Watzmannüberschreitung

Leider ist die Achillessehne meiner jüngsten Tochter noch immer beleidigt, weshalb ich unser Wochenendprogramm auf eine Einzelwanderung umplanen muss.Schon wieder das Problem mit den Verkehrsverhältnissen! Also wieder etwas in der Nähe.
Vor 34 Jahren ging ich schon mal über den Watzmann ins Wimbachgries und wie das so ist mit alten Erinnerungen, so sind diese doch immer schön.
Los geht’s um 5.45 Uhr vom bereits fast vollen Wimbachbrückenparkplatz. Etwas verwirrt über den Massenandrang reihe ich mich in die Kolonne der Watzmannaspiranten ein, was aber nicht lange andauert, denn erstens muss man ja einen Sicherheitsabstand einhalten und zweitens gehen sie alle zu langsam. Ehrlicher Weise muss allerdings auch ich zugeben, dass auch meine Beine schon einmal lockerer waren ( z.B. vor 34 Jahren). Nur nicht zu viel Gas geben, denn knappe 2400 Hm warten auf mich und so schwitze ich mich im gemäßigten Tempo zum Watzmannhaus. Hier ist allerdings eine Pause angesagt. 2 Müsliriegel schmecken hervorragend, aber beinahe hätte ich mich verschluckt, als 3 Aspiranten sehr zügig an mir vorbeihuschen. Nur die Ruhe bewahren, brav runteressen und dann die Verfolgung aufnehmen. Bei dieser Verfolgung fühle ich mich aber eher wie bei einem Schneckenrennen. Ich komme den Dreien nur unwesentlich näher, dafür muss ich mich mit zahlreichen anderen Wanderern duellieren. Wahnsinn, sind die alle gut beisammen, oder liegt es an mir ? Naja, nach 2 ½ Stunden stehe ich am Hocheck und freue mich auf meine 2. Jause. Aber damit wird nichts. Vor lauter Menschenmassen finde ich nicht einmal einen Sitzplatz und voller Entsetzen sehe ich, wie sich zahlreiche Alpinisten in voller Klettersteigmontur an die Überschreitung ran machen. Also nichts mit jausnen und gerade noch kann ich vor dem Ersten der Truppe vorbei und an den Fixseilen mich in die erste Scharte runterschwingen. Butterweiche Oberschenkel lassen an Präzision zu wünschen übrig, aber es geht doch recht flott dahin.
„Na do schau her! Do vurn san jo die Läufer!“ Eine Zeit lang gehe ich hinter den Dreien, dann lassen sie mich vor und nach insgesamt 1 Stunde stehe ich am Südspitz. Auch hier sind schon viele Menschen, aber ich finde einen Jausenplatz und das muss jetzt sein, denn der Abstieg sieht noch elendslang aus. Während ich so dasitze, gehen die Läufer wieder an mir vorbei. Die brauchen offensichtlich keinen Sprit. Das ist mir jetzt aber egal, ich möchte nicht nur laufen, sondern auch von der grandiosen Umgebung etwas sehen. Eine wirklich sehr ursprüngliche Umgebung präsentiert sich hier, soweit das Auge reicht. Nach 10 Minuten ist genug gejausnet und der Weg geht bergab. Die Schenkel fühlen sich nun wie geschmolzene Butter an, aber es nützt nichts. Schrofen von mäßiger Qualität erfordern Aufmerksamkeit und obwohl es deutlich bergab geht, nähert sich das Tal irgendwie nur sehr langsam. Doch dann ist es geschafft. Ich stehe im Wimbachgries. Ein gewaltiger Schotterstrom wälzt sich gletscherähnlich talauswärts. Wirklich beeindruckend. Na, jetzt sind es eh nur noch 10 km bis zum Auto. Am Wegschild steht etwas von 3-4 Stunden. Schon bald beginne ich langsam zu joggen. Schmaler Pfad wechselt mit breiter Schotterbank und plötzlich steht ganz unvermutet die Wimbachgrieshütte mit bunten Sonnenschirmen, fast kitschig, in der verlassenen Gegend. Auch Touristen werden mehr.
Hier hält mich nichts und im Wechsel zwischen schnellem Gehen und Joggen suche ich das Weite.
Vorbei geht es am Wimbachschloss und wie ich da so mit schmerzenden Knie und Fußgelenken dahingehe, überholen mich plötzlich 2 Madln und ein Bursch im Laufschritt. Das motiviert und ich starte erneut zum Laufen. Bald habe ich die 3 eingeholt. Sie werden auf einmal langsamer und ich laufe alleine weiter. Hejh! Mit langem Schritt geht es nun zügig dahin. Ich spüre fast einen Luftzug, doch das Ganze währt nicht lange. Nach 10 Minuten schmerzt nun auch die Wade, die Achillessehne, die Knie mit Seitenbänder, Kniescheibe, eigentlich alles was sich unter den Hüftknochen befindet. Ich wechsle wieder zum Gehen und es dauert nicht lang und die Jungen ( es sind inzwischen 5 geworden) überholen erneut. Nun ist es mir eigentlich egal, ich muss nur irgendwie zum Auto kommen. Das passiert auch nach 6 ½ Stunden Gehzeit. Noch schnell das Gesicht im kalten Bach gewaschen, die Autotür gegen das Schienbein geknallt und rein ins klimatisierte Fahrzeug. Zu Hause steige ich wie ein verletzter Kriegsveteran aus dem Auto, umarme kurz meine Frau und lege mich dann nieder.

Walter​​​​​​​​

Tourendatum: 16.8.2020