Radltour von Kathmandu nach Lhasa im Oktober 1996

Wir sind vier ältere Herren zwischen 60 und 70 (Ernst Knapp, Walter Larcher, Sebastian Stanger und Raimund Ruf), sitzen im Flugzeug von Lhasa zurück nach Kathmandu und haben einen aufregenden Check-In hinter uns. Von 6 Uhr früh bis 14 Uhr warteten wir in einer überfüllten Halle auf das Flugzeug aus Szetschuan, eingezwängt zwischen Touristen aus aller Welt und Einheimischen mit ihrem Gepäck aus Säcken, Kisten und Kasteln. Als niemand mehr an eine Ankunft der Maschine glaubte, kam das Flugzeug der chinesischen Airline doch noch und nach einem wilden Ansturm (offensichtlich waren nicht genug Plätze vorhanden) schafften wir es mit Hilfe unseres guids, gute Plätze zu bekommen. Nach dem Start fällt nun der Stress ab und wir widmen uns der phantastischen Landschaft Tibets unter uns; zuerst die weite, braune und fast unbesiedelte Hochebene mit den glänzenden Flüssen, den Schluchten und den gut erkennbaren Straßen. Und da sehen wir sie, unsere Route, die wir 17 Tage lang mit dem Fahrrad gefahren waren – da unten ist der riesige See Yamdrok Tso, dem wir entlang gefahren sind, da sehen wir die über 5000 m hohen Pässe, die wir überwunden haben, da unten liegen ganz klein die Städte Shigatse und Gyantse, die uns so gut gefallen haben und langsam kommen wir der weiße Hauptkette des Himalaja mit den hohen Achttausendern näher und die Eisriesen gleitet langsam am Bullauge vorbei – und da ist ja auch der Mount Everest, dem wir bis ins tibetische Basislager nahe gerückt waren. Und dabei fallen mir wieder die vielen großen und kleinen Erlebnisse dieser Reise ein…..

Schon der Beginn, die achttägige Eingehtour in Nepal, war aufregend und spannend. Zuerst mit dem Fahrrad von Kathmandu nach Dunche, eine wahrhaft abenteuerliche Strecke mit dem Rad, dann die Wanderung vorbei an den heiligen Seen von Gosainkund und zuletzt die Besteigung eines Fünftausenders, womit wir uns klimatisch und konditionell auf unsere große Fahrt vorbereitet hatten.

Dann kam der große Start. Wir hatten die Reise bewusst in Kathmandu begonnen, weil es Walters alter Traum war, stolz und siegreich in Lhasa einzurollen. Also charterten wir in Kathmandu in einer uns bereits bekannten Agentur ein Begleitfahrzeug für unser Gepäck, einen Guid,  einen Fahrer und einen Koch und radelten von unserem Quartier los, durch die wimmelnden Straßen und bald durch die grünende Traumlandschaft Nepals. Wir waren natürlich aufgeregt und erwartungsvoll der kommenden Abenteuer, die auch nicht lange auf sich warten ließen.

Da war erst einmal die Hitze in der Niederung des Flusses Sun Kosi. Nach einem Fotostopp wollte ich meine Kameraden einholen, verpasste in der Eile eine Abzweigung und verfuhr mich in einen endlos steilen Anstieg, bis mir meine verzweifelten Freunde (sie meinten mich schon in den reißenden Fluss gestürzt) einen freundlichen Nepali im Jeep nachsandten und auf die richtige Route brachten, die aus endlosen, kilometerlangen Baustellen bestand und die mir den letzten Rest für diesen Tag gab.

Dann der Grenzübergang und die Ankunft in Tibet. Noch vor der Grenze sahen wir weit oben am Berghang die Tibetische Grenzstadt Zhangmu, wunderschön anzusehen mit hohen Gebäuden und daraus hervorstechend ein riesiges Hotel. Es sah fast aus wie Bad Gastein und wir freuten uns endlich wieder auf einen angenehmen Hotelaufenthalt. Die steilen 500 Höhenmeter bis dahin waren allerdings noch sehr anstrengend und der Weg (denn Straße war es eigentlich keine) so schlecht, dass wir immer wieder schieben mussten. Die Grenzformalitäten waren auch bald erledigt (unsere Agentin in Kathmandu hatte uns als „Austrian Bysicle Expedition“ ausgewiesen) und hier übernahm uns unser Tibetischer Führer und brachte uns in das ersehnte Hotel. Dieses war dann eine gewaltige Enttäuschung – es war zwar riesig und weitläufig, aber total abgewirtschaftet und völlig desolat. Ebenso unser trostloses, schmuddeliges Zimmer. Auch gab es zuerst kein Wasser, und als es am Abend endlich kam, floss alles über und es gab eine üble Überschwemmung bis ins Zimmer hinein, während aus dem Waschbecken nur eine graue Brühe kam. Dafür war das Abendessen im nahen kleinen Tibet-Restaurant ausgezeichnet und die hübsche Wirtin hat uns Vier besonders beeindruckt. Als wir am nächsten Morgen zeitig aufbrachen, sahen wir erst den fürchterlichen Dreck in den Gassen, die Berge von faulendem Abfall, und einige Male entkam ich nur knapp einem Guss von oben, als die Leute ihre Nachttöpfe einfach aus den Fenstern auf die Gassen leerten. Und über allem plärrten mehrere Lautsprecher auf hohen Masten chinesische Marschmusik über das ganze Städtchen. Doch das hatten wir bald hinter uns und mit einem Schlag waren wir gefangen von der phantastischen Landschaft Tibets. Durch lange waldreiche Schluchten erreichten wir die Hochebene und damit die typische Landschaft Tibets, die wir nun mehr als zwei Wochen lang erleben durften.

Vorerst gab es aber noch einige Hindernisse. Denn immer wieder war die Straße auf hunderte Meter weggerissen und wir mussten unsere Räder auf glitschigen Fußpfaden übertragen. Die Lkw’s mussten jeweils  umgeladen werden, doch dafür standen überall Kulis bereit, die dort unter Plastikplanen mit ihren Familien hausten und von den paar Rupien lebten. Mit unseren Rädern waren wir natürlich schneller als unser Gepäck, das immer wieder auf andere Fahrzeuge umgeladen werden musste. Wir sahen auch nicht, dass es uns überholt hätte und waren darum schon sehr in Sorge; nur Walter beruhigte uns und meinte, das sei nur „dem Chauffeur seine Sache“. Und so war es denn auch – als wir in Nyalam, dem Ende der ersten Etappe, ankamen, stand unser Führer schon lachend da und wartete auf uns und nun erst sahen wir auch den großen Army-Truck, der unser Begleitfahrzeug bis Lhasa wurde. Und auch der tibetische Fahrer und der chinesischen Koch warteten hier auf uns.

Ab nun war es eine traumhaft schöne Radltour, so wie wir sie uns vorgestellt hatten. Wir erlebten dieses wunderschöne Land mit seinen großartigen Menschen und ihrer hochinteressanten Kultur, eingebettet in eine harmonische Freundschaft untereinander und herzlich betreut von unseren drei einheimischen Begleitern.

Da war zum Beispiel die große Freude am Lalung Leh, dem ersten Pass über 5000 m. Wir waren in Hochstimmung, weil wir den weiten Anstieg ohne Probleme gemeistert hatten und weil uns hier zum ersten Mal die Weite der braunen, menschenleeren Landschaft zu Füßen lag, begrenzt von der weißen Hauptkette des Himalaya, die weit entfernt am Horizont zum ersten Mal auftauchte. Wir waren tief beeindruckt.

Wenn wir manchmal in Hotels übernachteten, wurde ich oft von amerikanischen Touristen auf unseren Ernst hingewiesen und gefragt „who is this, I think, I know him“. Dann antwortete ich stets „it’s Sean Conory, my best friend“. Das hat man mir immer mit einem „oh, of course“ abgenommen und ich sonnte ich mich dann stets im Ruhm und der Hochachtung, die von meinem „berühmten“ Freund auch auf mich abstrahlte.

Eines Abends holte der chinesische Koch das Wasser für das Abendessen aus dem nahen Fluss; das Wasser war eine braune, schäumende Brühe, was uns nicht wunderte, da flussaufwärts mehrere Dörfer zu sehen waren und wir die tibetische Abwasserbeseitigung  inzwischen kennen gelernt hatten. Auf unsere Vorhalte entgegnet unser Guide (der Koch selbst konnte nur chinesisch) „it’s a god water, all people here drink this water“. Damit hatte er uns überzeugt und tatsächlich, nie hat einer von uns irgendwelche gesundheitlichen Probleme bekommen.

Wenn wir in ein Dorf kamen, war es immer wieder das gleiche Bild: Von überallher strömten Kinder in allen Größen, meist nur mit Lumpen bekleidet. Die Kinder kamen aber nicht nur in den Dörfern; auch in den einsamsten Gegenden, wenn weit und breit kein Lebewesen zu sehen war, mussten wir nur kurz stehen bleiben, und schon tauchten aus jeder Bodenfalte Kinder auf und im Nu waren wir umringt, und die Größeren  und Mutigeren versuchten ihre paar englischen  Worte: what is your name, what is your country, während die Anderen versuchten, uns zu betasten und zu befühlen. Anfangs war das ja lustig, aber mit der Zeit ging es halt doch auf die Nerven. Besonders, wenn sie prompt jedes Mal Austria mit Australia  verwechselten. Ich sagte dann schon immer, ich sei aus Andorra – you know Andorra? Worauf meist ein nur sehr zögerliches „Yes“ zurückkam. Oft ergaben sich dann auch mit den Erwachsenen Gespräche oder wir sahen einfach zu beim Einbringen der Ernte, das sich noch abwickelte, wie es bei uns vor hundert Jahren gewesen sein dürfte.

Höhepunkt war wohl der Morgen im Basislager an der Nordseite des Mount Everest. Wir waren gestern bei eisigem Wind und schlechtem Wetter angekommen und ich dachte schon, wozu tu ich mir das an, man sieht ja ohnehin nichts. Und dann, als wir am Morgen aus dem gefrorenen Zelt krochen, zog sich ein Nebelschleier nach dem anderen von den Bergen, die zuerst zart in ihren Konturen, dann immer deutlicher sichtbar wurden; und zuletzt stand die frisch verschneiten Kette der Eisriesen (Everest, Lhotse, Nuptse usw.) im strahlenden Schein der Morgensonne leuchtend in ihrer ganzen Pracht vor uns. Kilometerweit standen die Schneefahnen von den Gipfeln in den klaren Himmel, es war ein unbeschreiblich schönes Bild. Wir waren alle tief ergriffen, saßen lange und staunten und konnten uns nicht sattsehen.

Und da war dann auch noch die Siegesfeier am Abend des Zieleinlaufes in Lhasa. Wir bummelten zu Fuß durch die Stadt auf der Suche nach einem vornehmen Restaurant; es gab ja viele Speisemöglichkeiten, aber heute wollten wir es richtig vornehm haben. Endlich fanden wir ein solches, hell erleuchtet, breiter Treppenaufgang mit rotem Teppich, flankiert von goldenen Löwen. Wir wurden auch dementsprechend vornehm empfangen. Es gab chinesische Spezialitäten, die am Tisch gekocht wurden und bald waren wir Mittelpunkt des ganzen Lokales, denn das ganze Personal bemühte sich um uns. Es wurden immer mehr besonders hübsche Chinesen-Mädchen, die uns bedienten, uns die Spezialitäten vorlegten und erklärten, wie sie zu essen seien. Es wurde eine mords Hetz für uns und die Mädchen, das Essen war besonders gut (und sehr scharf und sehr exotisch und auch die Rechnung war letztlich gesalzen, was aber unserer Laune keinen Abbruch tat). Erst zuletzt dämmerte es sogar uns, dass wir wahrscheinlich in einem Nobelbuff gelandet waren, was unsere Laune erst recht gehoben hat; nur die Mädchen schienen dann doch etwas enttäuscht, als uns nach dem Essen der Mut für weitere Abenteuer verließ, wir dankend alle weiteren Angebote ablehnten und fröhlich in unser Quartier abmarschierten.

Es gäbe noch so vieles zu erzählen, von einzelnen Begegnungen und Gesprächen mit den Menschen; von archaischen Szenen aus dem bäuerlichen Leben; von stillen Abenden am Lagerfeuer oder in gemütlichen kleinen Herbergen; von anstrengenden Etappen über weite schlechte Straßen und hohe Pässe; von Besuchen in den großen und schönen Klöstern und von den abschließenden Tagen in Lhasa. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die weite Landschaft im besonderen, klaren  Licht und den dadurch bedingten leuchtenden Farben sowie die Menschen und ihre für mich so fremde Kultur. …..

Inzwischen ist die Kette der hohen Berge vor dem Bullauge des Flugzeuges zu Ende, die Berge werden niederer, die Täler wieder grün und dicht besiedelt und gleich darauf landen wir in Kathmandu, wo nach weiteren zwei Tagen eine herrliche, abenteuerliche Reise mit guten Freunden zu Ende ging und nur mehr als schöner Traum zurückblieb.