Lhotse Shar, 8383m Erstbesteigung im Rahmen der Klubexpedition 1970

Brief von Rolf Walter vom Hauptlager an seine Frau:

Die Nacht haben wir gut verbracht in unserem 2-Mann-Zelt, nur ungern verlassen wir es, um die letzten Vorbereitungen für unseren heutigen Gang zu treffen. In bequemer Höhe trete ich mir eine Fläche in den Schnee, um die Steigeisen anziehen zu können. Bücken ist mühsam in gut siebeneinhalbtausend Meter Höhe. Neben mir stöhnt Seppl, auch er vermisst die O-schwangere Atmosphäre unseres Zeltes.

Über einem inselreichen Wolkenmeer wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, uns wärmen bereits die ersten Sonnenstrahlen.

Lager IV steht auf der SO-Abdachung unseres Berges, von hier zieht ein breiter Hang hinauf zu einem Gratkopf, 8050 m, dahinter baut sich die Gipfelflanke auf. Dazwischen soll eine breite Schlucht liegen, die große Unbekannte unseres Aufstieges.

Eigentümliche Last ziert heute unseren Rucksack, jeder von uns hat zwei lange französische O-Flaschen eingepackt, aus ihnen erhoffen wir uns die Luft für die letzten 400 Meter.

Vorerst heißt es aber, den Gratkopf zu erreichen und dabei mit dem einheimischen O auszukommen.

Der Hang wechselt zwar oft die Neigung, Schwierigkeiten bietet er aber keine. Schwer ist es, im Windbruchharsch zu spuren, erleichtert betreten wir immer wieder blankgefegte Firneisflächen. Langsam sinken um uns die Bergspitzen tiefer, allein der Makalu im Osten bleibt schier unverändert in seiner Größe.

Zahlreich sind die Atempausen, die wir einlegen müssen, schwer ziehen die Riemen an unseren Schultern. Endlich gegen 9 Uhr, nach 3 Stunden, erreichen wir den Gratkopf.

Ab hier wollen wir uns den mitgebrachten O genehmigen, gespannt warten wir auf seine Wirkung, unsere Kräfte sind bereits schwer angeschlagen. Sorgfältig schrauben wir das Reduzierventil auf eine Flasche, schließen den Schlauch der Atemmaske an und setzen diese auf. Nun fließt das wertvolle Element von der kleinen Flasche in die „große“, Sepp ist nun zum Astronaut geworden, leider bleibt die Schwerkraft unvermindert.

Nach den ersten tiefen Atemzügen fühlen wir uns gleich gestärkt. Beim Blick um das nächste Wächteneck haben wir die Stärkung bitter notwendig.

Eine breite, in mehrere Rinnen zergliederte Schlucht trennt uns von der Gipfelwand. Wir überlegen nicht lange, Zeit ist Sauerstoff, schon tänzeln wir auf den vordersten Zacken unserer ausgezeichneten Steigeisen, in der Linken das Eisbeil, in der Rechten den Pickel, über dem Abgrund. Auf das Seil verzichten wir, sichern würde uns zu lange aufhalten. Dauernd wechseln wir in der Führung. Gutes Firneis baut die tollen Formen der Wächten auf, es verringert das Risiko und macht trotz der Steilheit ein rasches Weitergehen möglich.

Für einen kurzen Augenblick können wir den Everest sehen, blau wie ein Eislaufplatz schillert sein Südsattel herauf. Wir nehmen uns nicht viel Zeit zum Schauen, wir müssen unserer eigenen Lage Aufmerksamkeit schenken. Ein kurzer Abstieg bringt uns endgültig an die Gipfelkante, fast unvermindert bleibt die Steilheit, ungebrochen aber ist unser Auftrieb. Nebeneinander steigen wir höher, vier feine Einstiche bilden die Spur des Fußes. Noch befinden wir uns im rechten Wandteil, eine lange Linksquerung bringt uns in die Gipfelfallinie. Ein Felsblock lädt zur kurzen Rast ein. Wir essen ein bißchen und beobachten eine Dohle, die hier auf 8200 m ihr Spiel treibt Der nahe Gipfel über uns reißt uns wieder hoch.

Eine breite, mit Pulverschnee erfüllte Rinne zur Linken meiden wir, wir steigen lieber in den sie begrenzenden, gut gestuften Felsen höher, da sparen wir uns das Spuren. Das Gelände ist hier flacher, umso steiler hängt die Gipfelwand über uns. Der Gipfel wird von einer waagrechten Schneid gebildet, die von vielen Wächten gekrönt ist. Sepp bestimmt eine Wächte im linken Teil zum Gipfel, das heißt, noch ein Stück nach links queren. Die Felsen bleiben zurück, wir kleben in der Schlusswand. Gegenseitig stellen wir die O-Zufuhr von 3 auf 4 Liter, rasselnd dringt der wertvolle O in den Atembeutel. Jetzt heißt es, alle Kraft und Konzentration zusammenreißen, was sich da über unseren Köpfen aufbaut, schein kriminell. Vielleicht 30 m trennen uns noch von oben, aber die wollen erst erstiegen sein. Ein Blick hinunter. Tief unten sehen ich Lager IV und stecknadelgleich erkenne ich unsere tapferen Sherpas, die Nachschub bringen……die werden schauen!

Weiter geht es, aber wie. Das gute, verlässliche Eis geht in Schnee über, tiefer stoße ich den Pickel und das Eisbeil in den weichen Schnee. Mühsam ziehe ich mich daran höher, unsicher stapfen die Beine nach. Wenige Meter unter der Gipfelwächte bleibe ich hängen, unmöglich, hier hinaufzukommen, alles gibt nach. Sepp gelingt es, weiter rechts die Wächte zu durchschlagen, ich steige zu ihm zurück. Direkt über dem Wächtenkamm erreicht Sepp den höchsten Punkt der Wächte, mit schlechtem Gefühl folge ich. Es ist ½ 1 Uhr. Wir setzen uns, ein Bein baumelt links, eines rechts über dem Abgrund. Nebelschwaden umspielen uns, plötzlich sind sie da. Schnell mache ich noch ein paar Aufnahmen vom Everest, der Gipfel des Lhotse I ist bereits im Nebel verschwunden, nur schemenhaft tauchen wild zerklüftete Teile des Verbindungsgrates auf.

Wir binden unsere Wimpel auf den Pickel, den Wimpel vom Land Tirol, meinen stolzen Klubwimpel, den Wimpel der AV-Jugend und den des Gastlandes.

Unsere gefährliche Lage, die schnelle Verschlechterung des Wetters, die Sorge um den Abstieg, lassen keine große Gipfelfreude aufkommen, doch unvergeßlich sind mir die Bilder, die sich zeigen. Schlicht und ehrlich der Handschlag mit Sepp. Gern wollte ich ein Steinchen vom Gipfel für meine tapfere Frau mitnehmen, doch weit und breit nur Eis und Schnee.

Rasch wechseln wir die leere O-Flasche gegen die volle, der Rucksack wird um einiges leichter. Es kostet mich einige Überwindung, die ersten Schritte in die Wand, die inzwischen vollständig im Nebel verschwunden ist, abzusteigen, doch rasch kehrt die alte Sicherheit wieder.

Pausenlos steigen wir ab, nur schwer können wir uns orientieren. Wenn es nur nicht zu schneien anfängt, doch von diesem Übel bleiben wir heute verschont. Wir müssen nun den Weg des Aufstieges im Abstieg überwinden, was bleibt uns anderes übrig, als ohne Zaudern die steilsten Stellen hinunterzusteigen. Mit Freude erkennen wir, daß wir soeben das letzt schwierige Gratstück abgestiegen sind. Da fällt mir ein, im Rucksack habe ich noch ein paar getrocknete Aprikosen, sie schmecken uns herrlich.

Was nun? Vor uns liegt eine kilometerbreite Flanke, und darin irgendwo unser Zelt. Die Sicht reicht kaum fünf Meter. Wir beginnen auf gut Glück, weiter abzusteigen. Anfangs geht es sogar ganz gut, auf einmal 2 Meter vor mir ein bodenloser Abbruch, also links, wieder ein Abbruch, dann rechts Abbruch, wieder links, doch rechts, es geht, weiter . . . .

Wir haben uns verirrt. Sepp hat die glorreiche Idee: Immer nach rechts queren, dann müssen wir zum Grat kommen, an dem wir uns orientieren können.

Wir queren und queren, lösen einander in der Spurarbeit ab. Der Höhenmesser sagt, daß wir bald die Höhe unseres Zeltes erreicht haben müssen. Wir rufen. Von den Kameraden keine Antwort. Sepp ruft: „ein Zelt!“ Leider ist es nur ein Stein. Der Nebel lichtet sich ein bißchen, tatsächlich erspähen wir unser Zelt. Fast waagrecht queren wir hinüber. Hier empfängt uns Walter, wir befreien ihn von einer großen Sorge. Heißer Tee möbelt uns wieder auf. Rührend ist Walters Sorge. Wir beschließen, neu gestärkt, noch nach Lager III abzusteigen.

Erfrischt und neu gestärkt schaffen wir den Abstieg in einer knappen Stunde. Ein freudiger Schrei läßt Freund Siggi und Rüdiger aus ihrer Schneehöhle fahren. Männer werden zu Kindern. Mich erfüllt große Dankbarkeit meinen Kameraden gegenüber, jeder einzelne hat sein Bestes gegeben, um uns den Weg zum Gipfel zu ermöglichen. Nur wer selbst schon um einen hohen Berg gerungen hat, weiß, was es heißt, gut in Form zu sein und doch zu Gunsten eines anderen zurückzustecken.

Langsam begreife ich das Glück des Tages, es wird zur Freude des Lebens.

Rolf Walter