Gründung 9. Juni 1904

Der alpine Klub Karwendler wurde am 9. Juni 1904 durch Johann Dassati, Franz Hassl, Ernst Mayer, Hans Lenz, Franz Schinner, Ludwig Winkler und Matthäus Winkler gegründet. Bei der ersten Generalversammlung im Gasthof Goldener Löwe in Hötting waren 14 Mitglieder versammelt. Bei der Gründungsbergfahrt am 31. Juli 1910 wurde auf der Kaskarspitze im Karwendel ein Gipfelbuch hinterlegt. Dorthin führt auch heute noch der Weg anlässlich der jährlichen Gendenktour zum Ende des Bergjahres. In einem getrennten Schrein ist ein Buch mit den Bildern, den Geburts- und Sterbedaten jedes einzelnen verstorbenen Klubbruders verwahrt.

Weit, weit im Westen, hinter den fernen Ötztaler Bergen, ging golden die Sonne unter. Lange noch lag heller Schein auf den Gipfeln, die gewaltigen Firndome in Purpur hüllend, während sich vom herbstlich gefärbten Valsertale die Schatten immer weiter heraufschoben, um endlich auch uns mit kalten Armen zu umfangen. Da zogen wir still und ruhig weiter, unserem heutigen Ziele, der Geraerhütte zu. Nacht war es geworden, als sich kreischend die Türe der Hütte öffnete, uns müden Bergwanderern Schutz und Obdach gewährend. Gar bald verkündete heller Lichtschein aus den Fenstern der Talbewohner, daß wieder einmal ein paar geplagte Menschenkinder dem öden Berufsleben entflohen waren, um einen Tag in den Bergen zu verleben.

Die Nach war schwül und lauer Wind strich leise um die Hütte. Unsere aufgeregten Nerven ließen uns nur schlecht schlafen. Ein kurzer Schlummer, dann aus wirren Träumen jähes Erwachen! Mit offenen Augen lag ich nun da und sah durch das Fenster den jungen Tag erscheinen. Gleichmäßiges, fahles Grau bedeckte den Himmel, leise wehte der Morgenwind und die Riesenwand schaute schwarz und dräuend auf uns armselige Menschlein nieder. Da zog ein düsterer Mollklang traurig durch meine Seele; ahnte sie das harte Ringen, das unser wartete…?

Schon als kleiner Junge war ich einmal hineingekommen zur Geraerhütte und hatte staunenden Auges die gigantische Nordwand des Schrammachers geschaut. Später war ich wiedergekommen, um sie auf ihre Gangbarkeit zu prüfen, doch geschlagen von den fürchterlichen Steinlawinen trollte ich mich beschämt wieder zum Tale hinaus. In unerhört glatter Plattenflucht bäumte sie sich aus den geborstenen Eismassen des Alpeinerferners auf. Doch nicht in erhabener Ruhe liegt diese schwarze, dämonische Wand, nein, denn fast ununterbrochen dringt das Donnern und Krachen der Steinlawinen an das erschreckt aufhorchende Ohr. Ja, selbst in der Nach treibt dort der Steinschlag sein unheimliches Spiel und gar mancher Bergsteiger, der im Hochsommer auf der Geraerhütte weilte, wird sich dessen erinnern. Aber wenn die gelben Blätter von den Bäumen fallen und der Herbststurm mit kaltem Hauche die gefährlichen Geschosse fest an ihre Unterlage kittet, dann ist es Zeit, an die Ausführung solcher Fahrten zu schreiten.

Vor 26 Jahren, am 25. September 1895, durchstieg der kühne Drasch, an Mut und Können weit seiner Zeit voraus, diese Wandflucht. Auch er hatte erkannt, daß diese Tur nur im Herbste durchzuführen sei und dem Vorurteile der gesamten damaligen Zillertaler Führerschaft trotzend, führte er sein Vorhaben, begleitet vom Führeraspiranten Joh. Lechner, siegreich aus. Die zunehmende Schwierigkeit des vereisten und plattigen Gesteins zwang ihn schließlich, den direkten Durchstieg aufzugeben und die Wand gegen den Westgrat hin zu durchsteigen. Tief und erhaben waren seine Eindrücke auf dieser seiner schwersten Fahrt. Wir jungen Bergsteiger, die wir noch mitten im Sturme und Drange stehen, schütteln die Bedenken über mögliche Gefahren leichter ab, als ein gereifter, älterer Mann. Wir alle suchen eben in den Bergen das Erlebnis, das geheimnisvolle, undefinierbare Etwas, das uns hinaufzieht zu den sturmgepeitschten Gipfeln. Und zufrieden und glücklich kehren wir dann wieder heim in die Niederungen, froh, etwas geleistet zu haben, wenn es auch niemandem zu Nutze ist.

Als es heller Tag war, standen wir, mein Freund Baumgartner und ich, droben auf dem Eise des Alpeinerferners und legten das Seil an. Dann querten wir so rasch als möglich den Ferner, um zu unserem Einstieg zu gelangen. Überall zeigten sich im Eise die Einschlaglöcher des sommerlichen Steinschlages, mit den eingeschmolzenen Felstrümmern. Besorgt flogen unsere Blicke die Wand hinauf – aber es blieb still. Der Neuschnee, der im oberen Wandteile lag, war gefroren und bannte das lose Gesindel. Um 8 Uhr morgens wechselten wir am Rande des Eises die Genagelten mit den Kletterschuhen, um rascher vorwärts zu kommen. Ein kleiner Sprung über die Randkluft und wir legten Hand an die Wand, die uns erst nach langem, harten Kampfe den Sieg gönnen sollte.

Ein Quergang war der Beginn. Über Gneisplatten, die an ihrer Oberfläche ganz zermürbt waren, strebten wir einem Pfeiler zu. Rascher kamen wir nun auf diesem empor. Wir gingen gleichzeitig, denn würde durch die Tageswärme Steinschlag eintreten, so sollte er uns nicht mehr im unteren Wandteile überraschen. Rastlos kletterten wir aufwärts und nur selten unterbrach ein hastiger Ruf unsere Tätigkeit, wenn sich das Seil irgendwo verhängt hatte. Nach zwei Stunden waren wir 400 Meter durchgeklettert und wir ließen uns nun auf dem Kopfe eines zweiten, kleineren Pfeilers zu kurzer Rast nieder. Es war dies eine der wenigen, vorspringenden Wandstellen, die von der Sonne getroffen werden und gar wohlig wärmten uns ihre Strahlen. Mit unseren Beobachtern, die drunten auf dem Moränenrücken saßen, verständigten wir uns durch Rufe und sie wunderten sich nicht wenig über unser rasches Vordringen. Einige rotgefärbte, ganz morsche Leinenstreifen, die wir fanden, bewiesen uns, daß wir den Spuren Dr. Drasch’s folgten. Von den Steindauben, die er errichtet hatte, war nichts mehr zu sehen; die waren wohl schon lange auf den Gletscher hinuntergefegt worden. Von unserem Pfeilerkopfe ging Dr. Drasch nach rechts zum Westgrate, während wir direkt zum Gipfel wollten und uns nach links wandten. Vorerst mussten wir die mit Eis und Schnee gefüllte Steilrinne, durch die wir heraufgekommen waren, nach links queren, um zum Beginne eines Neuschneestreifens zu gelangen, der sich fast horizontal durch die Wand nach Osten zog. Wir hatten darunter ein Band vermutet, das uns zu einem kleinen, in der Gipfelfalllinie gelegenen Eisfelde führen sollte und erlebten nun die erste Enttäuschung, denn es waren nur etwas weniger steile Platten, auf denen sich der Schnee gehalten hatte. Ihre Überwindung war schwer und mahnte uns zu äußerster Vorsicht. Mit dem kurzen Eisbeile schlug ich die gefrorene Schneedecke durch und lautlos versank der in die Bresche gestellt Fuß im weichen Pulverschnee. Die halberstarrten Finger mussten sich mit kleinen, vereisten Leisten begnügen, die aus den Platten herausragten. Natürliche Sicherungsgelegenheit gab es an diesem unheimlichen Plattenpanzer nicht; da trieb ich denn mit klingenden Schlägen den ersten Sicherungshaken in eine Ritze. Kaum ertönte das scharfe Knacken des Karabiners, der Seil und Hakenring verbindet, als schon Freund Baumgartner erschien, dem es auf seinem Stande – in Kletterschuhen im Schnee – zu unbehaglich wurde. An dem Haken gesichert, wechselten wir nun die Beschuhung.

Dr. Fritz Drasch schreibt über die Bänder folgendes: „Das Fehlen guter Griffe und außerdem der große Mangel geeigneter Vorsprünge zur Seilversicherung, machen diese Tur mit Rücksicht auf die häufigen Traversen auf schmalen, abschüssigen Bändern, Gesimsen und Eishängen zu einer gefährlichen. Ich nenne eine Passage insbesonders dann gefährlich, wenn ein Fehltritt, ein Fallen, durch das Seil des Gefährten nicht paralysiert werden kann. Ein Gleiten würde fast überall für einen mit dem Seile verbundenen Gefährten höchst mißlich sein. An manchen Stellen müsste aber das Fallen eines Gefährten unbedingt auch den Sturz des anderen zur Folge haben.“ (ÖAV Z. 1986).

Wir wollten nun keineswegs den jähen Sturz in die Tiefe antreten, wenn etwa einer auf den schneebedeckten Platten ausgleiten sollte – ebenso wenig dachten wir an Umkehr – griffen daher lieber zu künstlicher Sicherung. Das Band, auf dem wir nun weiter vordrangen, wurde durch eine Rippe gesperrt; hinter dieser, bei dem kleinen Eisfelde, mußte sich entscheiden, ob wir auf unserer geplanten Route weiterkommen würden oder nicht. Einige Seillängen, dann lag dieselbe hinter mir. Ein staunender und zugleich unwilliger Ausruf meinerseits brachte Freund Kuno schleunigst nach und mit Kummer sahen wir die glatten Zentralgneisplatten, fugenlos aneinandergereiht, zum Gipfel aufragen. Es hätte der Steilheit wohl gar nicht bedurft, um ein Durchkommen unmöglich zu machen, denn sie waren auch noch mit einem mehrere Zentimeter starken Eispanzer überzogen. An ein Emporkommen in der Geraden war nicht zu denken. Schwärzliche Streifen zeigten sich an der Oberfläche des vor uns liegenden Eisfeldes, vom herabrinnenden Schmelzwasser herrührend, das auch den Neuschnee teilweise weggeschwemmt hatte. Östlich dieses Eisfeldes strebt ein gratähnlicher Pfeiler empor; den weiteren Verlauf konnten wir zwar von unserem Stande aus nicht sehen, aber auch unsere Niedergeschlagenheit war im Augenblicke dahin. Dort drüben war eine Möglichkeit, weiterzukommen – also hinüber! Dies war aber leichter beschlossen als ausgeführt. Vorerst kletterte ich am westlichen Rande des Eises so hoch als möglich hinauf; dann machte sich Freund Kuno, der Steigeisenbewehrte, von oben her gesichert, ans Stufenschlagen. Vorsichtig räumte er die etwa 20 Zentimeter starke Neuschneeschichte ab, bis er endlich im Eise den Tritt sicherstellen konnte. Eine Stunde dauerte es, bis sich Baumgartner durchgearbeitet hatte, dann durfte ich nachkommen. Wir saßen nun drüben auf schmalem Bande und ließen unsere Blicke umherschweifen. Während der Kletterei nahm der Fels unsere Aufmerksamkeit derart in Anspruch, daß wir nicht Zeit hatten, uns umzusehen, jetzt war es aber anders. Überwältigend war der Anblick und doch kam uns die Großartigkeit des Geschauten kaum zum Bewußtsein. Ein Gefühl des Verlassenseins legte sich schwer auf unser Gemüt. Kalt und schwarz war der Fels, der uns umgab, und die eingebetteten Eisfelder erhöhten noch das abweisende, unfreundliche Aussehen dieser Wand. Ungleich düsterer war der Eindruck gegenüber dem, den der Bergsteiger empfindet, wenn er in hellem, sonnendurchwärmten Fels der Kalkalpen einem Gipfel zustrebt. Seltsam war der Gegensatz zwischen der schwarzen Riesenwand, in der wir uns befanden, und den sanften Formen der Tuxer Vorberge, auf deren grasigen Hängen heller Sonnenschein lag. Weiter im Norden ragten die weißen Riffe der Kalkalpen zum Himmel; im Karwendel und Wetterstein grüßten wir liebe, alte Bekannte.

Ein eigenartiges Knirschen machte uns wieder auf unsere nächste Umgebung aufmerksam. Immer stärker wurde es, da ging plötzlich ein klaffender Riß durch die Stufenreihe und starr vor Staunen sahen wir den unteren Teil des Eishanges donnernd die Wand hinabstürzen. Aufgeregt sahen wir hinab zu den noch immer gierig geöffneten Schlünden des Gletschers, die soeben die Eislawine aufgenommen hatten. Dann lag alles wieder so ruhig da wie zuvor, nur in uns stürmte und wogte es weiter – unsere Phantasie arbeitete fieberhaft. – Sicher war durch die geschlagenen Stufen der innere Zusammenhang des Eises gestört worden; der tiefere Hang hatte keinen Halt mehr auf der Plattenunterlage und kam ins Gleiten. Wir hatten wohl zu viel gewagt, als wir den Eishang angriffen, doch das Glück stand ja bei uns und – wer hätte noch nie einen Fehler in den Bergen gemacht?

Etwas verstört machten wir uns auf den Weiterweg. Der Pfeiler, der nunmehr emporführte, war ein gar trotziger Geselle und nur ungern ließ er sich von nimmersatten Menschlein bezwingen. Doch gewaltig zog es uns empor, der Sonne entgegen, die den Fels über ihm heller aufleuchten ließ. Bald empfing sie auch uns, die wir so lange im kalten Wandschatten kletterten, mit ihren wärmenden Strahlen.

Wenige Dutzend Meter kamen wir in immer schwerer werdender Kletterei empor. Eis und Schnee überzog wieder das Gestein, erst in kleineren Flecken nur, dann aber in zusammenhängendem Felde. Der Pfeiler, auf den wir unsere Hoffnung stützten, wurde immer flacher und verlor sich einige Meter höher ganz im Eis. Bitterer Zwang war nun die Fahrt geworden; entweder über den dünnen Firn zum lockenden Gipfel, oder zurück durch die lange, lange Wand! Acht Stunden waren wir bisher unterwegs – nur noch 150 bis 200 Meter trennten uns vom Gipfel, und da sollten wir zurück? Aber den Gang über das Eisfeld anzutreten, dem widersprach wieder der kühle Verstand. Und doch siegte das Bergverlangen in uns! Wag’s und gewinn’s – wer begriffe wohl die Seele des Bergsteigers in solchen Lagen?

Drei Haken trieb ich in das morsche Gestein – wir wollten alle Vorsicht, die uns zu Gebote stand, anwenden. Das Rufen unserer Beobachter, das dumpf und warnend unser Ohr traf, verstummte erschreckt, als sich Freund Kuno anschickte, den Eishang anzupacken. Energisch beginnt er die Stufen zu schlagen. Zehn Meter geht es gut, dann aber klagt er über das schlechte Eis. Große Schollen brechen aus, wenn er nur ein wenig stärker schlägt. Vorsichtig und langsam meißelt er nun die Stufen. Das Eis ist so steil, daß er sich auch Griffe für die rechte Hand herausarbeiten muß. – – – –

Langsam, unendlich langsam geht es vorwärts. Das Eisfeld ist etwa 120 Meter hoch und 60 Meter breit; seine Neigung dürfte wohl gegen 50 Grad gehen. Zirka 20 Meter unterhalb wird die Wand überhängend. Die Eisstücke, die Kuno losschlug, tanzten den Hang hinab und flogen dann in weitem Bogen durch die Luft, hell aufleuchtend im Sonnenlichte. Doch auch dieses Schauspiel kann ich nicht lange mitansehen. Stumpfsinnig untersuche ich den Haken und Seile, müde und schläfrig werden mir die Sinne, jetzt, wo sie wach und angespannt bleiben sollten. Paul Güßfeld schreibt von einer ähnlichen Lage, in der er sich bei einer Tur über die Berninascharte (im Jahre 1878) befand, folgendes: „In dieser schwindelnden Höhe – denn das ist sie im buchstäblichen Sinne des Wortes – machte ich von neuem die Wahrnehmung, daß es absolute Schwindelfreiheit überhaupt nicht gibt und daß das, was wir so nennen, nur ein höherer Grad von Widerstandskraft gegen sinnverwirrende Einflüsse ist. Sie machen sich geltend, sobald die vier Hauptbedingungen: offene Abgründe, unsicherer Stand, erzwungene Untätigkeit und langes Verweilen, gleichzeitig vorhanden sind; sie äußern sich nicht im Taumel oder in dem Wunsche, um jeden Preis, also auch um den des Sturzes, aus der unerträglichen Lage befreit zu werden, aber man fühlt ihre Wirkung, wie wenn ein elektrischer Strom durch das Gehirn zöge.“

Ein Zuruf Kunos lässt mich auffahren aus meinem dumpfen Brüten – das Eis ist so dünn geworden, daß er bei jedem Hiebe die Gneisplatte durchspürt, ja manchmal sogar bloßlegt. Wir ermuntern uns gegenseitig zur Vorsicht, dann klingen wieder hell die Pickelschläge aus der Wand, von seinem Vordringen Kunde gebend. Länger und länger wurde der Schatten Kunos auf dem Eise, da huschte plötzlich ein düsterer Schatten durch die Wand! Erschreckt sahen wir, wie eben die Sonne hinten am Horizont verschwand. Keiner hatte auf sie geachtet, so kam uns die hereinbrechende Nacht überraschend. Es war halb 7 Uhr abends.

Fieberhaft schlägt nun Kuno die Stufen, aber immer noch trennt ihn ein Eisstreifen von den jenseitigen Felsen. Längst schon hatte ich das 40 Meter lange Reserveseil angeknüpft und in weitem Bogen lagen nun bald 70 Meter auf dem Eise. „Nur noch wenige Meter“ rufe ich hinüber, sehen kann ich ihn nicht mehr, denn es ist Nacht geworden. „Ich bin drüben“ kam es zurück und das Klirren eines Hakens wurde hörbar. Bald war die Sicherung geschaffen – ich riß die meine heraus und lief mit starr gefrorenen Füßen die Stufenreihe hinüber. Angekommen, klammerte ich mich zitternd und frierend an den Eisenring, aber wir hatten nicht Zeit, uns auszuruhen. Mit erstarrten Fingern seilte ich mich los und zog das 40-Meter-Seil gedoppelt durch den Ring. Wir waren etwas zu hoch gekommen und standen am Rande einer gewaltigen Platte. Nach ungefähr 15 Meter Abseilen erreichte ich ein Band, auf dem wir vereint stehen konnten. Kuno kam nach und während er das Seil abzog, machte ich die elektrische Lampe gebrauchsfertig. Gespenstig leuchteten die weißüberzuckerten Felsen auf, als der Lichtkegel über sie hinstrich. Die Freunde, tief, tief unten gaben durch Rufe zu erkennen, daß sie unser Lichtlein sahen.

Schwer war das Ringen um den Ausstieg, doppelt schwer durch die Nacht und Kälte. Nur immer wenige Meter beleuchteten Fels sahen wir vor uns. Sorgfältig mußten die Griffe vom Schnee gereinigt werden. Wilder Trotz, vereint mit Zuversicht, hatte sich unser bemächtigt. Durch mussten wir auf alle Fälle und unser Können wuchs mit den Schwierigkeiten, die sich uns in den Weg stellten. Je näher wir dem Gipfelgrate kamen, desto brüchiger wurde der Fels. Jeder dritte Griff brach aus, unwillig warf ich die tückischen Stücke in die Luft – Aufschlag hörten wir keinen – lautlos versanken sie im Dunkel der Nacht. Da endlich taucht die Grathöhe auf, die Wand wird weniger steil und nach wenigen Minuten drückten wir uns aufatmend und ernst die Hand. Dieser stumme Händedruck dort oben, nach dem Gefährlichsten, was wir je bestanden, war uns mehr wert, als tausend Freundschaftsbeteuerungen drunten im Tale. Dann legten wir das Seil ab, das uns durch die ganze Wand verbunden hatte, zum gemeinsamen Siege.

Gerne ließen wir uns jetzt zur wohlverdienten Rast nieder. Fahler Mondschein lag auf den Firnen der Zillertalkette – Mösele und Hochfeiler, die beiden Schönen und Gewaltigen, sie lagen uns ja gerade gegenüber. Stolz ragten sie hinein in den sternenbesäten Himmel. All die vielen Hochgipfel, die uns umgaben, nach aufwärts wiesen sie wie gewaltige Riesenfinger – – empor! Doch kein dauernder Aufenthalt sind diese ragenden Höhen für den Menschen im Tale, wußten wir doch liebe Freunde drunten im gastlichen Hüttlein.

Endlos lang schien uns der Abstieg über den Nordostgrat. Als wir drunten standen in der Alpeinerscharte und still das Seil aufrollten, ging es gegen Mitternacht. Dann liefen wir den Steig hinab zur Geraerhütte.
Dort, wo wir am frühen Morgen den Gletscher betreten hatten, blieben wir stehen. Wir waren wieder am Fuße der ungeheuren Wand, die uns so ungern durchgelassen hatte. Ruhiges Mondlicht lag im oberen Wandteile und beleuchtete die Stufenreihe, die schräg aufwärts durch das letzte Bollwerk führte. Fröstelnd zuckte ich zusammen – war es der Gedanke an ein Ausgleiten da oben, 800 Meter über dem Gletscher, oder war es der kühle Nachtwind? . . . ich weiß es nicht.

Die Nervenanspannung, die auf uns lastete, wich nur langsam. Kein Stein konnte mehr treffen und kein stürzendes Eisfeld uns in die Tiefe reißen; wir waren Sieger geblieben, weil wir viel gewagt – und Glück gehabt hatten, unbändiges Glück. Der Bergsteiger begibt sich ja auch in Gefahr, wenn er den Berg von der leichtesten Seite besteigt; immer aber hat er die leise Hoffnung, sie zu überwinden und dadurch neue Lebenswerte zu gewinnen. Je größer nun der Kampf mit den Berggewalten, umso tiefer auch die Befriedigung nach gelungener Fahrt!

Wenige Stunden noch barg uns das kleine Hüttlein, dann zogen wir in stiller Nacht, wie wir gekommen waren, wieder das Tal hinaus.

Friedl Pfeifer

Am 10. September, kaum ein Monat nach der Erstbezwingung, befanden wir uns auf der Prinz Umberto-Hütte: Zwei Freunde, Dr. Much Widschwendtner und Toni Haberl, die uns die Tur so weit als möglich erleichtern wollten, mein Bruder Paul und ich. An diesem Tag herschte noch schlechtes Wetter, das Einsteigen in die Nordwand war unmöglich. Der Morgen des 11. September versprach gutes Wetter. Er brach in zauberischer Schönheit an. Am Paternkofel leuchteten schon die ersten Sonnenstrahlen. Schwer bewaffnet für das Kommende stiegen wir unter den noch düsteren Nordflanken der Drei Zinnen dahin. Die ungeheuere Wucht und der senkrechte, oft überhängende Abfall unseres Zieles, wirkte überwältigend.
Rechts der großen, gelben und überhängenden Felszone war ein Sockel, über diesen klettern wir noch ohne Seil zum eigentlichen Einstieg. Um 8 Uhr früh stand mein zwanzigjähriger Bruder und ich, behangen mit zwanzig Karabinern, 18 Haken, zwei Seilen mit je 32 Meter und 30 Meter Reepschnur bereit. Und nun begannen die ersten Schwierigkeiten.
Paul packt an, es war eine Freude ihm zuzusehen; er meisterte die Sache glänzend. Nach etlichen Metern schnappt schon der erste Karabiner im den Haken. Ein äußerst schwieriger Quergang führt in die vollkommen glatt auftretende Wand hinaus. Hat der erste das Seil ausgegangen, dann läuft es durchschnittlich durch 10 bis 14 Karabiner. Damit keiner zu kurz komme, tauschen wir jede Seillänge im Vortritt. Übrigens hat gerade bei solch schwieriger Felsfahrt der zweite noch bedeutend mehr Anstrengungen auf sich zu nehmen, als der erste.
Die ersten 300 Meter sind im allgemeinen vollkommen senkrecht; noch dazu hängt die Wand oft so über, dass der kleinste Zug von oben den zweiten aus der Wand reist und ihn in der Luft baumeln lässt. Als wir hundert Meter hinter uns gebracht hatten, war es schon 2 Uhr nachmittag; wo die Zeit hingekommen ist, das weis der Himmel. Die folgenden hundert Meter waren etwas leichter, was man so unter „leicht“ in dieser Wand versteht. Es traten einige Risse und bessergriffige Stellen auf, dafür sind meines Erachtens diese hundert Meter die gefährlichsten, da zu der ungeheuren Steilheit noch starke Brüchigkeit kommt.
Um 7.30 Uhr abends erreichen wir einen der besten Standplätze des ganzen, etwa 300 Meter hohen, schwersten Teiles der Wand. Wir erwählten ihn sofort als Beiwachplatz; bis hierher kamen die Italiener in zwei Tagen. Ein Gefühl aus Freude und Stolz beseelte uns und wir fanden noch Zeit, das letzte Licht des sterbenden Tages mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Ganz aufrichtig gesagt, war es eine meiner schönsten Beiwachten, allerdings nicht gerade die bequemste. Unsere beiden besorgten Freunde kamen nochmals zum Einstieg, um uns herzlich gute Nacht zu wünschen und das hat uns ungemein gefreut. Wir fühlten uns wie geborgen. Die Nacht verlief sehr gut, wir schliefen sogar sechs bis sieben Stunden. Paul, der ganz ausgiebig geschnarcht hat, war unglaublich begeistert von seinem ersten Biwak. Der Morgen war kühl, Dolomitenzauber hatten wir nicht zu erwarten, Nebel leckte von den Tälern herauf, der Himmel war grau. In solchem Fall heißt es: heraus aus den schweren Stellen, sonst geht’s schief. Die nun folgenden zwei Seillängen, 60 bis 70 Meter sind das Schwerste des ganzen Aufstieges; sie kosteten uns trotz schnellen Gehens fünf Stunden. Um diese Zeit fing es schon leicht zu regnen an. Nach einer weiteren Seillänge hatten wir die grimmigsten Stellen hinter uns; es war 1.30 Uhr geworden. Ein Gefühl der Erleichterung zieht ein, wenn man so ungefähr 30 bis 40 Meter ohne Haken hinausturnen kann. Freilich dauerte es nicht lange, dann geht’s wieder Seillänge um Seillänge über senkrechten Fels empor. Riß, Ueberhang und wieder Riß usw. Unsere Finger waren schon ausgelaugt vor Nässe und Kälte. Die Wand will schier kein Ende nehmen. Im Galgenhumor singen und pfeifen wir: „Nur immer lustig empor zum befreienden Licht“, wie es so oft heißt. Uns war das Gegenteil beschert; wir kamen ins Dunkel. Der Ausstieg zum Gipfel war zudem noch sehr brüchig. Der erste löste unheimlichen Steinschlag aus, dem ich, der ich gerade zweiter war, mit knapper Not entgehen konnte; beide Seile waren durchgeschlagen. Aber gleich nach diesem Ereignis standen wir auf dem Gipfel der großen Zinne. Wir haben uns in übermenschlicher Freude die Hände gedrückt und spürten es kaum, wie der eiskalte Wind durch die durchnäßten Kleider bis auf die Knochen brannte. Der Berg war erstiegen. Nicht der ärgste Sturm konnte uns den Sieg noch streitig machen.
Bis 11 Uhr nachts suchten wir vergeblich nach dem richtigen Abstieg. Alt Kriegssteige haben uns genarrt und so wurden wir zur zweiten beiwacht gezwungen. Diese Nacht war lang, aber auch schier unerträgliche Stunden gehen zu Ende. Leichtes Dunkel liegt noch in den Tälern. Bald siegt das Licht, der neue Tag bricht an und bald stehen wir wieder unten im Kar; die beiden Freunde drücken uns mit innigem Glückwunsch die Hand.
Vor der Hütte trat uns mit aufrichtiger Freude im Gesicht der eine Dimai, der Erstersteiger, entgegen, der eigens von Cortina heraufgekommen war, um uns zu beglückwünschen. Es freute uns; das war sportliches Denken.
48 Stunden stakten wir in den Felsen der Großen Zinne, 22 davon entfielen auf die reine Kletterzeit. Es war meine schwierigste Bergtur.

Peter Aschenbrenner
Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht von 1932 und 1933

Hütteneinweihung am Stripsenjoch 23. Juni 1935

Peter Aschenbrenners Hütteneinweihung wollten wir mit ihm in frohen Stunden erleben. So sollte auch der Plan zu einer motorisierten Ausfahrt des ganzen Klubs einmal Wirklichkeit werden. Eine schöne Kolonne mit fast 25 Leuten war beisammen, doch als es wirklich zur Abfahrt kam, sind es halt weniger geworden. Schade, doppelt schade für die, die nicht mitgefahren sind. Am Samstag  war Treffpunkt Holzhammergarage. Pünktlich waren wir da, der Matzi, Hans, die beiden Toni und ich. Der Toni läßt sich noch kurz den Wagen, den er ja noch nie gefahren war, erklären und schon fahren wir durch die Stadt hinaus, dem Kaiser entgegen. Unser Toni hatte die Flausen des Fiat 501 auch bald heraußen und so drückte er mächtig auf den Benzinhebel und flott und lustig fuhren wir das Unterland entlang. Schwaz, Wörgl, Ellmau lagen schon hinter uns, als wir auf einmal unseren Pfiff hörten. Zuerst glaubten wir, es pfeift jemand aus den Stauden heraus, doch dann war es der Pischl Rudl, der mit seinem Chrysler hinter uns her war. Benno mit gezückter Leica, aufrecht im Wagen stehend, knipste uns. Dahinter im Reisekoffer entdecken wir Pipex und den Kasper. Daß die 80 Pferde des Rudl uns vorfahren wollten war ja begreiflich und so ging es St. Johann und Kirchdorf entgegen. In Griesenau knöpfte man uns noch 2,50 Schilling Mautgebühr ab und dann ging es weiter. Von dort weg wurde die Fahrt immer reizvoller. Mitten durch Wiesen schlängelt sich der schmale Almweg, gerade recht zum Langsamfahren und so recht zum Schauen und Freuen. Dieses Stück Erde ist so schön, daß man nicht viel erzählen, aber viel erleben kann. Die sanften Hügel mit ihrem feinen Grün und den schönen Blumen leiten den Blick über Tannenwälder hinauf zu den Nordabstürzen des Wilden Kaisers. Ein Fleck Heimat, das jeder einmal sehen soll. Mit Spannung erwarten wir die Hindernisse eines Almweges und schon geht es los. Der erste Gatter, den unsere Vorfahrer natürlich wieder zugemacht haben, aber dahinter ein vermurter Bach und kein anderer Weg als eben mitten durch. Rudl tritt, bewußt seiner Pferdestärke, auf den Hebel und schon schaukelt der Wagen durch den Bach. Das Wasser kommt bis zu den Achsen heran, wild spritzt es über den Kühler, ein Bild als ob wir im Kaukasus fahren würden. Jetzt wir mit unserem kleinen Fiat. Etwas stutzig sitzt der Hans neben unserem glatzerten Toni. Matzi springt aus dem Wagen, ob aus Angst oder sonst warum weiß keiner, nur will er uns fotografieren. Er knipst und grinst bei unserer Bachdurchquerung, ein kleiner Umweg, und er sitzt wieder im Wagen. Nun geht es weiter, jeder wartet eigentlich – wie wird sich das noch weiter entwickeln. Nicht lange dauert es, so stehen vor uns auch die anderen. Alle sind aus dem Wagen heraußen und jeder lacht uns entgegen. Wieder ein Murgang, Steinblöcke und Holz versperren den Weiterweg. Da beginnt unsere Arbeitsschlacht. Aber 8 Händepaare machen auch für den Rudl seinen Kasten bald den Weg frei. Benno als Bauleiter schafft nur an und knipst uns. Allein die 80 Rösser hätten es nicht geschafft, unser Ho – ruck und unser Antauchen bringt den Wagen sprungartig über die Hindernisse hinweg. Beinahe wären wir in den Bach geflogen und beinahe hätte ein Felsblock dem Rudl nicht nur seinen neuen Lack auf dem alten Wagen, sondern auch noch das Trittbrett abgeschleift. Wie werden wir die Griesneralm erreichen, wenn es so weiter geht. Aber glücklich sind wir dort doch noch gelandet. Wohl kamen noch einige schmale und heikle Stellen, auch die letzte Steigung war genommen und so standen wir inmitten des Almbodens, mitten in einer Kuh- und Schweineherde, die recht saudumm unsere Vehikel beschnupperten. Oben grüßten die Kaiserwände mit ihren bekannten Namen herunter und nur 1 Stunde ober uns lag das Stripsenjoch.

Gestärkt zogen wir das nette Steiglein hinauf, wo uns oben Pauli und Peter empfingen. Für mich, der ich noch nie im Kaiser war, nahm das Schauen und Staunen kein Ende; links Wände, Gipfel, schneidige Grate und rechts das sanft abfallende Alpenvorland, westwärts in der Abendsonne die Gipfel der auslaufenden Karwendelkette, unter uns das schöne Kaisertal, ostwärts die Loferer Steinberge im letzten Glühen der Abendsonne. Ein Platz, wie ich ihn nicht oft in den Bergen gesehen habe. Peter stellte uns seine liebe Gattin vor und zeigte uns die Hütte; fein und sauber hat er es da oben. Aber wir stürmten wieder hinaus, hinauf zum Jochkreuz, und da war so richtig Feierabend. Mag ein Gipfelerlebnis nach einer schönen Bergfahrt erhebend und mächtig sein, ebenso schön war es vielleicht auf der Bank, neben dem Kreuz im letzten Abendschein beisammen zu sitzen und mitzuempfinden, wie jeder sich freute, frei zu sein in unseren Bergen – und sich freut, weil auch der andere so viel Freude miterlebt. Nicht lange hat es gedauert, dann kamen der Kuno und der Karele und die beiden Seiwalds vom Kaisertal herauf.

Endlich wollte der Magen auch etwas haben und wir hockten uns, nach einigem Hin und Her an einem runden Tisch zusammen und begannen, die Erzeugnisse von Peters Küchenchefin durchzukosten. Gut kann sie kochen und teuer ist sie auch nicht. Natürlich hatte der eine oder andere noch manche Erkundungsfahrt in der Hütte vor, aber fast alle endeten in der Küche und jeder gab vor, nur zu schauen, was es zum Abendessen gibt. Langsam dunkelte es und so entwickelte sich ein netter Hüttenabend. Janko war mit einigen Kufsteinern auch schon da und mit dem „Willkommen liebe Freunde“ leiteten wir unseren Abend ein. Erzählungen, Lieder, spitzfindige Pflanzereien und mancher Ulk, nicht zuletzt der gemäßigte Genuß von Wein und Bier ließ die Abendstunden leider nur zu schnell verstreichen. Peters Gattin wurde besonders begrüßt und mit Wein begossen und zu bald war es schon l2 Uhr geworden. Die Benzingase waren merkwürdiger Weise in uns gedrungen und so hatte zum Beispiel der Pischl Rudl zwischen Pipex und mir manch saftige Prise als Kostprobe bekommen. Es scheint ihm dadurch schlecht geworden zu sein, denn bleich wie eine Wand fanden wir ihn im Freien mit verstauchtem Fuß und ausgeleertem Magen. Er gab natürlich nicht zu, was eigentlich los war – aber wir ahnten es. Um halb 1 Uhr kamen die Motorradler daher, die 3 Hansln, Konzert, Hansl der Schmalspurige und Wanitschek, sowie der wenigbelockte Bischofer Hermann. Schon damals hatten wir festgestellt, wie gut das Matratzenlagen ist, und so legten wir uns bald nieder, um wenigstens nicht gar zu kurz dieses Lager genießen zu können.

Am frühen Morgen ging der Betrieb schon los. Der Erzbischofer weckte den Toni: „Du, wir haben verschlafen, steh auf.“ Wie eine Rakete war der Toni aus den Decken heraußen, stand ihm doch eine langersehnte Bergfahrt bevor, die Fleischbank Ostwand. Etwas später krochen auch wir heraus. Am meisten hatte jedoch der Kaspar Mühe, den langhaxerten Benno zu wecken. Der war eine halbe Stunde nach dem Aufstehen auch noch nicht wach. Die Morgensonne stach ihn so fest in seine müden Augen, daß er ganz traumverloren seinen Kaffee schlürfte; ich meine, so richtig aufgewacht ist er erst, als die Kletterei losging. Jeder strebte so nacheinander seinem gesteckten Ziele zu. Matzi, Lenz und Janko wollten dem Peter endlich einmal zu einer anständigen Kletterfahrt verhelfen und schickten sich an, ihn über den Führerweg auf das Totenkirchl hinaufzuziehen. Pipex und Pauli strebten dem Predigtstuhl zu, die beiden Seiwalds und der Konzert Hansl einer der Kaminreihen des Predigtstuhles, Kuno, Karl, Fritz Toni und ich gingen dem Steiglein zum Einstieg in die Ostwand des Totenkirchls nach, nur der Pischl Rudi blieb zurück. Schlafen, schlafen und erholen war seine Lösung.

Ich hatte so ein merkwürdiges Gefühl. Kaiserkletterei war für mich schon lange eine Sehnsucht, aber auch eine Angst. Der Wille war ja da, aber langt mein Können, langt meine Kraft? Mit manchem Gedanken beschäftigt langten wir am Einstieg an. Zwei Kufsteiner waren schon über denselben hinaus. Noch einmal studierten wir unsere Wegbschreibung und dann stieg der Toni über die Randkluft in die Felsen ein. Ganz nett steil und kleingriffig ging es an. Aus einem Riß hinaus nach links, und das wollte mir schon nicht recht gelingen, doch der Kuno brummte hinter mir: „Geh schon einmal weiter“. Ich merkte, daß ich halt doch ganz ohne Übung das erste Mal im heurigen Jahr im Fels war. Es folgte Seillänge um Seillänge. Der Toni schob seine 95 Kilo mit Kraft und Eleganz höher, querte nach links über eine Rippe und wieder hinauf und wieder nach links. Nur hie und da schreckte uns ein Steinschlag von oben. Unserem Ziel, ein schwarzes Loch im oberen Teil der Wand, strebten wir zu. Einmal waren wir wohl eine Seillänge zu hoch gekommen, doch in wunderschöner, luftiger, aber durchwegs fester Kletterei langten wir unter einem Dach beim schwarzen Loch an. Dort hielten wir einmal Rast, Brot und Zucker ersetzten etwas unsere aufgebrauchten Kräfte, und weiter ging es nach rechts in einen schiefen Spalt hinauf zu einem schiefen Kamin. War die Fahrt schon lange luftig, so sollte jetzt die schönste Stelle kommen – und richtig, der Kamin teilt einen großen Überhang, und diesem Kamin entlang schiebt man sich schief nach aufwärts. Ein eingeklemmter Block zwingt den Kletterer hinaus und nun ist man so recht luftig etwa 400 Meter über dem Kar. Nur kurz gleitet der Blick hinab, dann ist auch diese Stelle überwunden. Mit Bewunderung schaue ich dem nachkommenden Kuno zu, wie er so ruhig und sicher eine Seillänge nach der anderen meistert. Oft mag dabei wohl auch Neid gewesen sein, aber es ist halt so. Tschaler liest: Im nördlichen Teil der Schlucht empor, hinauf zur Scharte am Grat. Von oben hören wir schon die anderen, die dem Gipfel zustreben. Nun noch die letzte Seillänge. Langsam, aber gleichmäßig läuft das Seil durch meine Hände. Da muß es wahrscheinlich ganz nett hergehen. Auch der Kuno meint, diese Seillänge dauert eigentlich zu lange. Aber auf einmal hör ich den Toni: „Nachkommen, ich bin auf der Scharte, das war das bärigste Stück.“ Ein netter Riß führt nach aufwärts, fein kleingriffig und steil. Langsam schiebe ich mich hoch, glaube einmal verkehrt im Riß zu stecken, aber es geht doch. Oben höre ich den Toni; „riesige Berge, steile Felsenwand“ singen, und mit den Gedanken, der ist schon draußen, der hat ja leicht singen, ich muß da noch schieben und aufpassen und so komme ich langsam höher und zu ihm hinauf. Die anderen zwei folgen bald nach, und so streben wir dem Gipfel zu, wo uns die anderen schon erwarten.

Es ist wohl schon eine lange Zeit her, daß so viele Karwendler sich zum Gipfelsieg die Hand reichten. Nicht lange dauerte es, und da kommt der Altmeister der Kletterzunft, Nieberl mit Frau, herauf. So sitzen wir am Gipfel, lassen uns die nächsten Berge erklären und freuen uns miteinander und füreinander. Die beiden Hansln können wir von der Westwand nimmer erwarten und so steigen wir nach schöner Rast wieder ab. Hintereinander geht es mit viel Rutscherei die Kaminreihe hinunter zum Führerweg. Bald hatten wir uns verlaufen. Der Much Wildschwendtner wies uns wieder den richtigen Weg. Gerade schnell sind wir nicht in die Tiefe gekommen, doch mit so vielen Leuten dauert es eben länger. Aber lustig war es doch, so manchem zuschauen zu können, wie er die schlutzigen Rinnen abwärts gleitet. Mit Staunen stellen wir nur immer wieder fest, wie unser Matzi diesen Weg gemeistert haben muß, für ihn doch eine nette Leistung. Er hat auch damit selber die größte Freude gehabt. In der Hütte kamen wir so hintereinander wieder zusammen. Alle hatten ihr Vorhaben erreicht, aus jedem leuchtete das stolze Glück, wieder eine richtige Bergfahrt erlebt zu haben. Nur der Hans war mit seiner Tagesarbeit nicht recht zufrieden. Den Westwandeinstieg hatte er wohl gefunden, aber er konnte es nicht glauben, daß er es sei und so suchte er 5 Stunden lang die Wand ab und ist dann schließlich durch die Piaz-Wand emporgeklettert. Er hatte sich schon in den halben Erfolg hineingefunden, nur als der Peter meinte: „dös darfst aber niemand sagen, denn da lacht dich ja jede Kuh aus, daß du den Westwandeinstieg nicht gefunden hast“, da stieg in ihm ein nicht ganz kleiner Groll auf. Durch eine zünftige Knödelsuppe beruhigte Peter aber wieder den Hitzkopf.

Da war es auch schon Zeit geworden, an die Heimfahrt zu denken. Abschied nehmen von dort ist einem eigentlich gar nicht leicht gekommen, denn jeder hätte wohl gerne noch einen Tag dort oben verbracht, doch wir mußten heimwärts. Peter, Paul und seine Frau begleiteten uns vor die Hütte hinaus, der Kuno knipste das junge Ehepaar, das so traulich beieinander stand, ein dreifaches Bergheil, und abwärts ging es, unseren Wagen zu. Noch oft suchte der Blick die Wände ab, oft schauten wir zu den Gipfeln zurück, die uns heute Kampf und Sieg gegeben hatten, und in jedem war so der Wunsch lebendig geworden, daher muß ich wieder kommen.

Die Fahrt durch das Tal hinaus ging glatt vor sich, auch die Bachüberquerung bedeutete für unsere Wagen kein besonderes Hindernis. Oberhalb Griesenau ist ein Staubecken mit ganz sauberem grün leuchtendem Wasser. Die vier mit dem Chrysler blieben noch dort, warfen die verschwitzten Kleider von sich und sprangen splitternackt in das grüne Naß. Wir waren nicht so reinlichkeitsbedürftig und fuhren weiter. Langsam schoben sich die langen Schatten über die weiche Landschaft der Schieferberge um Kitzbühel, bald grüßten uns die Südabstürze des Wilden Kaisers und draußen im Inntal kamen die Berge des Karwendels immer näher. Die Gegend verdient so richtig den Namen: lieblich. Die weiten Täler mit den rundlichen Gipfeln, die grünen, blumenübersäten Wiesen und die netten Unterländer Bauernhöfe sind ein Bild, das jeden freut und Erbauung bringt. In Matzen halten wir noch einmal, ein letzter Imbiß und ein Bierlein bringen den Magen zu seiner Zufriedenheit und dann ging es heimzu.

Diese beiden Tage waren so recht das Erleben, das wir in den Bergen miteinander suchen. Diese stille Zufriedenheit und das schöne einsame Glück ist die Quelle, wo unsere Kameradschaft immer wieder neu gestärkt wird, wo unsere Sehnsucht zu neuen Taten, zum gemeinsamen Erleben lebendig wird. Möge es wieder einmal gelingen, eine solche gemeinsame Fahrt zu unternehmen und dann sollen auch die mittun können, die diesmal nicht dabei waren.

Am 1. September 1935 zogen Hermann Treichl und ich bei Laternenschein über Moränen und Eis dem Einstieg zu; die Gedanken weit voraus, in der Wand. Wie wird es uns gehen? Zugleich aber dachten wir an die Bergsteiger, Heinrich Lettenbichler und Max Huber, die am 4.Juli 1932 auf diesem Anstieg einer Eislawine zum Opfer fielen.

Um den Hängegletscher, den Königswandferner, zu umgehen, benützen wir den üblichen Anstieg zum Mitschergrat und betraten den Ferner erst oberhalb des zerklüfteten Teiles. In der Fallinie des Gipfels einzusteigen war ganz unmöglich; denn mächtige Eisüberhänge wölbten sich über die Randkluft. Etwas recht der Fallinie erkannten wir die schwächste Stelle, die aber ebenfalls nur mit harter Arbeit zu überwinden sein dürfte. Ausgerüstet mit Eis- und Mauerhaken, stiegen wir um ½8 Uhr morgens in die Wand ein. Freund Hermann, erklärte sich gleich bereit den Kampf zu beginnen.

  Ununterbrochen rasten Windfahnen die Wand herab und bedeckten uns und alles um uns mit feinem Pulverschnee. Mein Gefährte hatte es nicht leicht, bei diesem Sturm an der steilen Eiswand emporzukommen. Ich konnte ihn bei seiner schweren Arbeit kaum beobachten, denn bald war mein Gesicht mit einer Eiskruste überzogen. Nur am Seil, das sehr langsam durch meine Hände lief, war zu verspüren, daß der erste ordentlich zu schaffen hatte. Vorsichtig, um ja nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hackte er Griffe und Tritte aus. Ein plötzlich mit unerwarteter Kraft daherfegender Windstoß warf Hermann aus seinem unsicheren Stand und schleuderte ihn kopfüber in den Pulverschnee hinab. Zum Glück war nichts passiert. Hermann stand gleichwieder auf den Füßen; er schüttelt sich den Schnee von seinen Kleidern und spielte nachher auf seiner Mundharmonika den „Auftriebsmarsch“. Noch einmal, mit noch größerer Vorsicht, packte er den steilen Eishang an. Ich hatte schon ganz kalte Füße, als ich endlich das ersehnte Wort „ Nachkommen!“vernahm. Die Stimmbänder mußten gewaltig angestrengt werden, wollte man sich bei diesem Sturm verständlich machen. Kaum daß ich die Worte „schlechter Stand“ vernehmen konnte. Langsam stieg ich nach. Wir verwandelten unsere zerlegbaren Pickel in Eisbeile, denn die Eiswand wurde zunehmend steiler. Dann bemühten wir uns allmählich nach links in die Fallinie des Gipfels zu gelangen. Doch dabei stellten sich uns große Schwierigkeiten in den Weg. Die vereisten Felsen waren mit einer Pulverschneeschicht bedeckt. Bei schlechter Sicherungsmöglichkeit mußten wir jeden Griff und Tritt freilegen, was diese Querung äußerst schwierig gestaltete. Eishaken war hier überhaupt keiner anzubringen und auch die Felshaken fanden hier nur schlechten Halt. Mein Gefährte stieg nach, wir wechselten wieder n der Führung und er arbeitete sich an einer Felsrippe hoch. Nur in den erstenVormittagsstunden schien die Sonne in die Wand hinein; aber dies genügte um so manchen Fels und Eisbrocken von ihr zu lösen. Langsam ging es aufwärts. Ich beobachtete gespannt jede Bewegung meines Kameraden, der ruhig und sicher eine weitere Seillänge erkämpfte. Dann fiel mir die Aufgabe zu, einen heiklen Quergang anzulegen. Kurz wurde überlegt, wie dieser am besten gelingen könnte. Ich stieg einige Meter ab und versuchte den Quergang von dort anzupacken. Schneebedeckte Platten, über die hinweg zu kommen nicht möglich war, verwehrten mir nach einigen Metern das Weiterkommen. Mit Benützung kleiner Griffe schob ich mich wieder höher. Jetzt schien es aber endgültig Schluß zu sein. Ich trieb noch rasch einen Haken ein.
Und was nun? – Zurück?
Soll unser fester Glaube an die Bezwingung der Wand an dieser Stelle sein Ende finden? Nein – es muß gelingen! Der Haken sitzt ja gut. DA wagte ich einen großen Spreizschritt nach links. Der Fuß fand nur geringen Halt und ich wühlte, nach Griffen suchend, mit den Händen im Schnee herum. An einem festgefrorenen Felsblock verkrallt, ohne die geringste Sicherheit, überwand ich diese schwere Stelle. Um eine brüchige Kante mußte ich noch herum, dann konnte der Gefährte, durch einen guten Standhaken gesichert, nachfolgen. Eine Seillänge noch und wir hatten den schwersten Teil der Königsspitze Nordwand hinter uns. Endlich konnten wir uns Zeit nehmen, um unseren Hunger mit Zucker, Brot und Äpfeln zu stillen. Wie waren wir aber erstaunt, als ich die Uhr zog und wir die Feststellung machen mußten, daß es bereits 2Uhr nachmittags war. Nahezu 12 Stunden waren wir also schon unterwegs. Um ½3 Uhr früh hatten wir die Schaubachhütte verlassen.

  Weiter weiter! drängte eine Stimme in uns sonst steht uns noch eine Beiwacht in völlig durch-näßten Kleidern bevor. Uns graute schon beim Gedanken an so etwas. Das Eis hatte nun an manchen Stellen seine harte Beschaffenheit geändert. So gelangten wir teilweise rascher höher. Der Vorangehende stieg stapfend, bald stufenschlagend eine Seillänge empor, schlug dann einen Eishaken, sodaß der zweite flott nachgehen konnte. Hermann konnte seine Begeisterung über die Eishaken nicht oftgenug bekunden; für ihn waren dieselben nämlich etwas Neues. Es folgte wieder Blankeis, Stufe reihte sich an Stufe. Die Hand, die den Pickel umfaßt hielt, begann zu schmerzen. Vorwärts! Weiter! Das Eis war hier besonders gut, die Haken saßen immer bis zum Ring im Eis und boten so die bestmöglichste Sicherung. Wie aber sahen sie nachher aus, verdreht und verbogen nach allen Richtungen. Ein Versuch, die so verunstalteten Haken auf dem Eis wieder geradezuklopfen, endete kläglich.

  Über uns hing die riesige Gipfelwächte herab. Drohend, wie ein Wächter, schien sie uns den Aufstieg zum Gipfel zu verwehren. Wir sagten uns, darüber hinwegzukommen ist unmöglich, sie muß nach links umgangen werden. Um 7 Uhr abends standen wir knapp unter der Wächte. Es begann bereits zu dunkeln. Hermann, der vor Kälte und Nässe kein Gefühlmehr in den Füßen hatte, überließ mir die weitere Führung. Um möglichst rasch vorwärts zu kommen, schlug ich die Stufen so weit als möglich voneinander entfernt. Ich schlug Kerbe um Kerbe, bald mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand. Der Arm, die Finger schmerzten, schlaff hing der Pickel im Gelenk. Ich mußte einen Haken schlagen und kurze Zeit rasten. Hermann stieg nach. Um uns herrschte bereits völlige Dunkelheit. Es war ein unsicheres Tasten nach Tritten; drei, vier Hiebe und mit einigen Zacken fand der eisenbewehrte Fuß Halt. Man konnte die Stufen mehr ahnen als fühlen. Weit kann es ja bis zum erlösenden Grat nicht mehr sein, vielleicht 40 Meter noch, sagte ich. Mit dieser Schätzung hatte ich mich jedoch gewaltig geirrt. Denn es war nur eine Eisrippe, die ich in der Dunkelheit für den Grat gehalten hatte. Eintönig fast stumpfsinnig wurde die ewige Stufenarbeit. Einmal wird er wohl kommen müssen, der Grat, bemerkte ich in tröstendem Selbstgespräch. Aus den 40 Metern wurden 150 Meter. Endlich hob sich der ersehnte Grat vom sternenbesäten Himmel ab. Bald standen wir auf seiner Schneide und schüttelten uns die Hände.

Den Gipfel zu so später Stunde – es war bereits 9 Uhr abends – noch zu betreten, ersparten wir uns. Wir waren heillos froh, endlich aus dieser Wand herausgekommen zu sein und freuten uns schon auf einen heißen Tee. Darum eilten wir den Grat abwärts. Bald stießen wir auf einen alten Kriegsunterstand, in dessen Holzgrube wir allerdings nur in zusammengekauerter Haltung Platz fanden. Alsbald surrte der Kocher und wir ließen uns den Tee und die aufgewärmten Schnitzel bei Kerzenschein gut schmecken.

Als das letzte Kerzenstümpflein verlöscht war, tappten wir in der Dunkelheit, immer noch mit den Zehnzackern an den Füßen, über harten Firn und plattigen Fels abwärts. Jetzt erst erkannten wir den Vorteil, dass wir die Königsspitze einige Tage früher über den Normalweg bereits besucht hatten. Um ½3 Uhr früh, also genau 24 Stunden seit unserem Aufbruch langten wir wieder bei der Schaubachhütte ein.

Nach langem, wohltuendem Schlaf rollten wir uns wieder aus den Decken heraus und traten, mit einem Fernglas bewaffnet, vor die Hütte. Noch einmal verfolgten wir unseren Weg von gestern und unsere Gedanken kreisten zurück in die Vergangenheit, als Hans Ertl und Hans Brehm am 5. September 1930nach elfstündigem harten Kampf die Wand erobert hatten.

Noch müde und abgekämpft stiegen wir nach Sulden ab; doch Freude lag im Herzen über unseren Sieg und über unser Glück.

Paul Ashenbrenner

Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht von 1934 und 1935

Karwendler Westalpenfahrt 1937

Lange noch werde ich an jenen Klubabend zurückdenken, an dem unsere gemeinsame Auslandsbergfahrt endgültig beschlossen wurde. Ich durfte mit meinen Klubbrüdern einen Bergsommer verbringen und mit ihnen jenen Wunschtraum verwirklichen, der mich schon jahrelang im Banne hielt, den ich mir schon vor Jahren als mein Endziel gesetzt hatte: „Nordwände in den Berner Alpen“. Jene Wege sollten es sein, die Willi Welzenbach vor wenigen Jahren eröffnet und die ihm Krönung seiner alpinen Tätigkeit waren. Dieses große Ziel mit meinen Klubbrüdern in die Tat umzusetzen, erschien mir als eine doppelt schöne Aufgabe.

Dr. Karl Deutelmoser, Paul Aschenbrenner, Hans Frenademetz, Hermann Bischofer, Erich Falschlunger und ich waren die Glücklichen, welche an der durch Opferwilligkeit und Gemeinschaftssinn aller Klubbrüder geschaffenen Westalpenfahrt teilnehmen durften. Peinlichste Vorbereitung in der Ausrüstung und der Aufstellung eines genauen Fahrtenplanes beanspruchten viel Zeit, doch sie wurden zum schönen Vorerlebnis für die kommenden großen Tage.

Am 9. Juli um 7 Uhr abends verabschieden wir uns von den Klubbrüdern und fahren westwärts. Leider haben wir teilweise Regen, der uns die schöne Landschaft im eintönigen Grau zeigt. In uns allen aber herrscht sonniger Humor, der sich durch nichts verscheuchen lässt. Bei strömendem Regen erreichen wir von Interlaken durch das Lauterbrunnental Stechelberg, welches der Ausgangspunkt für sämtliche Fahrten werden soll.

Mit einem kräftigen Händedruck danken wir unsere beiden Kameraden, die uns mit ihren Wagen hieher gebracht haben.

11. Juli: Bei leichtem Regen steigen wir schwer bepackt bergwärts. Für das wegsame Gelände, ungefähr die Hälfte des Aufstieges, mieten wir ein Maultier, das einen gewaltigen Teil unseres Gepäcks, zirka 100 Kilo, auf den Rücken nimmt. Am Spätnachmittag stehen unsere Zelte in einer bunt gefärbten Wiese unweit der leeren notdürftigen Hütte der Oberhornalp. Dieses bescheidene aber reizende Plätzchen soll uns als Ausgangspunkt dienen für die Ersteigungen der Tschingelhörner, des Breithorns, Großhorns und Mittaghorns. Den Nordwänden der eisigen Umrahmung des Lauterbrunnentales soll also unser erster Angriff gelten.

Es folgen zwei graue, kalte Regentage. Eng zusammengerückt hocken wir im Zelt und vertreiben die lange Wartezeit mit Gesellschaftsspielen oder mit Vorlesungen aus alten Zeitungen durch unseren „Expeditionsarzt“ Doktor Deute, wie wir Deutelmoser nennen.

Ab und zu läßt uns das Krachen der Lawinen aufhorchen und wenn wir dann für Minuten einzelne Gipfel mit ihren haltlosen Flanken aus dem brauenden Gewoge wachsen sehen, dann stehen wir wie gebannt und schauen mit banger Freude die Ziele unserer Wünsche.

Als wir am 14. Juli um 4 Uhr früh aus den Zelten spähen, wölbt sich stahlblauer Himmel über uns. Das Wetter hat uns genarrt. Rasch wird gepackt und gerüstet und um 6 Uhr früh verlassen wir das Lager. Wir beschließen, die Nordwände des Großen und Kleinen Tschingelhorns anzupacken, die wir noch unerstiegen wissen. Während Pauli, Karl und Erich in die Nordwestwand des Großen Tschingelhorns einsteigen, versuchen Hermann und ich die Nordwand des Kleinen. Nach fünf Stunden hartem Ringen stehen wir auf dem sonnigen Gipfel mit dem beglückenden Gefühl, einen neuen Weg geschaffen zu haben. Auch die Freunde haben das Ziel auf neuem Wege erreicht. Vom ersten Erfolg, vom Erleben dieses schönen Bergtages beseelt, erreichen wir beim Scheiden des Tages das Lager.

Der nächste Tag ist mit strahlender Sonne angebrochen. Wir steigen zu Tal, um Proviant zu holen. Auch Post von den Klubbrüdern wartet auf uns. Am Abend geht ein schweres Gewitter nieder, welches den Auftakt für einige Schlechtwettertage wird. Vier Tage vergehen nach dem strahlenden Tag an den Tschingelhörnern. Sie bringen Regen und Schnee und zermürben unsere Tatenlust. Dann kommt aber wieder schönes Wetter.

Um 1 Uhr früh des 18. Juli verlassen wir das Lager und streben unseren Zielen zu. Karl und Hermann haben sich die zweite Begehung der Mittagshorn Nordwand als Werk des heutigen Tages gesetzt. Pauli und ich wollen die 1250 Meter hohe Nordwand des Großhorns versuchen, Erich, der heute in schlechter Verfassung ist, will allein das Mutthorn ersteigen.

Mit dem Verblassen der letzten Sternlein beginnen wir die Stufenleiter zum Gipfel des Großhorns. Es wird ein hartes Ringen um jeden Meter dieses eisgepanzerten Weges und um acht Uhr abends, nach 18stündiger Arbeit, stehen wir auf der gleißenden Gipfelwächte, in der wir uns für die kommende Nacht eingraben.

Gegen Mittag des nächsten Tages sitzen wir mit Erich vor den Zelten und beschauen freudestrahlend unseren großen Weg. Erst am Abend, knapp vor Einbruch eines krachenden Gewitters, kommen die Freunde vom Mittaghorn aus dem Lötschental zurück.

Wieder stellen Schlechtwettertage unser Warten für das nächste große Ziel auf eine harte Probe. Immer, wenn wir zu früher Stunde vor den Zelten stehen, ziehen regenschwangere Wolken umher, in den Wänden krachen die Lawinen. Tagsüber aber ist dann oft wieder strahlender Sonnenschein.

24. Juli: Fahles Mondlicht begleitet uns bald nach Mitternacht hinauf zum Breithorngletscher. Karl und Hermann wollen über die Lauperroute das Westliche Großhorn ersteigen. Pauli, Erich und ich streben dem Breithorn zu, dessen Nordwand 1300 Meter über den flachen Gletscherboden emporragt. Den Gedanken, Welzenbachs Weg zu wiederholen, haben der andauernde Föhn und die stark vereisten Felsen schon längst verdrängt. Dafür aber wollen wir den Weg Chervet-Richardet, welcher die untere Wandhälfte, fast 700 Meter, im weiten Bogen nach links umgeht, verbessern, indem wir über den mächtigen, aus der Wand hervortretenden Felspfeiler direkt emporsteigend die obere Wandhälfte und damit die in Gipfelfallinie durchziehende Granitrippe erreichen. Diese Rippe benützten auch die Erstersteiger nach der Abzweigung von der Schmadrijochroute am Oberen Breithorngletscher.

Großes Erleben bringt uns dieser Weg; besonders der obere Teil, wo uns ein schweres Gewitter überrascht, wird eine ernste Angelegenheit. Um 4 Uhr nachmittags stehen wir auf dem sturmumbrausten Gipfel des Breithorns.

Am nächsten Tag verlassen uns Hermann und Erich, ihr Urlaub ist zu Ende. Dafür kommt unser Freund Hans Frenademetz, der uns für die nächsten vierzehn Tage begleiten will. Auch wir müssen diesen so lieb gewordenen Winkel verlassen, andere Ziele verlangen die Verlegung unseres Standplatzes. Mit schweren Lasten steigen wir nach Stechelberg ab.

Als nächstes Betätigungsfeld soll uns das Dreigestirn „Eiger-Mönch-Jungfrau“ gelten. Drei Wege von Lauper haben wir uns zur Aufgabe gestellt. Wir errichten unser Zelt auf Biglenalp, am Fuße dieser erhabenen Bergriesen. Fas drei Tage benötigen wir zu unserer Übersiedlung.

28. Juli um 2 Uhr früh verlassen wir das Zelt. Pauli und Karl bestürmen die Lauperroute der 1200 Meter hohen Nordwand des Mönchs. Hansl muß sich für die erste Bergfahrt ein wenig mäßigen, daher schließen wir uns zusammen und besteigen denselben Gipfel über den Guggi-Grat. Anschließend wollten wir die Überschreitung zum Eiger machen und über den Westgrat zum Lager absteigen. Doch den Hansl hat die Bergkrankheit ein wenig erwischt und so ziehen wir vor: Über die Mönchsjöcher – Berglihütte – Fischerfirn – Zösenberg – Grindelwald – Kleinscheidegg unser Lager zu erreiche, wo wir um Mitternacht eintreffen. Die Freunde kommen am nächsten Tag über den Guggi-Gletscher zum Lager.

Am nächsten Tag durchsteige ich mit Hansl die Eiger-Südwestwand, wo uns ein unangenehmer Schneesturm überrascht, der wiederum der Auftakt für einige Schlechtwettertage ist. Drei Tage bannen uns Regen und Schnee in das Zelt und begraben all unsere hochfliegenden Pläne. Da beschließen wir, unser Lager abermals zu verlegen, um im Falle eines kommenden Schönwetters die letzten Tage unseres Berner Aufenthaltes mit einem würdigen Abschluß beenden zu können.

Der 3. August ist mit strahlender Sonne angebrochen. Mit schweren Lasten steigen wir das steile Weglein hinauf zur 2700 Meter hoch gelegenen Rottalhütte, die uns als Ausgangspunkt dienen soll für die letzten zwei großen Wege. Die Nordwand des Gletscherhorns, ein Weg von Welzenbach, bisher einmal wiederholt, wollen Karl und Hansl durchsteigen. Pauli und ich beabsichtigen, der Ebnefluh-Westwand einen neuen Weg in Gipfellot abzuringen. Über die Möglichkeit eines geraden Weges sind wir uns bald im Klaren.

Um 2 Uhr früh verlassen wir die Hütte und streben unseren Zielen entgegen. Es ist wohl das erste Mal während der ganzen vier Wochen, daß Wetter und Eisverhältnisse so sind, wie man sie wünscht: Hartgefrorener Neuschnee bis zum großen Schrund, dann Blankeis, von feinen, teilweise nur Zentimeter tiefen, hartgefrorenen Schneestreifen durchzogen, die gerade genügen, die 53 Grad geneigte Eiswand mit den Vorderzinken der Zwölfzacker stufenlos zu begehen. Jedoch ziehen wir Hakensicherung nach jeder beendeten Seillänge vor. Die gute Verfassung der Wand und vielleicht nicht zuletzt unsere eigene bringen es mit sich, daß wir statt am Abend, wie wir vermutet hatten, schon um halb 11 Uhr vormittags am Gipfel stehen. Wir beschließen, unseren Weg mit der Gletscherhorn-Überschreitung fortzusetzen, wo wir ja unsere Freunde treffen können. Ein plötzlich auftretender Schneesturm zwingt uns zu einem unangenehmen Freilager am Lauitor.

Am nächsten Morgen streben wir bei strahlender Sonne dem Jungfraujoch zu. Gemeinsam überschreiten wir die Jungfrau und erreichen abends wieder unser Hüttlein im Rottal.

Zwei Tage später, am 7. August, kommen wieder die Klubbrüder und bringen uns mit ihren schnellen Wagen in die Heimat zurück.

Wenn ich nun den Gesamteindruck unserer Westalpenfahrt in ganz kurzen Zügen schildern sollte, so muß ich sagen, daß es für mich neben den bergsteigerischen Erfolgen die schönsten Bergtage waren, die ich je erleben durfte. Eine Fülle von Erlebnissen beseelt mich, wenn ich an die Tage denke, die mir Kampf und Sieg gebracht, die mich Bergkameradschaft und klubbrüderlichen Opfersinn im höchsten Maße erleben ließen.

Wastl Mariner

Nordwand der Dent d’ Herens, 1938

Es war in den letzten Wochen vor Ausbruch des großen Krieges. Mit Wastl Mariner und Kuno Rainer war ich nach Zermatt gekommen. Unsere Ziele waren die großen Wege zu den Gipfeln der Bergriesen um Zermatt. Mit der Nordwand des Lyskammes hatten wir den Reigen unserer Fahrten eingeleitet. Schlechtwetter vereitelte unsere weiteren Pläne im Gebiete der Betempshütte und trieb uns ins Tal. Mit neuen Plänen verließen wir bei Besserung des Wetters Zermatt und stiegen durch das Zmuttal bergwärts der Schönbühelhütte entgegen.

Ein herrlicher Hochsommerabend breitet sich über die Landschaft, der Sonne rosiges Licht strömt in verschwenderischer Fülle über die Riesenflanken und Grate der Berge und verleiht ihnen trotz Größe und Ernst eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. Wir sitzen unweit der Hütte, uns gegenüber steht die Wand, für die wir ausgezogen sind: Die Nordwand der Dent d’ Herens. Eifrig studieren wir den Weg, den wir morgen gehen wollen, jenen Weg, den Welzenbach/Allwein 1926 eröffnet hatten. Damals und viele Jahre hindurch galt diese Bergfahrt als eine der größten der Alpen. Es waren bisher nur wenige Seilschaften diesen Spuren gefolgt. Seit Jahren stand diese herrliche Wand auch auf meinem Wunschzettel – und nun sollte es Erfüllung werden.

Um 1 Uhr früh verlassen wir die Hütte. Ein sternbesäter Himmel wölbt sich über uns, strahlendes Mondlicht liegt über den starren Bergkolossen und läßt unseren Weg deutlich erkennen. Weit im Osten geht ein Gewitter nieder, das Leuchten der Blitze wirft seinen Schein bis zu uns herüber und überhellt das Licht des Mondes. Sternschnuppen rasen in kurzen Zeitabständen aus allen Richtungen durch den Weltenraum. Und eine ergreifende Ruhe liegt über der erstarrten Hochgebirgswelt, die nur durch das Aufklirren unserer stahlbeschlagenen Schuhe unterbrochen wird. Schweigend schreiten wir in großen Abständen über die beinharte Firnfläche des Tiefenmattengletschers unserer Wand entgegen. Über einem steilen Lawinenkegel erreichen wir den Bergschrund, welcher sich über eine ausgeprägte Firnrippe gut überwinden läßt. Jetzt können wir unseren Weg in seiner ganzen Größe übersehen. 1300 Meter strebt die Wand über uns empor zum Gipfel. Ein von Firn durchsetzter riesiger Felssporn leitet hinauf zum Beginn des in mehreren Stufen abbrechenden Seracwalls, der die größten und stets veränderten Schwierigkeiten der Wand aufweist. Die über der Fingsterrasse ansetzende 400 Meter hohe, plattige Granitwand zeigt sich als geschlossene Firnflanke. Das zarte Streiflicht des Mondes liegt über diesem großen Weg und läßt ihn noch größer und erhabener erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Und wir trippeln als kaum sichtbare kleine Punkte den steilen Firn empor – längst im Bann der Großartigkeit unserer Umgebung. Gespenstisch huschen unsere Schatten über Fels und Firn. Höher oben teilen sich unsere Wege, und jeder sucht sein Heil nach seinem Geschmack.

Langsam verblaßt das Licht des Mondes und weicht dem eines jungen Tages. Wir sitzen auf einer kleinen Firnkuppe, entnehmen dem Rucksack Seil und Steigeisen, bereiten uns innerlich und äußerlich auf die Hautschwierigkeiten der Wand vor. Der aufgehenden Sonne erstes Feuer liegt über den großen Bergen, und bald sind auch wir vom rosigen Licht erfaßt. Die wohltuende Wärme dürfen wir nur kurz als glücklich preisen, denn schon geht ein ungemütliches Knirschen durch die einem mächtigen Trümmerhaufen gleichenden Eistürme über uns. Noch ehe wir in die die erste Eisbarriere durchziehende Rinne steigen wollen, neigt sich ein über uns bereits müde gewordener Turm und rast in Form einer Eislawine an uns vorbei. Der Sonne Kraft hat die eisigen Fesseln der Nacht gelöst – wir haben den Ernst der Lage erkannt. Mit gemischten Gefühlen treten wir diesen gefährlichen Gang an. Unmittelbar unter drohenden Seracs geht es vorbei, schräg links ansteigend über blankes Eis, aus dem abgeschlagene Felsbrocken hervorragen. Einige Seillängen hasten wir durch dieses Rinnensystem, von mehreren Stufen unterbrochen, hinauf, oftmals die notwendige Sicherung außer Acht lassend. Ein schmales Band läßt uns endlich und erstmals aus dieser Lawinengasse entkommen. In weiterer Folge überwinden wir senkrechte Eisstufen, zwingen uns durch Spalten und Risse und stehen dann plötzlich auf einer breiten Terrasse, am Fuße einer allseits senkrechten, von weit ausladender Wächte gekrönten, etwa 35 Meter hohen Eiswand. Ein Ausweichen nach links oder rechts wäre kaum oder nur unter höchster Gefahr möglich. So entscheiden wir uns für die Eiswand selbst. Eine etwa vier Meter von der eigentlichen Wand abgelöste, bedrohlich hinaushängende Kulisse scheint die einzige Möglichkeit zu bilden. Die Überwindung dieser fast senkrechten Eiskante forderte viel Zeit und Kraft. Vom schmalen Dach der Kulisse übersetzen wir auf höchst fraglichen Brücken die Kluft, die uns von der Fingsterrasse trennt. Um 9 Uhr vormittags haben wir die große Terrasse betreten und freuen uns, daß die Hauptschwierigkeiten des Weges überwunden sind. Voll Zuversicht, diese Fahrt in einigen wenigen Stunden beendet zu haben, greifen wir die Gipfelwand in der Fallinie an. Doch darin sollten wir uns getäuscht haben.

Oberhalb des Bergschrundes folgen zwei Seillängen prächtigster Arbeit im blanken Eis. Schlagartig aber treffen wir völlig veränderte und äußerst schlechte Verhältnisse an. Die Felsen sind von teilweise metertiefem, haltlosem, körnigem Schnee bedeckt und machen ein Ausweichen zum Grat unmöglich. Mit einem Schlag wird das Wetter schlecht, wir stecken in undurchsichtigem Nebel, und lustig wirbeln die Flocken um uns. Es folgt ein nicht endenwollender, gefahrvoller Gang. In der ständigen unangenehmen Erwartung, daß die ganze Flanke mit uns zur Tiefe braust, wühlen wir einen tiefen Graben durch die 60 Grad geneigte Flanke. Der jeweils Führende ist bald ausgepumpt, denn jeder Meter ist eine elende Rauferei. Es ist meist so, daß die Schneedecke in Brusthöhe steht, der angetretene Schnee rauschend wegfließt und man zitternd mit den Vorderzinken der Zwölfzacker auf glasiertem Fels steht. Dabei ist jede Sicherung so gut wie aussichtslos. Kameradschaftlich teilen wir die schwere Arbeit und erreichen nach sieben Stunden den sturmumbrausten Gipfel der Dent d’ Herens, 4400 Meter hoch.

Den Wunsch nach der wohlverdienten Gipfelrast bläst uns der kalte Weststurm weg, doch die Freude über das Bezwingen dieser Riesenmauer kennt keine Grenzen; in tollem Übermut hüpfen wir in langen Sätzen die Westnordwestflanke hinunter. Ein steiler Eishang zwischen gähnenden Gletscherbrüchen kostet noch eine lange und vorsichtige Arbeit, und als wir den Schrund erreichen, müssen wir feststellen, daß seine Überwindung der ganzen Länge nach unmöglich ist. Doch die Vierzigmerterseile bringen uns in luftiger Fahrt hinunter zum Tiefenmattengletscher. Regen und Schnee, Blitz und Donner begleiten uns hinaus durch den aufgeweichten Firn; wir empfinden es als den passenden Ausklang dieses erlebnisreichen Tages.

Paul Aschenbrenner

Die Nordwand der Triolet, 1948 (5. Begehung)

Das Mittagsbähnlein führt meinen Klubbruder und kampferprobten Seilgefährten Luis Vigl und mich nach Argentiere, dem Ausgangspunkt für Bergfahrten zur gleichnamigen Hütte. Nach einer halben Stunde Talwanderung erreichen wir die Zunge des mächtigen Argentieregletschers, der seine Eismassen bis in die Talsohle, auf 1200 Meter Höhe vorschiebt. In endlosen Serpentinen schrauben wir uns höher, wobei der zu unserer Linken steil abfallende Gletscherstrom immer wieder unsere Blicke fesselt. Die Luft ist zu schwül, um dem Wetter trauen zu können. Und als wir den oberen Gletscherboden betreten, sind bereits die Wandfluchten von einem Nebelschleier verhängt. Nach achtstündigem Marsch erreichen wir um 8 Uhr abends die Hütte und suchen bald unser Lager auf, denn nur kurze Rast ist uns vergönnt.

Sternklarer Himmel wölbt sich über die hehre Hochgebirgslandschaft, als wir um 2 Uhr früh den fast ebenen Gletscherboden einwärts schlendern, unserer Wand entgegen. Wie ein Bollwerk ragen die Nordwände der Triolet, Courtes, Droites und Verte gleich schwarzen Ungeheuern in den dunklen Nachthimmel. Totenstille herrscht im Umkreise. Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Wir hängen unseren Gedanken nach: Was werden wohl die nächsten Stunden bringen?

Beim ersten Morgengrauen stehen wir am Bergschrund. Blutrot geht die Sonne im Osten auf, leichte Wolkenschleier überziehen den Himmel, und ein lauer Wind strecht von den Graten. Sollte etwa wieder einer jener im Montblancgebiet so überraschend eintretenden Wetterstürze unser Vorhaben vereiteln?

Wir steigen in die Eiswand hoch. Nebel fällt über die Gipfel ein, und im Nu ist alles um uns grau. Wir beraten lange, der Auftrieb ist zu groß, um einfach verzichten zu können. Doch schließlich hat doch die Vernunft gesiegt: Bei zunehmendem Schneesturm gehen wir wieder zur Hütte zurück und haben wohlgetan, denn unaufhörlich tobt es den ganzen Tag um die Hütte.

Wieder stehen wir um 4 Uhr morgens am Einstieg der Triolet-Norwand. Zwanzig Zentimeter Neuschnee liegen auf dem Gletscher, die Wand selbst aber glänzt von blankem Eise. Unser Vorhaben scheint zu gelingen. Bewaffnet mit dem üblichen Rüstzeug eines Eisgehers gehen wir ans Werk.

Über einen mächtigen Lawinenkegel streben wir dem untersten Bergschrund zu, der heute leichter zu überklettern ist als tags zuvor, da die vielen Lawinen denselben fast überbrückt haben. Wir wechseln uns in der Führung ab, um ein Übermüden zu verhindern. Nach zwei weiteren Bergschründen stellt sich die Wand erst richtig steil auf. Über harte Firnstreifen gewinnen wir rasch an Höhe und halten uns auf einen Felskopf, direkt unter den riesigen Seracs des Mittelstückes, zu. Kein Wunder, wenn uns der Atem ausgeht: 70 bis 80 Meter hohe Stufen in einem Atem durchgehend, und dies in raschem Tempo, da man sich ja nicht gern unter diesen Eisbalkonen, die jeden Augenblick herunterstürzen können, bewegen will, ist eine schwere körperliche Anstrengung. Die nächste Seillänge ist gleich das richtige für Luis, den Eisspezialisten. Es gilt, die Parallelrippe zu gewinnen, die durch einen Eisschlauch, die Sturzbahn der oberhalb befindlichen Seracs, von unserer getrennt ist. Das Eis ist beinhart und erfordert anstrengendste Stufenarbeit. Auch diese 30 Meter versteht mein Freund zu meistern, und aufatmend vernehme ich das „Nachkommen“. Über schmale Firnstreifen kommen wir wieder rascher höher, wir verspüren nichts von Stein- und Eisschlag, dafür macht sich aber die Kälte umso empfindlicher bemerkbar. Vom Grate kommen kleine Neuschneelawinen wie silberne Schlangen auf uns zu und überschütten uns mit Pulverschnee. Mit zunehmender Steilheit werden die Firnstreifen immer schmäler und dünner und lassen das Blankeis zutage treten. Bis hierher mag die Wand eine Neigung von ungefähr 60 Grad haben, was ja an und für sich für eine Eiswand eine beachtliche Steilheit ist. Aber nun wird sie noch steiler und das Eis von Meter zu Meter härter und gefährlicher. Die Abstände der Seillängen werden geringer und die Standstufen häufiger, die Wadenmuskeln sind zum Zerreißen angespannt.

Nun haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder links der Seracs – zwischen diesen und den Felsen zieht eine schmale, unheimlich steile Rinne nach oben. Wir schätzen diese an der steilsten Stelle auf 70 Grad. Dies ist der Weg unserer Vorgänger Lachenal/Contamin. Oder aber als zweite Möglichkeit, rechts zwischen den Eisabbrüchen einen Weg durch zu finden. Uns scheint dieser Weg günstiger, das Problem ist nur, zu den Eistürmen hinüberzukommen, dann müsste es mit einigen Unterbrechungen gut durchgehen. Also – frisch gewagt ist halb gewonnen! Luis geht die Querung an. In Reichweite schlägt er immer eine gute Stufe, dazwischen trippelt er auf den vorderen beiden Zacken der Zwölfzacker. Einige Zwischenhaken sichern sein Tun. Wir glauben, mit einer Seillänge hinüberzukommen, doch wir haben uns darin getäuscht. An einen Eishaken gebunden läßt Luis mich nachkommen. Wir wissen, daß sich keiner von uns beiden einen Sturz erlauben dürfe, denn einen solchen würde das Seil, von dem wir anfänglich glaubten, daß es aus Nylon wäre, niemals aushalten. Ich löse Luis in der Führung ab. Das Standwechseln erheischt größte Vorsicht. Die Steilheit der Eiswand drückt den Körper so stark hinaus, daß nur mit Hilfe von Griffen das Gleichgewicht gehalten werden kann. Bei jedem Pickelhieb springen ganze Schollen ab, und nur millimetertief dringen die Vorderzacken der Steigeisen in das spröde Element. Zu allem kommt die enorme Ausgesetztheit, wie ich sie nur von Felswänden her kenne. Denn einige Meter unter uns bricht die Wand senkrecht ab und kommt erst wieder tief unten in unser Blickfeld. Nun wechselt auch die Beschaffenheit des Eises, das jetzt weich und morsch wird, und immer wieder stoßen wir mit dem Pickel in Hohlräume. Es folgt ein fast senkrechter, 20 Meter hoher Eiskamin, der sich mit Spreiztechnik und Verkeilen des Pickels gut überwinden läßt. Wir glauben, nun würde die Steilheit der Wand beträchtlich abnehmen und endlich ein ersehnter Rastplatz kommen. Doch es will kein Ende nehmen. Querungen und Schräganstiege wechseln ab, und noch immer baut sich die Gipfelwand mit einer durchschnittlichen Steilheit von 60 Grad über uns auf. Endlich kommen wir in die Sonne und können unsere steifen Glieder etwas erwärmen. Die Höhenluft macht sich bemerkbar, und wir werden müde. An einem Bergschrund oberhalb der Seraczone halten wir kurze Rast und holen aus unseren Rucksäcken erstmals seit dem Frühstück einige Bissen unseres Proviants. Von der Hütte werden uns nun Sensationslüsterne mit dem Fernrohr beobachten, und gerne hätten wir das verdutzte Gesicht unseres Wirtes gesehen, der uns vor Antritt unserer Bergfahrt mit dem Bemerken abgeraten hatte, daß wir doch niemals diese Wand hinaufkämen, da sich schon Bessere als wir es sind, daran versucht hätten.

Dreihundert Meter Wand mögen es noch bis zum Grat sein. Teils auf Rippen, teils auf Blankeis kommen wir, die nötige Vorsicht nie außer Acht lassend, nur langsam höher. Unser Tempo hat sich wesentlich verringert, und es ist 1 Uhr mittags, als wir auf den Grat hinaustreten. Jäh fällt er drüben ab. Wegen der Ungewissheit des Abstieges verzichten wir auf den Gipfel der Grand Triolet und geben uns mit der Kleinen Triolet zufrieden. Nebelfetzen kommen aus dem blauen Himmel dahergejagt und legen sich um Grate und Gipfel. Sie zwingen uns, unseren Abstieg ausfindig zu machen, und hätte sich der Nebel nicht wieder gelichtet und die Sicht nach unten freigegeben, wären wir auf italienisches Gebiet abgestiegen. Nun aber lassen wir uns etwas unterhalb des Ausstieges auf einem kleinen Sattel zur wohlverdienten Gipfelrast nieder.

Es läßt sich nicht in Worte fassen, welch grandiose Berglandschaft sich unseren Blicken erschließt. Wir werden für unseren gefahrvollen Weg reichlich belohnt. Die Triolet ist ein Gipfel mittlerer Höhe und gewährt infolge der zentralen Lage einen besonders guten Einblick in die Hochgebirgswelt des Montblanc. Zur Linken schaut gerade noch über Nebelfetzen die gleißende Kuppel des Monarchen mit der Brenvaflanke und dem gezackten Peutereygrat hervor, rechts davon der Mont Maudit, Dent du Geant und in greifbarer Nähe die schwarze Riesenwand der Grandes Jourasses, wohl die imposanteste Berggestalt der ganzen Gruppe. Wie eine feine Linie fällt vom Gipfel des Point Walker der berüchtigte Nordpfeiler lotrecht in 1200 Meter hoher Flucht zum zerklüfteten Geantgletscher ab. Unter uns, jenseits des Mer de Glace, eine Reihe von Zacken und Nadeln, die Aiguilles von Chamonix, uns von vorangegangenen Touren schon sehr vertraut. In scharfem Kontrast der dunkle Granit zu den weißen Gletschern und Schneefeldern. Es ist wohl meine schönste Gipfelstunde, die ich bisher erleben durfte.

Leider ist es uns nicht lange vergönnt, zu verweilen. Noch ein Blick zur Tiefe, über die Wand, der wir soeben entstiegen waren, dann nehmen wir Abschied von der prächtigen Schau. Über den steilen, zerklüfteten Trioletgletscher müssen wir mehr waten als gehen, die Sonne brennt unbarmherzig auf uns hernieder und hat den Schnee zu einem schlüpfrigen Brei verwandelt. Oft stehen wir bis an die Knöchel in kaltem Eiswasser. In tollen Sätzen springen wir über das apere Mer de Glace hinaus, um noch rechtzeitig die Zahnradbahn nach Chamonix zu erreichen, und um 7 Uhr abends treffen wir in Le Praz außerhalb von Chamonix in der Ecole Nationale, von unseren Freunden und Gastgebern auf das herzlichste beglückwünscht, wieder ein.

Wie wir dann aus den respektvollen Reden der Franzosen entnehmen, zählt die Triolet Nordwand, deren fünfte Begehung uns gelungen war, zu den schwersten und steilsten Eiswänden unserer Alpen. Wir sind nicht wenig stolz darauf.

Hermann Buhl

Nanga Parbat 1953

Seit den Sturmtagen des Jahres 1934, die der damaligen Expedition im Angesicht des nahen Gipfelsieges den bitteren Tod von 3 deutschen und 6 eingeborenen Bergsteigern brachten, und seit der Katastrophe von 1937 als die Eislawine des Rakiot Peak die gesamte zufällig in einem Lager zusammen gedrängte Mannschaft in einem Zuschlagen vernichtete, wurde der Nanga Parbat der „Deutsche Schicksalsberg in Asien“ genannt.

Es verlangte gute Nerven und das sichere Gefühl ausreichender Leistungsfähigkeit diesen Berg wieder anzugehen. Nerven und Zähigkeit für das Zustandekommen der erfolgreichen Expedition des Jahres 1953 brachte der Initiator dieser Kundfahrt, Dr. Herigkofler, München, auf der eine leistungsmäßig erprobte Mannschaft um sich versammelte.

1932, 1934 und 1937 waren bereits Mitglieder unseres Klubs beim Ansturm auf den Nanga Parbat beteiligt gewesen. 1937 hatte der Klub den Bergtod Pert Fankhausers am Nanga Parbat zu beklagen – dadurch riss die Erinnerung an diesen Berg in unserem Kreis nie ab. Es war also nur natürlich, dass wir mit Begeisterung hinter diesem Unternehmen standen. Wir fühlten eine Art Verpflichtung, die sich aus unserer Teilnahme an früheren Expeditionen ergab, wir wollten mithelfen zu vollenden was schon so viel Kraft und Opfer gefordert hatte, und wir hatten die Ehre, drei unserer Mitglieder bei dieser Kundfahrt des Jahres 1953 zu sehen, an der Peter Aschenbrenner schon vor der Abreise maßgeblichen Anteil hatte.
Vom ersten Augenblick an, als uns Peter Aschenbrenner erzählte, dass an ihn um sein Mitwirken herangetreten wurde, hat es bei uns allen gezündet. Mit jedem Hindernis, das sich den Vorbereitungen entgegenstellte, wuchs unsere Teilnahme vielfach, mit jedem Erfolg unsere Vorfreude. Kaum jemals vorher haben wir alle eine bergsteigerische Unternehmung sosehr zu unserer eigenen Sache gemacht. Mit der Teilnahme unserer Klubbrüder wurde die ganze Kundfahrt zu unserer Herzenssache. Nicht nur ihnen, der ganzen Expedition versuchten wir mit all unseren Kräften den Weg zu ebnen, für jeden waren wir bereit, eine Lanze zu brechen.

Dann kam der Sturm auf den Berg selbst, von dessen Schwierigkeiten und Härte wir daheim nichts verspürten, während er ausgekämpft wurde, bei dem aber unsere Herzen mit einer Wärme und Anteilnahme bei unseren Klubbrüdern waren wie wohl noch nie bei einer bergsteigerischen Unternehmung zuvor. Mit Sorge hörten wir von Rückschlägen infolge großer Schneefälle, mit Sorge verglichen wir das Vorwärtskommen im Ablauf der Wochen mit dem Ansturm früherer Jahre und hofften heiß, dass es doch endlich gelingen möge.

Und als am 3. Juli 1953 Hermann Buhl in einer einmalig dastehenden Willensleistung und körperlichen Höchstform, begünstigt von gutem Wetter, den Einsatz der ganzen Mannschaft durch seinen überragenden Alleingang zum Gipfel krönte, da war die Freude in ganz Österreich und Deutschland und besonders in unserem Klub riesengroß. Da war nicht nur der erste Achttausender durch deutsch sprechende Bergsteiger erstiegen da war eine Tat gesetzt, die ein Beispiel dafür gab was menschlicher Wille und menschliche Zielstrebigkeit vollbringen können, da war es eine stolze Genugtuung, dass im gleichen Jahr in dem die Briten ihren Mount Everest erreichten, Deutsche und Österreicher am Nanga Parbat siegreich waren. Für unseren Klub war es der stolzeste Bergerfolg überhaupt, die Erfüllung eines über 20 Jahre zurückreichenden bergsteigerischen Strebens und auch die Erfüllung der Verpflichtung die der Bergtod Pert Fankhauserers für uns bedeutet hatte.

In großer Freude und in großen Stolz über die Ersteigung des Nanga Parbat mischte sich nur ein leises Bedauern: dass es Kuno Rainer infolge einer durch seinen rastlosen Einsatz am Berg verursachten Krankheit nicht möglich war, mit Hermann Buhl weiter vorzustoßen, möglichst bis zum Gipfel – aber es wäre wohl unbescheiden, gleich zwei Männer unserer kleinen Runde als Gipfelsieger sehen zu wollen. Denn zu dem errungenen Erfolg kam noch die tiefe Freude, dass alle Teilnehmer der Kundfahrt und damit auch unsere Klubkameraden wohlbehalten wieder heimgekommen sind. Und diese Freude umfasste alle gleich, denn wir hatten wohl gewusst, dass beim Kampf um einen Achttausender Sicherheit und Wohlbefinden der Bergsteiger entgegen der sonstigen Regel unter Umständen auch einmal zurückgestellt werden können. Nur Hermann Buhl hatte für sein einsames und eisiges Biwak in über 8000 Meter Höhe später noch einen Tribut zu zahlen. Die Verschlechterung seiner Erfrierungen machte eine Zehenamputation notwendig.

Wir wünschen unseren Klubbrüdern, dass sie noch öfters Gelegenheit zu Einsatz und Bewährung bei großen bergsteigerischen Aufgabenfinden mögen, weil jede Leistung auch die größte, kein Abschluss sein soll, sondern ein neuer Anfang und ein Glied in der Kette der Entwicklung einer Idee.

Die Klubleitung: Erwin Schneider

Orginaltext aus dem Karwendler Jahresbericht 50 Jahre Alpiner Klub Karwendler von 1904 bis 1954

Board Peak 1957

….1957 ging abermals eine Expedition in den Karakorum mit dem Ziel den Board Peak zu ersteigen. Ihr gehörte außer den Salzburgern Markus Schmuck, Fritz Wintersteller und Kurt Diemberger unser Hermann Buhl an.

Auf den Erfahrungen vorhergegangener Expeditionen aufbauend wollte die Expedition bei der Ersteigung des Berges von vornherein auf Träger verzichten. Aus diesem Grunde wählten sie im Gegensatz zu uns den Weg über den Westsporn, der sich vom Godwin-Austen-Gletscher zur Schulter emporzieht und dort in den „Eiswall“ übergeht. Mitte Mai errichten sie am Fuße des Westsporns ihr Standlager. Der Weg über den Sporn bot dieser erstklassigen Mannschaft keine nennenswerten Schwierigkeiten. Nachdem die kurz unterhalb der „Schulter“ ihr Hochlager II errichtet hatten, stießen sie gleich darauf auf unseren Anstiegsweg. Die Seilsicherungen am „Eiswall“ waren noch teilweise gebrauchsfähig, außerdem tat die von uns dort zurückgelassene Ausrüstung und Verpflegung der sparsam ausgerüsteten Expedition wertvolle Dienste. Unseren Spuren folgend stießen sie bis zum Gipfelfirnfeld vor, darüber hinaus bis zur Gipfelscharte und erreichten am 29. Mai den Vorgipfel. Das Ziel greifbar nahe zwangen sie Schneesturm und Nebel zur Umkehr und zum Abstieg in das Standlager.

Am 7. Juni brachen sie bei schönem Wetter vom Standlager auf. Nach einer Nacht im Lager II (6400m) stiegen sie am 8. Juni bis zum Lager III das sie bereits bei Ihrem ersten Vorstoß in einer Höhe von etwa 7000m oberhalb des „Eiswalles“ errichtet hatten. Von diesem Lager aus griffen sie am 9. Juli den Gipfel an. Bei eisiger Kälte stiegen sie zur Gipfelscharte empor. Tiefer Neuschnee erschwerte das Vorwärtskommen. Schmuck und Wintersteller, die erste Seilschaft, Buhl und Diemberger, die zweite, kämpften sie sich über den Gipfelgrat empor. Es war schon Nachmittag als sich die erste Seilschaft dem Gipfel näherte, die zweite folgte etwas später. Am Abend dieses Tages wehte die österreichische Fahne vom Board Peak. Hermann Buhl sagte in seinem letzten Bericht über diesen Sieg: „Langsam senkt sich die Sonne zum Horizont; über den Gletscher liegen schon schwarze Schatten. In mehr als 8000 Meter Höhe gehen wir die letzten Meter zum Gipfel hinauf; abgekämpft, keuchend, mit letzter Kraft… Ganz zum Schluss werde ich frischer, und Punkt 19Uhr, am Pfingstsonntagabend, stehe ich neben Kurt auf dem Gipfel, mehr als 3000m über unserem Lager drunten am Godwin-Austin-Gletscher.“

Ernst Senn
Originaltext aus dem Karwendler Jahresbericht 1954 bis 1959