in den folgenden Seillängen bei den größten Griffen kaum mehr halten. Kurz unter dem Ausstieg erwischt uns ein heftiges Gewitter, doch beim Abstieg scheint schon wieder die Sonne.
Tags darauf steigen Tarzan und ich in die Klinsroute am Anica Kuk ein. Nach einem sehr schweren Quergang folgen herrliche Kletterstellen über Piazschuppen, Verschneidungen und Wandstellen. In Wandmitte verleitet uns der Kletterführer in einen überhängenden Verhauer. Doch anschließend werden wir durch wahre Genußkletterei entschädigt. Nach einem Dachquergang und darüber folgender Piazschuppe erwischt uns wieder ein Gewitter. Trotz schützendem Dachüberhang stehe ich bald in einer Brause; Tarzan, eine Seillänge tiefer, gehts’s noch schlechter. Nach einer halben Stunde können wir die restlichen drei Seillängen weiterklettern.
Die nächsten Tage verbringen wir mit klettern, schwimmen, der Suche nach anderen Campingplätzen und vor allem den Besuch von Gaststätten. Am sogenannten Elefantenbauch, dem nordwestlichen Ausläufer der Anika-Kuk-Nordwand, wollen wir zu zweit den „kleinen Hammer“, ein zirka ein Meter ausladendes Dach, versuchen.Trotz Tapeverband gelingt es mir nicht, mich an den furchtbar abgeschmierten kleinen Griffen zu halten. Nachdem ich den Standplatz mit Hakenhilfe erreiche, versucht Tarzan das Dach im Nachstieg. Doch auch für ihn sind die Griffe zu speckig. Wir seilen uns wieder zum Einstieg hinunter, um mit Wolfgang und Peter eine leichtere Tour zu machen.
Da ruft uns jemand zum wir sollen schnell kommen, es ist wer abgestürzt. Wir nehmen unsere Klettersachen und gehen um den Elefantenbauch herum nach links zur Anica-Kuk-Nordwand. Wir sehen ungefähr dreißig Meter über dem Einstieg einen leblosen Kletterer hängen. Man sieht schon von weitem, daß er durch Seile stranguliert sein muß. Als wir zum Wandfuß kommen, sehen wir 15 Meter über dem Boden einen zweiten Kletterer frei in der Luft baumeln. Er hängt am Hüftgurt mit Kopf und Beinen nach unten und sieht fürchterlich aus. Ab und zu röchelt er und wir wissen, daß wir ihn sofort bergen müssen. Tarzan, der nicht nur sehr viel Kraft, sonder auch gute Nerven hat, klettert sofort zu ihm hinauf. Einige Meter rechts vom Abgestürzten wächst ein kleiner Baum aus einem Felsloch heraus. An diesem sichert sich Tarzan und ich lasse ihn mit Seilzug zum Verunglückten hinüber. Er bindet ihn am Brustgurt an und ich ziehe beide wieder zum Bäumchen herüber. Dann versucht Tarzan ihn in aufrechte Lage zu bringen. Dies gelingt ihm auch und ich lasse ihn dann mit dem Schwerverletzten langsam zum Wandfuß herab. Der Abgestürzte sieht grauenhaft aus, sein ganzes Gesicht ist durch de Sturz verstümmelt. Er wird von mehreren Helfern in einen Biwaksack gelegt und zum Parkplatz der Paklenicaschlucht getragen. Mittlerweile sind viele Helfer gekommen, manche habe sich aus benachbarten Routen abgeseilt.
Was war passiert? – Zwei Bayern, ein junger Mann und ein Mädchen, waren in die Brahmsroute eingestiegen. Den beiden folgten drei Kletterer aus Kössen. In der zweiten Seillänge muß der Deutsche zu weit nach links geklettert sein und macht bei einem alten Haken Stand. Die Nachfolgenden machten auch dort Stand und sicherten sich zusätzlich an einem Strauch. Der vorauskletternde Deutsche stieg zirka 40 m ohne Zwischensicherung aufwärts; er kletterte nur in Turnschuhen. Plötzlich muß er ausgerutscht und direkt auf die am Standplatz Wartenden gestürzt sein. Dabei riß er vermutlich zuerst einen mit und die beiden Stürzenden rissen dann in der Folge auch noch die anderen drei mit. Diese drei fielen gemeinsam in einen großen Strauch und blieben darin übereinander liegen. Die vier Seile verfingen sich in den Sträuchern und auf Feldszacken. Ein Kössener, den wir als ersten hängen sahen muß dabei von den Seilen stranguliert worden sein. Eine folgende Seilschaft aus Menschen, ein Bergrettungsmann mit seiner Freundin, sahen den Absturz. Der junge Mann stieg sofort zu den drei Schwerverletzten, schlug mehrere Haken und sicherte sie so vor einem weiteren Absturz. Mittlerweile kamen etliche Kletterer und jugoslawischer Arzt zur Unfallstelle. Tarzan, von seiner Metzgerarbeit vermutlich weniger geschockt als ich vom Zuschauen, steigt zur Absturzstelle auf, um dort zu helfen. Sträucher werden abgebrochen; mit den Stangen und Kletterseilen bauen wir mehrere Tragbahren. Die Schwerverletzten, die alle möglichen Knochenbrüche, Wirbelfrakturen und Fleischwunden erlitten haben, werden vom Arzt versorgt, mit Ästen von Sträuchern geschient und nach und nach zum Wandfuß herabgelassen. Als letzte Überlebende des Absturzes wird das Mädchen herabgeseilt. Ich helfe beim Abtransport zum Parkplatz. Sie hat furchtbare Schmerzen, mehrere Brüche und wie sich später herausstellt, drei Wirbelfrakturen. Die beiden Kössener waren die ganze Zeit auf ihr gelegen und sie konnte erst nach eineinhalb bis zwei Stunden geborgen werden. Die Verletzten werden zuerst mit Pkw, später mit Rettungswagen in’s Krankenhaus Zadar gebracht. Ich warte auf Tarzan, der bis zur Bergung des Toten aushält. Er hat Großartiges geleistet.
Am nächsten Tag ist es ausnahmsweise ruhig im Klettergebiet, allen ist der schwere Unfall unter die Haut gegangen. Wir liegen den ganzen Tag am Strand und schwimmen zwischendurch einige Tempo im frischen Wasser. Für größere Touren fehlt uns jetzt der Biß, wir gehen die letzten beiden Tage nur mehr in die Schlucht zum Sportklettern.
Am Freitag, dem 3. Juni, fahren wir gleich nach dem Frühstück Richtung Heimat. In Postojna besuchen wir noch die Adelsberger Grotte. Abgesehen vom Rummel sind wir von den unterirdischen Figuren aus verschiedenfarbigem Gestein begeistert.
Anschließend geht es weiter zum Loiblpaß. In Kärnten in der Nähe von Ferlach beziehen wir nochmals Nachtquartier. Am nächsten Morgen geht’s über Spittal nach Lienz; für einige „Einkehrschwünge“ hat die Reiseleitung noch genügend Geld. Über den Felbertauern und Paß Thurn erreichen wir Kitzbühel und am späten Nachmittag landen wir gesund in Walchen.

Klaus Brentel

Ama Dablam 1989

Ama Dablam – trotz seiner Höhe von „nur“ 6856 m für nicht einer der eindrucksvollsten und schönsten Berge der Welt. Die Kriterien der Vollkommenheit der Formen sind bei diesem Berg ideal erfüllt, egal von welcher Seite betrachtet – immer atemberaubend schön. 1984 im Spätherbst sind wir nach der Besteigung des Baruntse über den Amphu Lapsa durchs Khumbu hinausgewandert und haben damit unseren Traumberg von allen Seiten kennen gelernt. Einstimmiges Urteil: „Von märchenhafter Schönheit“!
20. 10. 1989: Ein Traumtag. Zusammen mit Wolfi, Klaus und Dieter bin ich heroben auf Lager II. Die Exponiertheit dieses Lagers, auf einer Gratschulter gelegen, läßt nichts zu wünschen übrig.
Wir wollen das gute Wetter nützen und mit dem Verankern der Fixseile so hoch wie möglich kommen. Eine steile Rinne leitet uns auf eine Firnrippe. Wolfi steigt weiter bis zu einem Felsblock. Aus ist’s mit dem Schönwetter. Klaus und Wolfi kehren um. Über steilen, tiefen Schnee erreiche ich den Fuß vom „Gelben Turm“. Endlich Fels! Den Fels entlang beginne ich eine heikle Linksquerung, endlich ein Riß, wo ich eine solide Sicherung unterbringen kann. Unterm Schnee finde ich alte Standhaken und lasse Dieter nachkommen. Eine blanke Eisrinne weist den Weg nach oben. Die Rinne weitet sich und das Eis weicht tiefem, uferlosem Pulverschnee. Kurz vor Erreichen des Pfeilerkopfes ist das Seil zu Ende. Da sich in dem Pulverschnee keine anständige Verankerung unterbringen läßt, muß ich frei bis zur letzten Zwischensicherung abklettern.
21. 10.: Superwetter. Bald ist meine gestrige Umkehrstelle erreicht, schräg rechts haltend wühle ich mich auf den Pfeilerkopf hinauf. Stand – Pause. Es folgt der „Mushroom-Grat“, ein herrlicher Firngrat, der in flacheres Gelände überleitet. Gleich wie gestern um diese Zeit kommt Nebel auf und es beginnt zu graupeln. Wir kehren um. Abends kommen Günther und Kim mit Nachschub, vor allem mit Seilen und Proviant. Ich bin müde, will morgen rasten und auf Klaus und Wolfi warten.
22. 10.: Um 4 Uhr beginnt Günther im Nachbarzelt zu rumoren. Er sagt, es sei wolkenloses Wetter, ich solle doch unbedingt mitkommen . . . . nach einer Zeit des Wankens und Schwankens entscheide ich mit fürs Mitgehen. Günther und Kim sind schon um 6 Uhr losgezogen. Die 30 cm Neuschnee, die gefallen sind, machen sich jetzt unangenehm bemerkbar. Unweit von mir wühlen sich Günther und Kim zu einer Unterbrechungsstelle rechts vom gewaltigen Eiswulst. Am Beginn eines Rechtsquerganges in eine blanke Rinne bin ich bei ihnen. Nach der Rinne geht es ohne Seilsicherung weiter. Wir überqueren die Randkluft zur Gipfelwand.
Bis zu einem markanten Felsen übernehme ich die Spurarbeit, dann geht Günther voraus. Die letzten paar Meter zum Gipfel gehen wir gemeinsam. Es ist kurz vor 15 Uhr, der höchste Punkt ist erreicht, wir fallen uns in die Arme. Gerade noch sehen wir schemenhaft den Makalu, Lhotse und Everest im Nebel verschwinden. Es ist keine Zeit für große Gefühle.
Nach der Devise: „Du bist erst oben gewesen, wenn du wieder drunten bist“ beginne ich den Abstieg. Günther und Kim sind für ein Notbiwak ausgerüstet, ich muß unbedingt das Lager II erreichen. Konzentriert geht es hinunter bis zum ersten Fixseil. Um 17 Uhr bin ich am Pfeilerkopf. Der Nebel reiß auf, die Stimmungen in der Dämmerung sind überirdisch. Eine in den Farben ständig wechselnde Kulisse, von Chromgelb bis Ultramarinblau. Beim Abstieg durch die letzte Steilrinne ist die Dämmerung schon so weit, daß ich die Funken, die meine Steigeisen bei der Berührung mit dem Fels auslösen, sehen kann.
Kurz vor 18 Uhr krieche ich ins Zelt. Jetzt legt sich langsam die Spannung; trotzdem ist man innerlich viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Ich denke an Günther und Kim, die irgendwo beim Abstieg biwakieren; hoffentlich überstehen sie die Nach ohne Erfrierungen. Später horche ich mir das „Kölner Konzert“ von Keith Jarett an, und spüre, wie mir Glückstränen über die Wangen rinnen.

Peter Konzert

Winterexpedition zum Ararat-5165m – Türkei 1990

Der türkische Verband für Alpinismus führte vom 16. Feber bis 2. März 1990 eine Winterexpedition zum Ararat- 5165m durch. Durch meinen Freund Robert Renzler – Alpinreferent beim Österreichischen Alpenverein- bekam ich eine Einladung. Meine Aufgabe bei diesem Unternehmen war die türkischen Teilnehmer in Schnee -und Lawinenkunde zu unterweisen, sie bergsteigerisch zu beobachten und sechs Teilnehmer für eine geplante Expedition zu einem Sechstausender im Himalaya auszusuchen. Die Expeditionsteilnehmer unserer Bergfahrt kamen aus 1 x Pakistani, 1 x Italien, 2 x Deutsche 10 x Türken und 6 x Österreicher (diese sind: Gerald Daxner- Steinbach, Susi Knabl- Imst, Dietmar Wiesenthaler- Wörgl, Robert Mayerhofer- Jenbach, Rolf Widerhofer- Mils mit Samojeden Ninuk und meine Person)
Der Flug von Innsbruck über Wien-Istanbul nach Ankona war problemlos. In Ankara, im Hotel Karyagadi traf sich die gesamte Gruppe. Am Samstag, den 27. 02. um 23.°° Uhr starteten wir mit dem öffentlichen Linienbus, in welchem ein Teil für uns reserviert war (für Teilnehmer, Gepäck und Hund Ninuk). Anfänglich regnete es stark, dieser Regen ging später in starken Schneefall über und zu allem Überfluss hatten wir bei diesem Wetter noch einen Reifendefekt bei dem wir gleichzeitig auch noch die Schneeketten anlegen mussten. Das Wetter wurde noch schlechter, es kam starker Wind und Nebel dazu. Der Fahrer benötigte eine Schibrille, welche ich im geliehen habe, um die Konturen der Straße besser zu erkennen, dies nützte jedoch nicht besonders viel. Am Sonntag gegen Mittag erreichten wir einen ca. 2200 Meter hohen Pass mit einer kleinen Funkstation. Vorerst war die Fahrt hier zu Ende. Orkanartiger Stürme mit starkem Schneefall, Nebel und keinerlei Sicht machte die Weiterfahrt unmöglich. Der Bus wurde schnell zu einem Eisschrank. Am Montag um 2.°° Uhr früh ging die Fahrt ca. 5 Meter hinter einem Schneeräumfahrzeug weiter, bis ins Erzincan, wo alle Straßen wieder gesperrt waren. Am späteren Abend, so gegen 21.°° Uhr fuhren wir los und kamen am Dienstag um 7.°° Uhr nach 56 stündiger Fahrzeit in Dugubayazit auf ca. 1600 Meter Seehöhe an. Nach ein paar Stunden Ruhepause besichtigten wir ein Schloss und am Abend hatte ich den ersten Unterricht über Schnee- und Lawinenkunde, wo ich auch noch einige Dias zur Untermalung zeigte,
Am nächsten Morgen den, Mittwoch 21.2 war das Wetter bedeckt, wir sortierten unsere Ausrüstungsgegenstände und packten zusammen Nach einer Lagebesprechung wurden Teilnehmer und Gepäck auf einen offenen Lastwagen verladen und die eigentliche Expedition
Begann.Die Fahrt ging nach Eli, einem kleinen Weiler an der Südseite des Ararat`s. Dieses gesamte Gebiet ist militärisches Sperrgebiet und so wurden wir auch von Soldaten begleitet. Bei .der ersten Steigung vor Eli blieben wir trotz schieben und ziehen unseres Lastwagens im Schnee und Morast einfach stecken. So mussten wir ca. 1 Stunde lang durch 20 cm tiefen Neuschnee zu einer großen Höhle aufsteigen und in dieser unser Nachtquartier, teils im Freien und teils in Zelten beziehen. Hier wurde noch fest aufgekocht und dazu über unseren Weiterweg diskutiert.
Früh Morgens, es ist Donnerstag, der 22. 2, das Wetter ist heiter und kalt. Wir steigen mit den Schiern zum Lager 1, auf ca. 3200 Meter, auf. Die türkischen Teilnehmer waren zu Fuß unterwegs, was erheblich beschwerlicher für sie war. Sie brachen immer wieder ein und waren daher auch viel langsamer. Bei allen Teilnehmern machten sich auch die schweren Rucksäcke bemerkbar. So gegen 14.°° Uhr ereichten wir unseren Lagerplatz und begannen umgehend unsere Zelte aufzustellen, denn wir wussten, dass es gegen 18.°°Uhr dunkel wird. Die Nacht wurde „saukallt“.
Es ist Freitag, der 23.02., das Wetter ist sehr schön und sehr kalt. Unter den Teilnehmern war eine Diskussion ausgebrochen, die türkischen Bergsteiger wollten den praktischen Teil der Schnee- und Lawinenkunde absolvieren und der Rest der Gruppe zu Lager 2 aufsteigen. Nachdem der Wetterbericht für die nächsten Tage gut war, entschlossen wir uns für einen Ausbildungs- und Akklimatisationstag. Es wurde fleißig geübt und gegraben.
Am Samstag den 24.02.gings bei sehr schönem und kaltem Wetter weiter ins Lager 2, wir wieder mit unseren Schiern, die Türken wieder ohne. Auf ca. 4200 Meter schlugen wir die Zelte auf. Es wurde die Tourenplanung für die Gipfelbesteigung besprochen und viel gekocht.
Leider gab mein Kocher den Geist auf, vermutlich wegen Verwendung von falschem Benzin. Die Nacht wurde trotz weiblicher Beischläferin extrem kalt, wir hatten im Zelt unter minus 20° Celsius.
Am Sonntag, den 24.02, war’s soweit.Bei herrlichem, sehr kaltem aber windstillem Wetter starteten wir gegen 8.°° Uhr in Richtung Gipfel, diesmal aber Alle ohne Schi, denn der Schnee war erstens sehr verblasen und zweitens ganz hart. Der Anstieg war nicht besonders schwierig, nur kurz unterhalb des Gipfelplateaus war eine Querung, welche auf Grund der Schneehärte etwas mit Vorsicht anzugehen war. Hier wollten die türkischen Freunde, dass wir eine Seilversicherung aufbauen. Ich zeigte ihnen, wie man mit der richtigen Ausrüstung und der richtigen Anwendung bzw. Handhabung derselben ohne Versicherung des Geländes gefahrlos diesen Quergang überwinden konnte.So erreichten wir alle gegen 13.°° Uhr den Gipfel des Ararat (auf türkisch Agri Dagi) mit seinen stolzen 5165 Meter Höhe. Die Temperatur war auf ca. -30° Celsius abgesunken, aber da es windstill war, konnten trotz dieser tiefen Temperaturen die herrliche Aussicht genießen. Beim Abstieg hatten einige Teilnehmer mit dem hartgefroren Schnee ein wenig Probleme. Trotzdem erreichten wir alle gegen 17.°° Uhr gesund unser Lager 2. Hier herrschte große Freude über die gelungene Gipfelbesteigung.
Der nächste Tag, dies war der Montag, der 26.02, begann mit abbauen des Lagers sowie wiederverstauen unserer Ausrüstung. Wir fuhren mit unseren Schiern ins Lager 1 ab. Wir Schifahrer legten eine Pause ein da wir ja wieder auf unsere Fußgänger warten mussten, welchebei ihrem Abstieg immer wieder tief zwischen den großen Steinen einbrachen. Nach deren eintreffen im Lager 1 ging’s weiter Richtung Eli, der Schnee wurde weicher und auch weniger, sodass auch wir die letzte Stunde bis zur Strasse unsere Schier tragen mussten. In Eli erwarteten uns bereits wieder unsere Soldaten, welche für unseren Schutz abgestellt waren. Auch unser Lastwagen war schon abfahrbereit. Ich ging noch unseren türkischen Fußgängerfreunden Richtung Lager 1 entgegen, um ihnen beim Abtransport ihrer schweren Lasten helfen zu können. Gegen 16.°° Uhr, war es dann soweit, dass wir mit unserem Lastwagen wieder zurück nach Dugubayazit ins Hotel fuhren. Dort angekommen füllte ich erstmals meinen Flüssigkeitshaushalt auf Normalstand auf, denn ich hatte ja seid Samstag als mein Kocher den Geist aufgegeben hatte kaum mehr etwas getrunken. Anschließend ging’s ins Zimmer und unter die Dusche. Am Abend saßen wir Alle noch gemütlich beim Abendessen zusammen und wir feierten unseren schönen Gipfel recht ausgiebig.
Am nächsten Morgen, dies war der 27.02, ging es am Nachmittag mit einem Sonderbus in einer 20-stündigen Fahrt zurück nach Ankara, wo wir am Mittwoch Vormittag gut ankamen. Um 16.°° Uhr Nachmittag waren wir vom Präsidenten des türkischen Bergsteigerverbandes in der Universität in Ankara eingeladen und empfangen. Hier musste ich meinen mündlichen Bericht abgeben, welcher durch einen Dolmetscher direkt übersetzt wurde. Anschließend gab es noch eine lustige Party, die sehr lange dauerte und unseren Kontakt zu den türkischen Bergsteigerfreunden noch verbesserte.
Am nächsten Morgen, dies ist der 1.März, verabschieden wir uns und alle Teilnehmer dieser Bergfahrt fliegen in ihre Heimat zurück. Eine Aufgabe vor meiner Abreise hatte ich noch, ich musste noch einen schriftlichen Bericht über meine Beobachtungen unsere Bergfahrt zum Ararat erstellen. Anschließend hatte ich noch einen Termin an der Universität von Ankara, wo ich ein schönes Angebot für einen Lehrauftrag über 2 Semester für Alpinismus bekommen habe. Diese Angebot konnte ich aber leider nicht annehmen, da ich von meinem Arbeitgeber dem Österreichischen Alpenverein keine Freistellung erhalten hätte.
Am Freitag den 02. März, war es dann auch für mich soweit wieder die Heimreise anzutreten. Ich verschenkte meine gesamte Bergsteigerausrüstung, verabschiedete mich noch von meinem Dolmetscher, der mit mir zum Flughafen fuhr und ab ging es wieder nach Innsbruck, wo ich um 19.°° Uhr ankam.
Im Rucksack hatte ich einen Berg voll Erinnerungen und schöner Eindrücke, welche ich erst zu Hause auspacken und im Laufe der Zeit einordnen konnte.

Hansjörg Köchler

Radltour von Kathmandu nach Lhasa im Oktober 1996

Wir sind vier ältere Herren zwischen 60 und 70 (Ernst Knapp, Walter Larcher, Sebastian Stanger und Raimund Ruf), sitzen im Flugzeug von Lhasa zurück nach Kathmandu und haben einen aufregenden Check-In hinter uns. Von 6 Uhr früh bis 14 Uhr warteten wir in einer überfüllten Halle auf das Flugzeug aus Szetschuan, eingezwängt zwischen Touristen aus aller Welt und Einheimischen mit ihrem Gepäck aus Säcken, Kisten und Kasteln. Als niemand mehr an eine Ankunft der Maschine glaubte, kam das Flugzeug der chinesischen Airline doch noch und nach einem wilden Ansturm (offensichtlich waren nicht genug Plätze vorhanden) schafften wir es mit Hilfe unseres guids, gute Plätze zu bekommen. Nach dem Start fällt nun der Stress ab und wir widmen uns der phantastischen Landschaft Tibets unter uns; zuerst die weite, braune und fast unbesiedelte Hochebene mit den glänzenden Flüssen, den Schluchten und den gut erkennbaren Straßen. Und da sehen wir sie, unsere Route, die wir 17 Tage lang mit dem Fahrrad gefahren waren – da unten ist der riesige See Yamdrok Tso, dem wir entlang gefahren sind, da sehen wir die über 5000 m hohen Pässe, die wir überwunden haben, da unten liegen ganz klein die Städte Shigatse und Gyantse, die uns so gut gefallen haben und langsam kommen wir der weiße Hauptkette des Himalaja mit den hohen Achttausendern näher und die Eisriesen gleitet langsam am Bullauge vorbei – und da ist ja auch der Mount Everest, dem wir bis ins tibetische Basislager nahe gerückt waren. Und dabei fallen mir wieder die vielen großen und kleinen Erlebnisse dieser Reise ein…..

Schon der Beginn, die achttägige Eingehtour in Nepal, war aufregend und spannend. Zuerst mit dem Fahrrad von Kathmandu nach Dunche, eine wahrhaft abenteuerliche Strecke mit dem Rad, dann die Wanderung vorbei an den heiligen Seen von Gosainkund und zuletzt die Besteigung eines Fünftausenders, womit wir uns klimatisch und konditionell auf unsere große Fahrt vorbereitet hatten.

Dann kam der große Start. Wir hatten die Reise bewusst in Kathmandu begonnen, weil es Walters alter Traum war, stolz und siegreich in Lhasa einzurollen. Also charterten wir in Kathmandu in einer uns bereits bekannten Agentur ein Begleitfahrzeug für unser Gepäck, einen Guid,  einen Fahrer und einen Koch und radelten von unserem Quartier los, durch die wimmelnden Straßen und bald durch die grünende Traumlandschaft Nepals. Wir waren natürlich aufgeregt und erwartungsvoll der kommenden Abenteuer, die auch nicht lange auf sich warten ließen.

Da war erst einmal die Hitze in der Niederung des Flusses Sun Kosi. Nach einem Fotostopp wollte ich meine Kameraden einholen, verpasste in der Eile eine Abzweigung und verfuhr mich in einen endlos steilen Anstieg, bis mir meine verzweifelten Freunde (sie meinten mich schon in den reißenden Fluss gestürzt) einen freundlichen Nepali im Jeep nachsandten und auf die richtige Route brachten, die aus endlosen, kilometerlangen Baustellen bestand und die mir den letzten Rest für diesen Tag gab.

Dann der Grenzübergang und die Ankunft in Tibet. Noch vor der Grenze sahen wir weit oben am Berghang die Tibetische Grenzstadt Zhangmu, wunderschön anzusehen mit hohen Gebäuden und daraus hervorstechend ein riesiges Hotel. Es sah fast aus wie Bad Gastein und wir freuten uns endlich wieder auf einen angenehmen Hotelaufenthalt. Die steilen 500 Höhenmeter bis dahin waren allerdings noch sehr anstrengend und der Weg (denn Straße war es eigentlich keine) so schlecht, dass wir immer wieder schieben mussten. Die Grenzformalitäten waren auch bald erledigt (unsere Agentin in Kathmandu hatte uns als „Austrian Bysicle Expedition“ ausgewiesen) und hier übernahm uns unser Tibetischer Führer und brachte uns in das ersehnte Hotel. Dieses war dann eine gewaltige Enttäuschung – es war zwar riesig und weitläufig, aber total abgewirtschaftet und völlig desolat. Ebenso unser trostloses, schmuddeliges Zimmer. Auch gab es zuerst kein Wasser, und als es am Abend endlich kam, floss alles über und es gab eine üble Überschwemmung bis ins Zimmer hinein, während aus dem Waschbecken nur eine graue Brühe kam. Dafür war das Abendessen im nahen kleinen Tibet-Restaurant ausgezeichnet und die hübsche Wirtin hat uns Vier besonders beeindruckt. Als wir am nächsten Morgen zeitig aufbrachen, sahen wir erst den fürchterlichen Dreck in den Gassen, die Berge von faulendem Abfall, und einige Male entkam ich nur knapp einem Guss von oben, als die Leute ihre Nachttöpfe einfach aus den Fenstern auf die Gassen leerten. Und über allem plärrten mehrere Lautsprecher auf hohen Masten chinesische Marschmusik über das ganze Städtchen. Doch das hatten wir bald hinter uns und mit einem Schlag waren wir gefangen von der phantastischen Landschaft Tibets. Durch lange waldreiche Schluchten erreichten wir die Hochebene und damit die typische Landschaft Tibets, die wir nun mehr als zwei Wochen lang erleben durften.

Vorerst gab es aber noch einige Hindernisse. Denn immer wieder war die Straße auf hunderte Meter weggerissen und wir mussten unsere Räder auf glitschigen Fußpfaden übertragen. Die Lkw’s mussten jeweils  umgeladen werden, doch dafür standen überall Kulis bereit, die dort unter Plastikplanen mit ihren Familien hausten und von den paar Rupien lebten. Mit unseren Rädern waren wir natürlich schneller als unser Gepäck, das immer wieder auf andere Fahrzeuge umgeladen werden musste. Wir sahen auch nicht, dass es uns überholt hätte und waren darum schon sehr in Sorge; nur Walter beruhigte uns und meinte, das sei nur „dem Chauffeur seine Sache“. Und so war es denn auch – als wir in Nyalam, dem Ende der ersten Etappe, ankamen, stand unser Führer schon lachend da und wartete auf uns und nun erst sahen wir auch den großen Army-Truck, der unser Begleitfahrzeug bis Lhasa wurde. Und auch der tibetische Fahrer und der chinesischen Koch warteten hier auf uns.

Ab nun war es eine traumhaft schöne Radltour, so wie wir sie uns vorgestellt hatten. Wir erlebten dieses wunderschöne Land mit seinen großartigen Menschen und ihrer hochinteressanten Kultur, eingebettet in eine harmonische Freundschaft untereinander und herzlich betreut von unseren drei einheimischen Begleitern.

Da war zum Beispiel die große Freude am Lalung Leh, dem ersten Pass über 5000 m. Wir waren in Hochstimmung, weil wir den weiten Anstieg ohne Probleme gemeistert hatten und weil uns hier zum ersten Mal die Weite der braunen, menschenleeren Landschaft zu Füßen lag, begrenzt von der weißen Hauptkette des Himalaya, die weit entfernt am Horizont zum ersten Mal auftauchte. Wir waren tief beeindruckt.

Wenn wir manchmal in Hotels übernachteten, wurde ich oft von amerikanischen Touristen auf unseren Ernst hingewiesen und gefragt „who is this, I think, I know him“. Dann antwortete ich stets „it’s Sean Conory, my best friend“. Das hat man mir immer mit einem „oh, of course“ abgenommen und ich sonnte ich mich dann stets im Ruhm und der Hochachtung, die von meinem „berühmten“ Freund auch auf mich abstrahlte.

Eines Abends holte der chinesische Koch das Wasser für das Abendessen aus dem nahen Fluss; das Wasser war eine braune, schäumende Brühe, was uns nicht wunderte, da flussaufwärts mehrere Dörfer zu sehen waren und wir die tibetische Abwasserbeseitigung  inzwischen kennen gelernt hatten. Auf unsere Vorhalte entgegnet unser Guide (der Koch selbst konnte nur chinesisch) „it’s a god water, all people here drink this water“. Damit hatte er uns überzeugt und tatsächlich, nie hat einer von uns irgendwelche gesundheitlichen Probleme bekommen.

Wenn wir in ein Dorf kamen, war es immer wieder das gleiche Bild: Von überallher strömten Kinder in allen Größen, meist nur mit Lumpen bekleidet. Die Kinder kamen aber nicht nur in den Dörfern; auch in den einsamsten Gegenden, wenn weit und breit kein Lebewesen zu sehen war, mussten wir nur kurz stehen bleiben, und schon tauchten aus jeder Bodenfalte Kinder auf und im Nu waren wir umringt, und die Größeren  und Mutigeren versuchten ihre paar englischen  Worte: what is your name, what is your country, während die Anderen versuchten, uns zu betasten und zu befühlen. Anfangs war das ja lustig, aber mit der Zeit ging es halt doch auf die Nerven. Besonders, wenn sie prompt jedes Mal Austria mit Australia  verwechselten. Ich sagte dann schon immer, ich sei aus Andorra – you know Andorra? Worauf meist ein nur sehr zögerliches „Yes“ zurückkam. Oft ergaben sich dann auch mit den Erwachsenen Gespräche oder wir sahen einfach zu beim Einbringen der Ernte, das sich noch abwickelte, wie es bei uns vor hundert Jahren gewesen sein dürfte.

Höhepunkt war wohl der Morgen im Basislager an der Nordseite des Mount Everest. Wir waren gestern bei eisigem Wind und schlechtem Wetter angekommen und ich dachte schon, wozu tu ich mir das an, man sieht ja ohnehin nichts. Und dann, als wir am Morgen aus dem gefrorenen Zelt krochen, zog sich ein Nebelschleier nach dem anderen von den Bergen, die zuerst zart in ihren Konturen, dann immer deutlicher sichtbar wurden; und zuletzt stand die frisch verschneiten Kette der Eisriesen (Everest, Lhotse, Nuptse usw.) im strahlenden Schein der Morgensonne leuchtend in ihrer ganzen Pracht vor uns. Kilometerweit standen die Schneefahnen von den Gipfeln in den klaren Himmel, es war ein unbeschreiblich schönes Bild. Wir waren alle tief ergriffen, saßen lange und staunten und konnten uns nicht sattsehen.

Und da war dann auch noch die Siegesfeier am Abend des Zieleinlaufes in Lhasa. Wir bummelten zu Fuß durch die Stadt auf der Suche nach einem vornehmen Restaurant; es gab ja viele Speisemöglichkeiten, aber heute wollten wir es richtig vornehm haben. Endlich fanden wir ein solches, hell erleuchtet, breiter Treppenaufgang mit rotem Teppich, flankiert von goldenen Löwen. Wir wurden auch dementsprechend vornehm empfangen. Es gab chinesische Spezialitäten, die am Tisch gekocht wurden und bald waren wir Mittelpunkt des ganzen Lokales, denn das ganze Personal bemühte sich um uns. Es wurden immer mehr besonders hübsche Chinesen-Mädchen, die uns bedienten, uns die Spezialitäten vorlegten und erklärten, wie sie zu essen seien. Es wurde eine mords Hetz für uns und die Mädchen, das Essen war besonders gut (und sehr scharf und sehr exotisch und auch die Rechnung war letztlich gesalzen, was aber unserer Laune keinen Abbruch tat). Erst zuletzt dämmerte es sogar uns, dass wir wahrscheinlich in einem Nobelbuff gelandet waren, was unsere Laune erst recht gehoben hat; nur die Mädchen schienen dann doch etwas enttäuscht, als uns nach dem Essen der Mut für weitere Abenteuer verließ, wir dankend alle weiteren Angebote ablehnten und fröhlich in unser Quartier abmarschierten.

Es gäbe noch so vieles zu erzählen, von einzelnen Begegnungen und Gesprächen mit den Menschen; von archaischen Szenen aus dem bäuerlichen Leben; von stillen Abenden am Lagerfeuer oder in gemütlichen kleinen Herbergen; von anstrengenden Etappen über weite schlechte Straßen und hohe Pässe; von Besuchen in den großen und schönen Klöstern und von den abschließenden Tagen in Lhasa. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die weite Landschaft im besonderen, klaren  Licht und den dadurch bedingten leuchtenden Farben sowie die Menschen und ihre für mich so fremde Kultur. …..

Inzwischen ist die Kette der hohen Berge vor dem Bullauge des Flugzeuges zu Ende, die Berge werden niederer, die Täler wieder grün und dicht besiedelt und gleich darauf landen wir in Kathmandu, wo nach weiteren zwei Tagen eine herrliche, abenteuerliche Reise mit guten Freunden zu Ende ging und nur mehr als schöner Traum zurückblieb.

Verdon – Pastis oder Pastistomat ist Pflicht!

So wie de Fernet in Italien, der Whisky in England oder Schottland, der Martini geschüttelt nicht gerührt bei James Bond, so ist der  Pastis in Frankreich das Leib oder Apperitivgetränk schlecht hin. Wer dieses Getränk mag, wird es immer wieder trinken und genießen. Um Klettern zu können und dieses Getränkserviert zu bekommen, soll einfach nach Frankreich fahren. Dies ist der Grund warum ich immer wieder im Frühsommer, oftmals auch noch im Herbst in die Provence komme.

Das wirkliche Zauberwort aber heißt „Verdon“! Wer gern Kalkfels klettert, wird wohl kaum in Europa ein Gebiet finden, welches mit dem Verdon zu vergleichen ist. Viele Menschen wissen, dass es den Grand Canyon du Verdon gibt, wer aber kann genau sagen wo er sich in der Haute Provence versteckt? Mit seinen senkrechten Felswänden, welche bis tief in die Schlucht hinunter führen, ist er für mich ein Schmuckstück der Natur und hier zu klettern bedeutet nicht, lange Anmärsche zu den Einstiegen, nein im Gegenteil, die meisten Touren erreicht man von oben durch abseilen. Ein eigenes Gefühl überkommt mich jedes mal auf’s Neue, wenn ich am Schluchtrand, genauer genommen an der Kante zwischen horizontalem und vertikaem Fels stehe, den Abseilhaken eingehängt habe und die Wände hinunterseile. Ob Schlingenstand oder Beginn einer Kletterroute aus einem „Jardin“, das sind Felsterrassen, welche mit Bäumen, Gestrüpp und oder Blumen bewachsen sind, der Weg aus der Wand führt nur über hinaufklettern. Dies bedeutet, dass man die Schwierigkeitsgrade, welche im Führer angegeben sind, mindestens von Haken zu Haken klettern können muss. Stürze aber sind großteils ungefährlich, denn die meisten Routen sind im senkrechten bis überhängendem Fels eingebohrt. Aber auch das Abseilen und die richtige Route finden, es zieht eine Tour neben der anderen hoch, ist oft nicht ganz einfach. Der Grand Canyon du Verdon liegt am östlichen Rand der Provence, das heißt die Anreise führt durch Italien nach Frankreich. Auch dies Fahrt wird als Sport betrachtet und so fahren wir nicht über die Autobahn sondern die gesamte Strecke auf der Bundesstrasse, das heißt wir sind sechs Personen in zwei Autos. Ungefähr 1000 Kilometer an einem Tag, mit all den vielen und schönen bzw. oder nervigen Ortsdurchfahrt ten. Am Col du Larche erreichen wir die Grenze nach Frankreich dies ist ein Pass mit 1992m.ü. Meereshöhe. Weiter geht’s über den Cold Allos mit 2240m und do erreichen wir, praktisch nur mit Boxenstopp beim Tanken, müde und abgespannt den kleinen provencialischen Ort La Palud, welcher auf ca. 930 Meter Meereshöhe liegt. Unsere Beifahrer sind froh, dass sie noch heil am Leben sind, denn so manche Überholmanöver, ob in den Tunnels am Gardasee oder auf den Passstrassen, waren wohl zu viel Nervenbelastung. Der erste Weg in La Palud führt uns ins Sportgeschäft, um den neuesten Kletterführer zu er-stehen. Aber schon der zweite Weg bringt uns in die Bar am Dorfplatz „Bon jour cinq Pastis et un Pastistomat s’il vous plait“ und das heiß begehrte und schwer verdiente Getränk steht vor uns. Überglücklich wieder hier zu sein, bleibt es nicht aus, dass aus einem ein zweiter und dritter Pastis werden. Wir suchen unser alt vertrautes Platzl, ein Stück vom Ort entfernt, welcher inmitten von blühendem Ginster und gut duftenden Kräutern liegt, auf. Sofort wird gejausnet und noch einiger Wein getrunken. Auch wird im neuen Führer gelesen und eine Route für den nächsten Tag herausgesucht. Hannes und ich entscheiden uns schon in den Morgenstunden in die Schlucht zu seilen um zu klettern, während der Rest unserer Gruppe erst am Nachmittag angreifen möchte. Dies war eine gute Entscheidung, denn der Alkohol hatte am nächsten Morgen seine Wirkung noch nicht verloren. Nachdem wir den richtigen Abseilhaken gefunden haben, geht’s hinunter in die Schlucht. Da wir beim Abseilen ein wenig unaufmerksam sind und schon mehrere Seillängen herunter-gefahren sind wissen wir nicht genau, ob wir schon den tiefsten Punkt unserer Route erreicht haben oder nicht. Um völlig sicher zu gehen, seile ich mich über eine Platte tiefer ab, es kommt eine längere senkrechte Passage und dann wird’s überhängend. Im Nu bin ich einige Meter von der Felswand entfernt. Jetzt ist’s klar, der Stand ober mir ist der Beginn der ersten Seillänge. Nun heißt es handeln, denn die Seile unter mir hängen mit den Enden frei in der Luft. Nach längerem Aufprusiken erreiche ich meinen Partner, der am Stand auf mich wartet. Wir bereiten uns aufs Klettern vor, seilen uns an und nach kurzem „Berg Heil“ steige ich in die Route ein. Traum Fels, scharfe Kanten und Griffe lassen mich rasch höher steigen. Auch die Sonne scheint mittlerweile in die Wand herein. Der weiße Fels leuchtet und wenn man so nach oben schaut, glaubt man, dass die Tour ins Unendliche führt. Kleine Griffe und Finger-löcher in der  fast überhängenden Wand begleiten mich an den ersten Stand. Hannes steigt nach, er ist gleichermaßen vom Tanz in der Vertikale beeindruckt und begeistert. Während er die zweite Seillänge klettert, welche sowohl im gleichen Schwierigkeitsgrad (6b) liegt, als auch von der Schönheit und Ausgesetztheit eher noch phantastischer ist, genieße ich die Ruhe der Natur, den Blick in die Schlucht in der, der Fluss sein Schauspiel liefert. Meine Gedanken gehen an den Ursprung der Entstehung und welche Gewalten am Werk sein müssen um so einen tiefen Einschnitt mit so makellosen senkrechten Felswänden zu schaffen. Plötzlich höre ich Hannes rufen „Stand“. Ich bin wieder zurück aus meinen Träumen und an der Reihe zum Klettern. Jeder einzelne Kletterzug ist ein Wahnsinn und purer Genuss. Wir durchklettern die Tour und kommen gut nach oben. Offensichtlich hat sich das Klettertraining den ganzen Winter hindurch gelohnt. Am Schluchtrand sitzen wir noch überglücklich und schwelgen schon in Gedanken an Morgen und unsere nächste Tour, welche wir uns aber erst noch aussuchen müssen. Der Weg zu unserem Lagerplatz führt natürlich wieder über die Bar am Hauptplatz von La Palud und zu einem Pastis. So verbringen wir eine ganze Woche hier im Herzen der Haut Provence im Kletterparadies schlechthin. Genauso wie die Anfahrt, fahren wir auch wieder nach Hause, auch wieder recht sportlich. Nur wieder bestärkt, dass wir Alle nicht das letzte Mal hier waren, nein unser Motto lautet „Ein guter Klettersommer beginnt im Verdon“.

Wolfi Egger

Wandhöhe: 280m

Kletterlänge: 300m

Seillängen – Schwierigkeit – vorhandene Sicherungsmittel

  1. SL.: 35m 5+ 2BH
  2. SL.: 60m 4   1NH
  3. SL.: 25m 7+ 3BH
  4. SL.: 40m 8- 3BH, 1NH
  5. SL.: 25m 8- 5BH, 1NH 1 A0-Stelle
  6. SL.: 30m 8- 5BH, 8NH 1 A0-Stelle
  7. SL.: 30m 8 2BH, 1NH
  8. SL.: 35m 8- 3BH
  9. SL.: 25m 8- 2BH, 2NH

Material:

60m Doppelseil, 12 Expressschlingen, Keil- und Friendsortiment

Charakter:

Anspruchsvolle Neutour durch die gelben „Zahnzone“ in meist sehr gutem Fels (teils sehr rau!). Abwechslungsreiche Platten- ,Riss- und Verschneidungskletterei.

8- obligat; vollständige Rotpunktbegehung steht noch aus

Im August 2004 von unten eröffnet durch Thomas Scheiber und Hansjörg Auer

Zugang:

Durch das Puitental rechts haltend zum Fuß der Söllerköpfe; das markante Schneefeld von links nach rechts queren und anschließend über großes Band (Steigspuren) zum Einstieg (höchster Punkt, 1 Bühler)

Abstieg:

Vom letzten Stand ca. 30m aufwärts zu Spalt. Von hier 4 mal in östlicher Richtung abseilen (teils über „Altherrehpartie“, eingerichtet!). Nun 40m schräg aufwärts in westlicher Richtung zu grasigem Pfeilerkopf (Kopfschlinge). Jetzt 30m abseilen und weiter über die 2 ersten Seillängen zurück zum Einstieg. Abseilen über die gesamte Route: mühsam!

Patagonien – Cerro Torre – Kompressorroute

Im Dezember 2004 klettern Thomas und Hansjörg während ihres Patagonienaufenthalts über die „Kompressorroute“ in 10 Stunden auf den Gipfel des Cerro Torre (3.102 m).
2 Tage später glückt ihnen noch die Begehung der Route „Claro de Luna“ an der Saint Éxupery.

Ein Auszug aus ihrem Tagebuch:
Die ersten 150 Meter liegen bereits hinter uns. Der Himmel ist zwar leicht bedeckt, aber kein Lüftchen regt sich. Obwohl gestern ungetrübter Sonnenschein herrschte liegt sehr viel Schnee in der Route und die Risse sind zum Teil stark vereist. Der „Banana-Crack“ nimmt uns auf und nach zwei weiteren Seillängen bis zum 6. Grad erreichen wir leichteres Gelände.
Doch glatte Granitplatten, versehen mit einer dünnen Eisschicht und 15 cm lockeren Pulverschnee verlangen höchste Aufmerksamkeit. Wir fühlen uns verpflichtet an einer derartigen Kletterstelle eines unserer beiden Seile hängen zu lassen, um unseren britischen Freunden den Aufstieg zu erleichtern.
Mittlerweile hat sich das Wetter gebessert und voller Auftrieb und Begeisterung klettern wir simultan den 90-Meter-Quergang, welcher uns zum „Icy-Chimney“ hinüberleitet. Gezwungenermaßen legen wir eine Rast ein, wobei wir ungeduldig auf die Ankunft der Briten warten – endlich haben wir wieder unser zweites Seil.
Mixed 6, technisch A2 und Mixed 5 bringt uns zum Beginn der „Ice-Towers“. An bizarren Eisskulpturen vorbei steigen wir höher. Starker, eisiger Wind fährt durch unsere Glieder und lässt die Seile erstarren. Nach den ersten Klettermetern in der „Headwall“ wird uns wieder warm und ich weiß – wir können es schaffen. Unglaublich als wir uns dann über den Kompressor schwingen, der nun schon seit mehr als 30 Jahren hier verankert ist.
Von hier aus gilt es nun die berühmte Bridwell-Länge, den abgeschlagenen Maestri Haken folgend, zu klettern. Nach gefinkelter technischer Kletterei an einigen Rivets, Copperheads und Normalhaken, erreichen wir nach kurzer Zeit das Gipfelplateau.
Der Gipfeleispilz präsentiert sich von seiner besten Seite – 20m/80°. Nach nunmehr 12-stündiger Kletterei, um 16:00 Uhr ist unser Traum dann ausgeträumt – wir stehen am Gipfel. Genau zum Zeitpunkt der Bescherung (20:00 Uhr MEZ) schütteln wir uns die Hände. Wir denken kurz an zu Hause und beginnen sogleich mit dem Abstieg.
Ein Schneesturm, 27 Abseilmanöver und 7 Stunden später erreichen wir müde aber überglücklich das Norweger Biwak.

Auch die Durchsteigung der Aguja Saint Exupery Westwand ist noch geglückt
Drei Tage später gelingt uns noch die Durchsteigung der Aguja Saint Exupery Westwand auf der Route „Claro de Luna“. 22 Seillängen in herrlichem Granit, die durchwegs den 6. bis 7. Grad verlangen, lassen unsere Herzen überschäumen.

Am Fritz Roy waren wir aber leider nicht mehr erfolgreich. Zwei Non-Stop-Versuche vom Bridwell-Camp aus endeten jeweils im Schneesturm.

Nepal Khumbu Durchquerung mit Island Peak (6139m)

Am 16.4. war es wieder mal so weit zusammen mit 3 weiteren Reiseteilnehmern Sepp, Hermann und Miriam und unserem Reiseleiter Steffen hob ich mit dem Flugzeug Richtung Nepal ab. Von der Hauptstadt Kathmandu ging es auf einem Sichtflug per Twinotter weiter nach Lukla, einem der spektakulärsten Flugplätze der Welt. Nach dem wir die Anreise leicht verdaut hatten marschierten wir langsam in zwei Tagen nach Namche Bazar dem Sherpa Zentrum im Solu Khumbu. An den folgenden Tagen ging es über Drag Nack und Macharmo hinein ins Gokyo Tal bis zur Alm Gokyo. Am 9. Tag standen wir dann auf unserem ersten Aussichtsberg dem Gokyo Ri. Das Panorama angefangen von Everest, Lothse, Cholatse, Taboche … war einfach überwältigend und lud zu einer Menge netter Fotos ein. Als nächster Punkt folgte die Überschreitung des Cho La Passes. Dank des wenigen Schnees und des guten Wetters stellte die Überschreitung kein Problem dar. Als Begrüßung auf der Passhöhe erwartete uns ein Traumblick auf den Loboche East und im weiteren Verlauf auf die Ama Dablam. In den folgenden 2 Tagen gingen Hermann und ich über Gorak Shep gleich weiter auf den Kala Pattar. Nach dem wir beide nach einer kalten Nacht in Gorak Shep noch schnell im Everest Basis Lager waren nützte ich die verbleibende Zeit vom Tag und stieg nochmals auf den Kala Pattar. Nachdem die Gruppe in Ding Poche wieder vereint war starteten wir gemeinsam nach Chuckung und weiter ins Island Peak Basislager. Nach einem Tag Pause ging es ans eingemachte und wir begannen pünktlich um 1 Uhr in der Nacht mit dem Anstieg zum Island Peak. Da es in der Nacht etwas geschneit hatte und damit verbunden der Weg auf den Gletscher sehr rutschig war standen wir Steffen, Sherpa Kama und ich alleine am Gipfel des 6139m hohen Island Peak. Imposant war das Panorama mit der Lothse Südwand im Norden, dem Makalu im Osten und der Ama Dablam im Süd-Westen. Wir genossen kurz den Rundumblick und stiegen danach zügig ins Basislager ab wo wir um ca. 13Uhr ankamen. Am darauffolgenden Tag ging ich zum Abschluss des Gipfelreigens zusammen mit Miriam noch schnell auf den Chucking Ri. Am Nachmittag folgten wir dem Weg bei dichtem Nebel bis nach Pang Poche und in den folgen Tagen über Tengpoche und Namche wieder hinaus nach Lukla. Glücklich und zufrieden genossen wir die letzten Tage in Kathmandu bevor wir am 9.4. alle wieder nach Europa zurück kehrten.

Andi Schinner

Zeit: 16.4.06- 9.4.06
Veranstalter: Hauser Exkursionen
Reiseleiter : Steffen Wetzel
Teilnehmerzahl: 4
Teilnehmer: Sepp, Hermann, Miriam und Andi(Ich)