Watzmann, Mittelspitze, 2712m, „Wiederroute“ III-

Es ist zum Verzweifeln. Der letzte Tag in dieser Saison zum Alpinklettern und niemand hat Zeit. Ich habe praktisch jeden, der irgendwie Gehen oder Klettern kann angerufen, aber niemand hat Zeit. Von Wirtschaftskrise keine Spur, alle haben Arbeit bis über beide Ohren. Also muss ich mich alleine auf den Weg machen.
Im nebeltrüben Morgengrauen fahre ich zur Wimbachbrücke und radle zur Kührointalm. Für den Umstand, dass ich mich in einem Nationalpark befinde ist reichlich viel Verkehr auf den Forststrassen. Innerhalb einer Stunde werde ich von 1 Traktor, 1 Öltankwagen, 2 Lastwägen, 5 Jägern (alle natürlich im eigenen Auto, denn wir sind ja Individualisten) und zuguter letzt noch ein Auto der Nationalparkverwaltung, welches nach 10 Minuten auch schon wieder entgegenkommt. In der Hoffnung, nun sei der Lärm vorbei, kann ich mich am minutenlangen Aufwärmen eines Hubschraubers bei der Alm erfreuen, bevor der endlich abhebt. Erst am Wanderweg zum Watzmannkar tritt die ersehnte Ruhe ein.
Der Blick in die geplante Wiederroute löst jedoch Unbehagen aus, denn die Bänder im Gipfelbereich sind schneebedeckt. Na, irgendwie werde ich mich daran schon vorbeimogeln. Wie ich so das Kar quere, gesellt sich plötzlich ein junger Tiroler aus Jenbach zu mir. Er startete bereits 3 Stunden früher und nahm im Vorbeigehen noch schnell die Watzmannfrau mit. Bei angeregtem Plaudern verging der etwas mühsame Zustieg wie im Flug. Am Beginn der Kletterei meinte mein unerwarteter Begleiter bei der Jause allerdings, dass er langsamer Gehen werde, da die bereits absolvierten 1600 HM ihn doch ein wenig bremsen. Somit klettere ich alleine los, kann allerdings beobachten, dass der junge Wilde nur 10 Minuten hinter mir nachkommt.
Über anregende Felsstufen erreiche ich das Wiederband. Es macht Spass, diese glatten Wasserrillenplatten zu erklettern, wobei es mehr ein Steigen, oder besser, ein Schleichen ist. Damit meine Kletterpatschen auch etwas zu tun haben, suche ich mir immer die glattesten Stellen aus. Die Schneebänder können gut umklettert werden, wobei es im Schneebereich doch schon schön eisig ist. Aber bald hat mich die Sonne wieder und lustig geht es weiter. Die Wegfindung bereitet keine Probleme, da zahlreiche Steinmänner und vereinzelte rote Markierungen den Verlauf vorgeben.
Nach einer Kante gewährt plötzlich die Watzmann Ostwand einen grandiosen Einblick und ich bin froh, dass ich sie heute nicht geklettert bin, denn der Gipfelbereich weist deutlich mehr Schnee auf. Nach 1 Stunde sind die 500-600 Hm absolviert, aber ein strenger SW-Wind treibt mich rasch weiter. Allerdings kommt nun der unangenehmste Teil des Tages, denn die Nordseite ist schnee- und eisbedeckt. Doch die Bayern haben weder Kosten noch Mühen gescheut und einen perfekten Klettersteig errichtet, welcher beste Dienste leistet. Am Hocheck angelangt wird vor der Biwakhütte windgeschützt noch einmal gut gejausnet, bevor der lange Abstieg beginnt.
Zusammenfassend war es doch ein sehr schöner Herbsttag, aber die Gedanken ans Klettern lassen doch Wehmut aufkommen.

Walter

Tourendatum: 25.10.2012